„Perfide“ Taktiken: Russland übersät Ukraine mit Minen und Fallen – Räumkommandos vor Problemen
VonFlorian Naumann
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Russland übersät die Ukraine mit Minen und Sprengfallen. Die Folgen sind verheerend – ein Experte gibt Einblick.
In Berlin liefen am Dienstag Gespräche über den Wiederaufbau der Ukraine. Bis zur vollständigen Erholung des Landes ist der Weg aber noch weit – und teils wird er täglich länger. Russland bedeckt das Nachbarland mit Minenfeldern und Sprengfallen. Und das auf eine „fortgeschrittene und sehr perfide“ Art und Weise, wie Tymur Pistriuha, Leiter der NGO „Vereinigung der ukrainischen Minenräumer“, FR.de erklärt.
Minen-Misere in der Ukraine: 144.000 Quadratmeter kontaminiert – und es fehlt an Räumenden
Die nüchternen Zahlen aus Pistriuhas täglicher Arbeit im Ukraine-Krieg sind erschütternd: Mindestens 1.000 Zivilisten seien bereits Opfer von Minen und explosiven Hinterlassenschaften des Putin‘schen Angriffskrieges geworden. Laut aktuellen Angaben der ukrainischen Behörden sind Minenräumaktionen auf 144.000 Quadratkilometern erforderlich - das entspricht einer Fläche, 56 Mal so groß wie das Saarland.
Neben der menschenverachtenden Strategie der russischen Armee bereitet den Minenräumern aber auch Personalmangel Kopfzerbrechen. Und Organisationen aus der Zivilgesellschaft kritisieren auch Teile des militärischen Vorgehens der Ukraine.
Russlands Armee und Sabateure gehen „sehr perfide“ vor
„Die Ukraine ist das am stärksten von Minen kontaminierte Land der Welt“, sagt Pistriuha. Die Situation ist besonders kritisch in den Gebieten rund um die Frontlinien im Osten und Süden des Landes. Die meisten Minenopfer gibt es in den Oblasten Charkiw, Donezk, Mykolajiw und Cherson. Pistriuha vermutet, dass die tatsächliche Zahl der verletzten und getöteten Zivilisten weit über der offiziellen Zahl von 1.000 liegt. Denn nicht jeder Fall wird gemeldet und es gibt keinen Zugang zu umkämpften Gebieten.
Ein weiteres Hindernis sei das „sehr perfide“ Vorgehen der russischen Armee und Sabotagegruppen, so Pistriuha. Minenfelder werden in „gemischten“ und „chaotischen“ Mustern angelegt, was die Räumung erschwert. „Sie nutzen sehr oft Sprengfallen und improvisierte Explosionsvorrichtungen.“ Nach dem Rückzug gebe Russland keine Informationen über die Lage der Minen preis. Es kursieren sogar Berichte über Todesfälle unter russischen Soldaten, die auf dem Rückzug durch eigene Minenfelder ums Leben kamen.
„Die Rekrutierung von humanitären Minenräumern ist aktuell ein Problem in der Ukraine“
Die Minenräumer in der Ukraine stehen vor einer Herkulesaufgabe. Hightech-Lösungen wie Kampfmittelbeseitigungs-Roboter (im Militärjargon „EOD“ für „Explosive Ordnance Disposal“), Drohnen und künstliche Intelligenz sind laut Pistriuha im Einsatz - „jede verfügbare Technologie“ werde getestet, eingesetzt oder überprüft. Teils wird wohl auch improvisiert. Doch es fehlt an Personal, wie der Verbandschef zugibt.
Das „Ausmaß der Tragödie“ sei „ungeheuerlich“. „Die Rekrutierung von humanitären Minenräumern ist aktuell ein Problem in der Ukraine“, sagt Pistriuha. Die Regierung versuche, mit Gesetzesänderungen entgegenzuwirken, meint er – ohne jedoch ins Detail zu gehen. Es ist aber bekannt, dass auch dem ukrainischen Militär Personal fehlt. Erst im Mai trat nach langem Ringen ein neues Mobilisierungsgesetz in Kraft. Auch über „Kompetenzgerangel“ bei der Minenräumung wurde berichtet.
Landminen und Streumunition im Ukraine-Krieg: Einzelne Vorwürfe auch gegen Kiew
Auf die Frage, ob auch das ukrainische Militär Minen einsetzt, antwortet Pistriuha: „Keine Antwort. Das ist nicht unser Kompetenzfeld“. Die NGO Human Rights Watch (HRW) hat zwar das Vorgehen Russlands scharf verurteilt, aber in mindestens einem Fall auch den Einsatz von Landminen durch die Ukraine im Jahr 2022 in der Region Isjum, also auf eigenem Territorium, angeprangert. Die Ukraine versprach im Sommer 2023, den Fall zu prüfen. Russlands Minennutzung setze sich fort, schrieb HRW bei Veröffentlichung des Falls.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Laut der Forschungsgruppe „Mine Action Review“ ist die Verwendung von Streumunition ein weiteres Problem. Oft explodieren Teile der Munition nicht sofort und können noch Jahre später Menschen verletzen. Auch hier ist Russland wohl nicht das einzige Problem: Im Sommer 2023 lieferten die USA die weitgehend geächtete Munition auch an die Ukraine. Die Experten von „Mine Action Review“ sehen jedoch offenbar die russische Armee als Hauptverursacher des Leids. Seit Beginn der Invasion habe Russland in „erheblichem Maße“ Minen eingesetzt, darunter auch eine neue Variante, die extrem schwer zu entschärfen sei.
Pistriuha, der mit den Folgen des Mineneinsatzes zu kämpfen hat, richtet einen indirekten Appell an die Wiederaufbaukonferenz in Berlin: Die humanitäre Minenräumung sei „ziemlich teuer“, aber jedes Wiederaufbauprogramm auf sie angewiesen. „Deshalb haben wir dringenden Bedarf an Finanzmitteln für unsere Aktivitäten. Um sie auszuweiten oder neue Technologien einzusetzen. Und um unser Land wieder instand zu setzen.“ (fn)