Streit um Syrien-Abschiebungen: Grüne-Ministerin unterstützt Wadephul – und nennt Dobrindt-Pläne „falsch“
VonPeter Sieben
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NRW-Ministerin Paul fordert Bleibeperspektiven für integrierte Geflüchtete aus Syrien. Derweil wächst die CDU-Kritik an Außenminister Wadephul.
Berlin/Düsseldorf – Elf Monate nach dem Sturz des Assad-Regimes ist die Sicherheitslage in Syrien immer noch teils angespannt. Manche Städte liegen in Trümmern, und Interimsregierungschef Ahmed al-Scharaa ist umstritten: Er war über Jahre Anführer der islamistischen HTS-Miliz, die in vielen Staaten als Terrororganisation gilt. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hat sich Ende letzter Woche ein Bild vor Ort gemacht. „Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben“, sagte der Minister bei einem Besuch im vom Krieg schwer verwüsteten Harasta, unsere Redaktion hat ihn in Syrien begleitet.
Er glaube nicht, dass viele Syrer rasch in ihre Heimat zurückkehren würden. Für die Aussage gab es Kritik aus der eigenen Partei, dort sprach man von einem „Scheinkonflikt“. Der syrische Bürgerkrieg sei vorbei und in weite Teile des Landes sei für die allermeisten ausgereisten Syrer eine Rückkehr zumutbar, sagte etwa der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Unionsfraktion, Günter Krings, der Bild. Der Zerstörungsgrad eines Landes sei als Argument gegen eine „freiwillige oder pflichtgemäße Rückkehr“ ungeeignet, sagte Krings.
Anders sieht das Nordrhein-Westfalens Fluchtministerin Josefine Paul (Grüne). Sie stellte am Montag in Düsseldorf ein neuartiges Landesantidiskriminierungsgesetz vor, das Menschen besser vor Benachteiligungen durch Behörden schützen soll. Das Gesetz soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 inkrafttreten, NRW ist das erste Flächenland mit einer solchen Initiative, die es bislang nur im Stadtstaat Berlin gibt.
Wadephul und Debatte um Syrien-Rückkehrer: Dobrindt streicht „Erkundungsreisen“
Am Rande der Pressekonferenz äußerte sie sich im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media auch zur Syrien-Debatte. „Es gab in den vergangenen Wochen und Monaten viele Anzeichen, die an einer vollkommenen Sicherheit in dieser Region zweifeln lassen. Immer wieder flammen Konflikte in dem Land auf“, so Paul. Es obliege dem Auswärtigen Amt und dem Bundesinnenministerium, zu einer eindeutigen Einschätzung der Sicherheitslage zu kommen. „Es wäre gut, wenn dies anhand der konkreten Lage in Syrien geschehen würde, und nicht rein auf der Basis politischer Erwägungen.“
In ihrem Bundesland erlebe sie, dass zahlreiche der einst aus Syrien Geflüchteten für die hiesige Gesellschaft unerlässlich seien. „Viele Menschen, die seit 2015 zu uns gekommen sind, haben ja heute eine klare Arbeitsmarktperspektive, das gilt auch für Nordrhein-Westfalen“, so Paul. „Wir sehen anhand von Arbeitsmarktzahlen, dass der Teil derer, die hier sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, mit den Jahren immer weiter angestiegen ist. Inzwischen liegt der Anteil bei über 60 Prozent.“
Diejenigen, die sich gut in die Gesellschaft integriert hätten, seien eine wichtige Bereicherung auch für den Arbeitsmarkt. „Und Deutschland und NRW haben mit einem erheblichen Fach- und Arbeitskräftemangel zu kämpfen. Wir sind daher weiterhin auf Zuwanderung angewiesen und werden die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten weiter unterstützen.“
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
Die Grünen-Politikerin kritisierte unterdessen Maßnahmen von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Der CSU-Politiker hatte jüngst entschieden, sogenannte „Erkundungsreisen“ für syrische Flüchtlinge auszuschließen. Die Ampel-Regierung hatte geplant, derartige Reisen zu ermöglichen, um eine Rückkehr nach Syrien vorzubereiten. Jetzt riskieren Syrerinnen und Syrer, die in ihre alte Heimat reisen, ihren Schutzstatus. „Klar ist: Wir alle hoffen auf eine stabile und friedliche Entwicklung in Syrien. Aber aus meiner Sicht ist es wichtig, den Menschen, die freiwillig nach Syrien zurückkehren wollen, Erkundungsreisen zu ermöglichen“, sagte Josefine Paul. „Ich halte es für falsch, dass der Bundesinnenminister Erkundungsreisen ausgeschlossen hat. Sie stärken die Perspektive der freiwilligen Rückkehr.“ (Quellen: Eigene Recherchen, Gespräch mit NRW-Ministerin Josefine Paul, dpa)