- VonMichael Schmuckerschließen
Medizinische Fachkräfte sind überfordert, wenn es um sexuelle Gesundheit der trans* und nicht-binären Community geht. Von den Folgen berichten zwei junge trans* Frauen.
Die Grundaussage der neuen Studie „Sexuelle Gesundheit und HIV/STI in trans* und nicht-binären Communitys“ der Deutschen Aidshilfe (DAH) sowie des Robert Koch-Instituts lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ärzt:innen, medizinisches Personal und Mitarbeiter:innen bei Beratungsstellen haben nicht genug Wissen über nicht-binäre und trans* Menschen. Die Bildungslücke ist dabei mancherorts so gravierend, dass sie tatsächlich gefährlich werden kann.
Mit der Studie liegen erstmals gesicherte und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur aktuellen Lage in Deutschland vor, befragt wurden dabei über 3.000 queere Menschen sowohl online wie auch direkt in Workshops. Besonders schwierig ist die Situation dabei, wenn eine Unwissenheit beim Thema trans* und nicht-binär in Verbindung mit einem Menschen mit HIV auftritt, hier sind viele medizinische Fachkräfte nach wie vor überfordert, so die DAH. Das ist auch deswegen besonders heikel, weil HIV bei nicht-binären und trans* Menschen siebenmal häufiger vorkommt als im Durchschnitt der Bevölkerung.
Sylvia Urban vom Vorstand dazu: „Mit Blick auf HIV und Geschlechtskrankheiten ist ein leichter Zugang zu kompetenten Angeboten für Beratung, Tests und Behandlung unverzichtbar. Trans* und nicht-binäre Menschen können sich darauf in Deutschland noch nicht verlassen. Sie müssen mit Unwissenheit und Diskriminierung rechnen – und damit, dass sie schlicht nicht mitgedacht werden. Das muss sich dringend ändern!“
Manua hat Schwierigkeiten, sich immer wieder neu vor Ärzt:innen zu öffnen
Fast jeder fünfte nicht-binäre oder trans* Mensch (17 Prozent) hat bereits aus Angst vor Diskriminierung lieber auf bestimmte medizinische Leistungen verzichtet. So erging es auch Manua, einer trans* Frau aus Nordrhein-Westfalen. Die 31-Jährige lebt abseits der großen queeren Städte und tut sich schwer damit, immer offen gegenüber Ärzt:innen zu sein:
Es gibt diese vielen ersten Male, ein lebenslanges Coming-Out. Meine Hausärztin weiß über mich Bescheid, aber manchmal muss man ja zu diversen Fachärzt:innen und da beginnt jedes Mal dieser schmerzhafte und angstmachende Prozess. Und das beginnt schon beim Anruf, wenn man einen Termin ausmachen will und geht weiter bei der Anmeldung in der Praxis sowie bei der ersten Voruntersuchung durch eine medizinische Fachkraft, bevor man dann auf den eigentlichen Mediziner trifft. Und ja, man fragt sich da schon immer wieder: Brauche ich diese Behandlung wirklich? Oder lasse ich es lieber sein, ist ja nicht so schlimm?
Wie dramatisch die Lage ist, bestätigt auch Jonas Hamm, wissenschaftlicher Referent des Projektes: „Nicht spezialisierte Beratungsstellen fehlte es fast immer an Kompetenz in diesem Bereich“, sagt er BuzzFeed News. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf Einrichtungen in der queeren Community – viele dieser Anlaufpunkte können zwar mit homosexuellen Menschen geschult umgehen, versagen aber, wenn es um nicht-binäre und trans* Personen gehe. „Die haben oft kein ausreichendes Wissen über trans* und nicht-binäre Körper und Lebensweisen. Oft merken sie das selbst gar nicht richtig, gerade weil sie sich als queer begreifen. So kommt es dann zu unabsichtlichen Diskriminierungen und Fehlinformationen. Es ist wichtig, dass Berater:innen speziell auf trans* und nicht-binäre Menschen vorbereitet sind und ihre Bedürfnisse und Besonderheiten immer mitdenken.“
Unterschiedliche Infos über HIV-Prävention für Männer und Frauen
Immer wieder komme es so zum Beispiel vor, dass Berater:innen gar nicht merken, dass vor ihnen eine trans* Person sitzt und dann beispielsweise beim Thema HIV-Prävention mit der PrEP falsche oder unnütze Informationen weitergeben. „Der Wirkstoff reichert sich in der Vaginalschleimhaut langsamer an als in der Analschleimhaut, darum muss früher mit einer PrEP begonnen werden, um geschützt zu sein. Der trans* Mann outet sich der beratenden Person gegenüber vielleicht aber gar nicht als trans*, weil er nicht weiß, dass seine Geschlechtsorgane relevant sind. Im schlimmsten Fall kann sich also tatsächlich eine Person mit HIV infizieren, wenn von falschen körperlichen Gegebenheiten ausgegangen wird“, so Hamm.
Die DAH fordert daher nun flächendeckende Grundlagenschulungen und Workshops zu sexueller Gesundheit. „Diese Themen müssen überall selbstverständlich dazu gehören – von der Uni bis zum Ärzt:innenkongress.“ Dabei ginge es weniger darum, schnellstmöglich etwas zu erreichen, sondern eher um grundsätzliche Verbesserungen. „Wir brauchen keine Hauruckmaßnahmen, sondern wohlüberlegte, fachlich fundierte und langfristige Veränderungsprozesse.“ Nebst dem Ausbau von geschulten Check-Points bedarf es dabei auch der Unterstützung seitens der Politik.
„Ich sehe dich nicht“: Folgen von diskriminierende Witze über trans* Frauen und Männer
Doch oftmals hapert es nicht nur an Wissen, es kommt in vielen Fällen auch noch offene Diskriminierung dazu – immer wieder erleben Betroffene so, dass verletzende Witze gerissen werden, sagt Hamm: „Oft merken die Leute dabei gar nicht, dass sie eine unpassende Aussage machen. ‚Schwangerschaftsverhütung ist ja bei Ihnen kein Thema´ klingt für sie selbst wie ein Scherz, signalisiert schwulen trans* Männern und lesbischen trans* Frauen aber: Ich sehe dich nicht.“
Die Folge: Das Vertrauen schwindet, schlimmstenfalls kommen psychische Verletzungen hinzu. „Ich weiß, das klingt zunächst albern, dass man sich von einem Witz oder einer falschen Ansprache verletzt fühlen kann“, sagt Manuas beste Freundin Sarah (28), auch trans*, zu BuzzFeed News. „Aber wenn einen tagtäglich diese verbalen Nadelstiche treffen, wirklich jeden Tag, sobald man die Wohnung verlässt, dann wird man dünnhäutig, ja, löchrig. Verletzungen können dann sehr schnell sehr tief gehen, auch wenn das vielen gar nicht bewusst sein mag.“
Mehr zum Thema: 3 queere Tourist:innen erzählen, was sie in für sie gefährlichen Ländern verblüfft hat
31 Prozent trauen sich nicht, Nein zu sagen, wenn sie keinen Sex möchten
So geschieht es infolgedessen auch, dass viele trans* Menschen im privaten Lebensbereich mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen haben, wie die Studie ebenso festgehalten hat: 79 Prozent der Befragten hatten beim Sex schon das Gefühl, sie müssten ihre Geschlechtsidentität beweisen, 55 Prozent fällt es schwer, überhaupt die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu äußern und 31 Prozent trauen sich nicht, Nein zu sagen, wenn sie keinen Sex möchten. Eine große Hilfe für viele nicht-binäre und trans* Menschen können dabei die Community und gute Freund:innen sein – sei das nun für den Besuch in der Arztpraxis oder um anderweitige Probleme zu bewältigen.
„Ich denke, das ist ein wichtiger Schlüssel: Die eigene Verletzlichkeit zu sehen, ernst zu nehmen und sich nicht zu scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das kann viel Kraft und Selbstbewusstsein geben“, so Hamm. Wer noch kein Unterstützungsnetzwerk habe, könne sich mit Hilfe von Beratungsstellen, Selbsthilfe- oder queeren Jugendgruppen eines aufbauen. Jene Anlaufstellen helfen auch dann, wenn man sich gegen erlebte Diskriminierung wehren will. Hamm weiter: „Eine der zentralen Erkenntnisse unserer Studie lautet: Community macht stark. Vernetzungstreffen, Workshops zu Körperarbeit, ermutigende Kommunikation zu Sexualität und sexueller Gesundheit – alle diese Dinge stärken trans* und nicht-binäre Menschen in ihrem Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und auch in ihrer sexuellen Verhandlungskompetenz.“
Bleibt am Ende nur die Frage offen, warum so viel Diskriminierung und Unwissenheit im medizinischen Bereich in Deutschland gegenüber trans* und nicht-binären Menschen noch immer vorhanden ist. Müssten nicht gerade jene Personen besonders sensibilisiert sein? „Generell sind wir als Gesellschaft noch nicht gut darin, offen und bejahend über Sexualität zu reden. Die Medizin ist nach meiner Erfahrung besonders normativ und tendenziell verklemmt – in dem Bemühen, seriös und ‚objektiv´ zu wirken, um nicht angreifbar zu sein. Dazu kommen die Stigmata zu Transgeschlechtlichkeit und gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und – Boom! – haben wir eine sehr explosive Mischung.“ Es gilt also noch viel zu lernen – für alle von uns!
Mehr zum Thema: Gläubig und queer? So geht es der LGBTQIA+-Community in der katholischen Kirche