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Ein Wissenschaftsteam aus Frankfurt und Hamburg will Betroffene in fünf Großstädten über Rassismus-Erfahrungen befragen.
Es ist eines der größten Forschungsprojekte zu Rassismus und Diskriminierungserfahrungen mit der Polizei in Deutschland, das am Montag startet. Ein Team um den Frankfurter Kriminologen Tobias Singelnstein und die Soziologin Eva Groß von der Polizeiakademie Hamburg schickt mehr als 100 000 Briefe heraus, um Menschen zur Teilnahme an einer Erhebung einzuladen und sich ein repräsentatives Bild von der Lage und Erfahrungen mit der Polizei zu machen.
Angeschrieben würden dafür zufällig aus dem Melderegister ausgewählte Personen in Frankfurt, Berlin, Dresden, Hamburg und München, sagte Singelnstein der Frankfurter Rundschau vorab. Das Projekt werde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und sei auf drei Jahre angelegt. Ein erster Zwischenbericht soll Anfang nächsten Jahres vorgelegt werden.
Vorurteile bei der Polizei verbreitet
Bisher gibt es vor allem Studien, die die polizeiliche Perspektive in den Blick nehmen. So wurden im vorigen Jahr die Ergebnisse der Megavo-Studie veröffentlicht, bei der die Deutsche Hochschule der Polizei im Auftrag des Innenministeriums des Bundes Motivation, Einstellung und Gewalt im Polizeialltag untersucht hat.
Bei der Befragung von Zehntausenden Polizeibediensteten kam heraus, dass ein Großteil von ihnen die Demokratie befürwortet und ein entsprechendes Weltbild hat. Zugleich gaben allerdings 30 bis 40 Prozent der Befragten an, rassistische Äußerungen von Kolleginnen oder Kollegen mitbekommen zu haben. Auch die Einstellung gegenüber muslimischen Menschen und Asylsuchenden war bei einem nennenswerten Teil der Befragten negativ.
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„Uns ist es wichtig, die Betroffenenperspektive stark zu machen“, sagt nun Professor Singelnstein. So war der Kriminologe von der Goethe-Uni bereits in seinem Forschungsprojekt „Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamt:innen“ vorgegangen. Dabei kam ans Licht, dass Polizeigewalt fast nie angezeigt wird. Und selbst wenn solche Fälle gemeldet werden, führt das kaum zu strafrechtlichen Konsequenzen.
Dass die Forschenden nun so viele Einladungsschreiben für ihre Studie verschicken, deutet darauf hin, dass sie davon ausgehen, dass nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Bevölkerung Erfahrungen mit Diskriminierung oder Rassismus gemacht hat: „Wenn man 1000 Leute befragt, sind am Ende vielleicht fünf oder zehn dabei, die sagen, dass sie so was schon mal erlebt haben“, stellt Singelnstein fest. Daher müssten viele Menschen angeschrieben werden, um eine statistisch aussagekräftige Zahl von Befragten mit entsprechenden Erfahrungen zu erhalten.
Rassismus in der polizeilichen Praxis werde seit dem Tod von George Floyd vor fünf Jahren in der US-Stadt Minneapolis intensiv diskutiert, betont Singelnstein. Ein weißer Polizist lehnte damals für fast zehn Minuten auf dem Hals des Afroamerikaners. Ein Video davon löste weltweite Proteste aus.
Veraltetes Verständnis von Rassismus
Trotzdem bestünden weiter erhebliche Lücken in der Forschung, erläutert Singelnstein: „Wir gehen davon aus, dass Rassismus und Diskriminierung nicht nur ein Problem der Einstellung Einzelner in der Polizei ist, sondern dass es strukturellen, institutionellen Charakter hat.“ Im Gegensatz dazu pflege die Polizei „eher ein klassisches, man könnte auch sagen veraltetes Rassismusverständnis“.
Es dominiere die Vorstellung, „dass es ein Problem von einzelnen schwierigen Leuten ist, die man finden muss und gegen die man im Zweifelsfall auch mit Disziplinarmaßnahmen vorgehen kann“. Dabei werde die Vorstellung aufrechterhalten, „dass es kein generelles Problem der Polizei in der Praxis“ sei – denn das würde sich mit dem Selbstbild der Polizei beißen. Singelnstein ist überzeugt, dass es nicht ausreicht, „in der Ausbildung zwei Stunden sogenannte interkulturelle Kompetenz zu lernen“. Stattdessen sei ein „breiterer Ansatz“ erforderlich. Die Studie könne dafür Erkenntnisse bringen.
