„Fliegendes Tschernobyl“

„Sturmschwalbe“: Putins von Anfang an missglückte „Wunderwaffe“

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Burewestnik – Russlands atomgetriebener Marschflugkörper scheitert an den selbst gesteckten Ansprüchen. Typisch Putin: mehr Schein als Sein?

Moskau – „Es ist unrealistisch zu erwarten, dass Russland jemals die Raketen ‚ausgehen‘ werden“, schreibt Ian Williams. Der Analyst des US-Thinktanks „Center for International and Strategic Studies“ (CSIS) hat die Aussage im Zusammenhang mit dem versuchsweisen Einsatzes von Wladimir Putins neuer Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ (zu Deutsch: Haselstrauch) getroffen. Und während die Nato noch rätselt, was die Waffe kann, wie viele davon wohl gebaut würden und ob sie im Ukraine-Krieg zum Einsatz kommen könnte, hat Russland seinen nächsten Schrecken aufgefahren: die „Burewestnik“ (Sturmschwalbe), ein Marschflugkörper mit Nuklearantrieb und extra langer Reichweite. Der Reaktor gelte allerdings als anfällig, weswegen die Waffe mitunter als „das fliegende Tschernobyl“ bezeichnet würde, wie Waclaw Radziwinowicz in der Welt schreibt.

Militärparade in Peking: China präsentiert unter den Augen von Putin und Kim neue Superwaffen

Eine strategischen Interkontinentalraketen von Typ DF-61 wird bei der Militärparade zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg gezeigt.
Eine strategischen Interkontinentalraketen von Typ DF-61 wird bei der Militärparade zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg gezeigt. © Andy Wong/AP/dpa
Chinesische Bomber des Typs Xian H-6 während der Militärparade in Peking.
Chinesische Bomber des Typs Xian H-6 während der Militärparade in Peking. © Hector RETAMAL / AFP
Chinesische Kampfflugzeuge - Shenyang J-16 (r.), Chengdu J-20 Mighty Dragon (mitte), and Shenyang J-35 (l.) - fliegen während der Militärparade in Peking.
Chinesische Kampfflugzeuge - Shenyang J-16 (r.), Chengdu J-20 Mighty Dragon (mitte), and Shenyang J-35 (l.) - fliegen während der Militärparade in Peking. © GREG BAKER / AFP
Militärparade in Peking: China hat die interkontinentalen ballistischen Raketen DF-5C zur Schau gestellt.
Militärparade in Peking: China hat die interkontinentalen ballistischen Raketen DF-5C zur Schau gestellt. © GREG BAKER / AFP
Fahrzeuge mit der Laser-Waffe LY-1 fahren während der Militärparade in Peking am Platz des Himmlischen Friedens vorbei. China zeigte erstmals während der Parade diesen sogenannten Hochenergie-Lasers (HEL), der zur Abwehr von Schwärmen kleinerer Drohnen oder Lenkwaffen dienen könnte.
Fahrzeuge mit der Laser-Waffe LY-1 fahren während der Militärparade in Peking am Platz des Himmlischen Friedens vorbei. China zeigte erstmals während der Parade diesen sogenannten Hochenergie-Lasers (HEL), der zur Abwehr von Schwärmen kleinerer Drohnen oder Lenkwaffen dienen könnte. © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade in Peking: Ein chinesischer Soldat posiert vor HHQ-9C Boden-Luft-Raketen.
Militärparade in Peking: Ein chinesischer Soldat posiert vor HHQ-9C Boden-Luft-Raketen. © Pedro PARDO / AFP
Eine chinesische Drohne während der Militärparade in Peking.
Eine chinesische Drohne während der Militärparade in Peking. © Pedro PARDO / AFP
Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: Helikopter fliegen eine Formation über Peking.
Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: Helikopter fliegen eine Formation über Peking. © Greg Baker/AFP
Militärparade in Peking: Soldatinnen marschieren in Reih und Glied am Platz des Himmlischen Friedens vorbei.
Militärparade in Peking: Soldatinnen marschieren in Reih und Glied am Platz des Himmlischen Friedens vorbei.  © Johannes Neudecker/dpa
Stargast bei der Militärparade in Peking: Kremlchef Wladimir Putin
Stargast bei der Militärparade in Peking: Kremlchef Wladimir Putin © Sergei Bobylev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Ebenfalls zu Gast bei der Militärparade in Peking: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un
Ebenfalls zu Gast bei der Militärparade in Peking: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un © Alexander Kazakov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Militärparade in Peking: Xi Jinping bei seiner anschließenden Ansprache
Militärparade in Peking: Xi Jinping bei seiner anschließenden Ansprache © Jade Gao/AFP
Vor Militärparade in Peking
Der chinesische Staatschef Xi Jinping hat zur Militärparade am 3. September illustre Gäste geladen. Darunter ist auch der russische Präsident Wladimir Putin. Schon vor der Parade haben sie bei einem Treffen in Peking ihr gutes Verhältnis betont. Putin und Xi betonten außerdem, zur Militärparade anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges der jeweils anderen Seite gekommen zu sein. © Sergei Bobylev/dpa
Vor Militärparade in Peking - Treffen Xi und Putin
Am 1. September hatten sich Xi und Putin beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) für eine neue Weltordnung ausgesprochen. Die russlandfreundliche SOZ gilt Gegengewicht zu westlichen Bündnissen. Putin hatte erklärt, das eurozentrische und euroatlantische Modell habe sich überlebt. © dpa
Vor Militärparade in Peking - Ankunft Gäste
544732808.jpg © Pang Xinglei/dpa
Kim Jong un
Kim Jong-un verlässt sein Land überaus selten. Die Militärparade in Peking ist für ihn das erste Treffen mehrerer Staatschefs überhaupt. Es wird erwartet, dass er Xi Jinping und Wladimir Putin in Peking auch zu persönlichen Gesprächen trifft.  © afp
Vor Militärparade in Peking
Wichtige Vertreter aus dem Westen werden bei der Militärparade in Peking nicht im Publikum sein. Dabei ist aber der serbische Präsident Aleksandar Vučić (hier bei seiner Ankunft). © Lintao Zhang/dpa
Vor Militärparade in Peking - Ankunft Gäste
Auch der slowakische Regierungschef Robert Fico ist vor Ort (hier am Flughafen von Peking). Beide stehen vor allem dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahe. © Jade Gao/dpa
Militärparade China
China erinnert am 3. September an den Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg. Nach 2015 zum 70. Jahrestag hält die Volksrepublik damit zum zweiten Mal eine Militärparade anlässlich des Gedenkens an den Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg ab. Die letzte große Militärparade in Peking fand 2019 statt. Damals erinnerte die herrschende Kommunistische Partei an den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik 1949. © Wang Zhao/afp
Militärparade China
Mit Zehntausenden Männern und Frauen will China bei der diesjährigen Militärparade anlässlich des 80. Jahrestages des Sieges im Widerstandskrieg gegen Japan seine Kampffähigkeit unter Beweis stellen.  © Pedro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Insgesamt sollen 45 Formationen über den Platz des Himmlischen Friedens in Peking laufen und fliegen. Darunter sind ausgewählte Einheiten des Heeres, der Marine, der Luftwaffe, aber auch der Luftabwehrtruppen.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
Zudem will die Staatsführung in der rund 70-minütigen Vorführung Hunderte Panzer und Militärfahrzeuge sowie Kampfflugzeuge und Hubschrauber zur Schau stellen.  © Pedro Pardo/afp
Militärparade China
Schon seit geraumer Zeit trainieren am Stadtrand von Peking Einheiten in der Sommerhitze für die Militärparade.  © Pesro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Die Parade fällt in eine Zeit, in der Peking im Südchinesischen Meer und der Taiwanstraße unter westlicher Kritik zunehmend militärischen Druck aufbaut.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
Alle gezeigten Waffensysteme sollen aus chinesischer Herstellung stammen. Darunter soll neue, bisher nicht gezeigte Ausrüstung sein, unter anderem Drohnen, elektronische Störsysteme, Hyperschallwaffen sowie Raketen- und Luftabwehrsysteme. © Pedro Pardo/afp
Militärparade China
Die bei der Parade zur Schau gestellten Waffen könnten Hinweise auf einen möglichen zukünftigen Konflikt mit Taiwan liefern. Es wird erwartet, dass dabei eine neue Serie von Anti-Schiffs-Raketen, die Ying Ji („Adlerangriff“), vorgestellt wird. Diese Marschflugkörper sowie ballistische und Hyperschallraketen könnten entscheidend sein in einem Gefecht mit der US-Marine. © Pedro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Die Parade wird auch die Rolle der Kommunistischen Partei der Volksrepublik beim Sieg über Japan herausstellen. © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Dabei sind sich die Historiker außerhalb Chinas weitgehend einig, dass das Hauptverdienst für diesen Sieg Chiang Kai-sheks Nationalisten zukommt, die damals den größten Teil Chinas regierten © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
2015 würdigte die Kommunistische Partei die nationalistischen Soldaten, indem sie Veteranen zur Parade einlud. © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Auch ausländische Mächte trugen zur Niederlage Japans bei, darunter die als „Flying Tigers“ bekannten US-Piloten. Sie einzubeziehen, wäre eine versöhnliche Geste gegenüber der Regierung in Washington. © Johannes Neudecker/dpa
Siegesparade Moskau
Als Anerkennung der damaligen Unterstützung der Sowjetunion könnten russische Soldaten mitmarschieren – so wie auch chinesische Soldaten an der Moskauer Parade im Mai teilnahmen. © Kirill Kudryavtsev/afp
Übung zur Militärparade in Peking
In der Militärkapelle spielen laut staatlichen Medien 80 Hornisten mit, die für die 80 Jahre seit der Kapitulation Japans stehen.  © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Die insgesamt mehr als 1000 Musiker stehen in 14 Reihen – Sinnbild für die Jahre des chinesischen Widerstands.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
In der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas begann der Krieg mit der japanischen Invasion der Mandschurei 1931. © Wang Zhao/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Groß angelegte Militärparaden in China sind selten. Peking selbst will die Parade und seine wachsende militärische Macht als einen Beitrag zum Frieden verstanden sehen. © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
AFP__20250820__69ZJ7G6__v2__HighRes__TopshotChinaJapanHistoryWwiiMilitaryParade.jpg © Pedro Pardo/afp
Vor Militärparade in Peking - Treffen Xi und Putin
Nach der Parade wird Xi voraussichtlich eine Ansprache halten. Beobachter erwarten Kommentare zu den USA und zu Taiwan, das China als Teil der Volksrepublik betrachtet. © Sergei Bobylev/dpa

Putins Aktivitäten im Eis – gäben „mysteriöse Truppenbewegungen“ Hinweise „auf einen baldigen Einsatz“

Auf einer sibirischen Militärbasis gäben „mysteriöse Truppenbewegungen“ Hinweise „auf einen baldigen Einsatz“, so Radziwinowicz. Bereits im vergangenen Jahr hatten verschiedene Medien über angebliche Tests berichtet, und auch der ukrainische Militärgeheimdienst streut jetzt erneut Informationen über Versuche mit dieser Waffe. „Im Erfolgsfall wird Russland die Testergebnisse nutzen, um seine Interessen in den Verhandlungen mit dem Westen zu verteidigen“, zitiert Reuters Andriy Yusov, der Sprecher des ukrainischen Militärgeheimdienstes. Erste konkretere Berichte über Aktivitäten mit diesem neuen Marschflugkörper datieren von Mitte August, bevor sich Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump in Alaska zu Verhandlungen über einen Frieden in der Ukraine getroffen hatten.

„Wir können die gesamte Aktivität auf dem Testgelände beobachten, sowohl die riesigen Mengen an Versorgungsgütern, die zur Unterstützung der Operationen ankommen, als auch die Bewegung an dem Ort, von dem aus die Rakete tatsächlich abgefeuert wird“, zitiert Reuters Jeffrey Lewis vom US-amerikanischen Thinktank „Middlebury Institute of International Studies“. Der Nachrichtenagentur zufolge sei auch Decker Eveleth vom US-Thinktank „Center for Naval Analyses“ (CNA) unabhängig von Lewis zur gleichen Beobachtung gelangt. Ausschlaggebend gewesen seien Satellitenbilder des kommerziellen Satellitenunternehmens Planet Labs. „Sie stimmten darin überein, dass die Fotos umfangreiche Aktivitäten auf dem Testgelände Pankovo ​​im Barentssee-Archipel Nowaja Semlja zeigten, darunter eine Aufstockung der Zahl an Personal und Ausrüstung sowie an Schiffen und Flugzeugen im Zusammenhang mit früheren Tests der 9M730 Burewestnik“, schreibt Reuters-Autor Jonathan Landay.

Russland normalisiert einen gefährlichen Atomdiskurs.

Heather Williams, Center for Strategic and International Studies

Lewis, Eveleth und zwei Rüstungskontrollexperten sagten, die Entwicklung der Rakete habe für Moskau an Bedeutung gewonnen, seit Trump im Januar die Entwicklung eines US-Raketenabwehrschilds namens „Golden Dome“ angekündigt habe, so Reuters. Bereits mit der Oreschnik hatte Russland Stärke demonstrieren wollen und den Beleg dafür erbringen, dass Russland in der Lage sei, Tod und Vernichtung von Moskau aus beispielsweise bis ins portugiesische Lissabon tragen zu können. Mit dem Test der Oreschnik Ende 2024 habe Wladimir Putin damit nach eigenem Bekunden die Freigabe westlicher Waffen für einen Angriff auf Russlands Territorium beantwortet. Die „Sturmschwalbe“ soll jetzt sogar gefährlicher sein als der „Haselstrauch“ und weiter fliegen können als die Orschnik, die auf maximal 5.000 Kilometer geschätzt wird.

Ukraine-Krieg zieht nach Europa: Putins neue Rakete kann vielleicht wochenlang über der Erde kreisen

Die Innovation dieser Waffe bestünde laut der Welt darin, dass sie nicht nur selbststeuernd konstruiert sein soll, sondern angetrieben werde von einem integrierten Atomreaktor; dadurch könne sie „wochenlang über der Erde kreisen mehrmals die Erde umrunden und dabei, eine Spur radioaktiver Zerfallsprodukte hinter sich herziehend, in unterschiedlichen Höhen manövrieren, um Flugabwehrsysteme zu umgehen“, wie Welt-Autor Waclaw Radziwinowicz den russischen Diktator zitiert. „Russland normalisiert einen gefährlichen Atomdiskurs“, schreibt Heather Williams. Die Analystin verweist auf eine Studie des US-Thinktanks CSIS von Anfang 2024, nach der russische Politiker in mehr als 200 Fällen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine auf den Einsatz von Atomwaffen verwiesen hätten.

Mit der Eskalation des Konflikts in der Ukraine hätten auch die Drohungen an Schärfe gewonnen. Zuletzt hatte Wladimir Putin seine Atomdoktrin überarbeitet – bereits die Partnerschaft eines russischen Gegners mit einer nuklearen Macht reiche demnach, um einen atomaren Erstschlag auszulösen. Was offenbar dem Westen wenig Kopfzerbrechen bereitet, wie verschiedene Medien wiederholt berichten. Bereits die Einführung der als Hyperschallwaffe angepriesenen Oreschnik hatte Anlass gegeben zu Zweifeln, dass Russland seine ambitionierten Raketen zur Reife entwickeln beziehungsweise anschließend in relevanter Stückzahl produzieren kann. Während Optimisten Russland die Fähigkeit zu einer „Kalaschnikow“-Ökonomie zubilligen, also einfache, aber robuste Technik in Masse zu produzieren, sehen Pessimisten klare Schwächen Russlands im Bau von Hochtechnologie.

Beruhigung für die Nato: Experte verneint, dass die Burewestnik das Zeug zur „Wunderwaffe“ habe

Die Burewestnik macht da wohl keine Ausnahme: So sollen zwischen elf und 13 Tests mit der Waffe stattgefunden den haben. Analysten wollen darunter lediglich ein bis zwei Tests als erfolgreich erkannt haben. Bereits im September 2024 hatte Decker Eveleth klar verneint, dass der Burewestnik das Zeug zur „Wunderwaffe“ innewohne, wie der Analyst im Magazin Foreign Policy deutlich gemacht hat. Allein durch Reichweite und Sichtbarkeit der Waffe würden die Ambitionen Wladimir Putins begrenzt werden. Der Antrieb, der statt aus einem klassischen Düsentriebwerk, aus einem ungeschützten Kernreaktor bestünde, könnte theoretisch unbegrenzte Entfernungen zurücklegen – wenn er denn technisch umsetzbar wäre, wie sich die Russen das vorstellten, schreibt Eveleth.

Große Gesten, vollmundige Versprechungen – und was steckt dahinter? Wladimir Putin während einer Pressekonferenz zum Abschluss seines China-Besuches. Von seinem Burewestnik-Marschflugkörper soll die Welt Wunderdinge erwarten, aber Experten zweifeln daran, dass die Waffe wird halten können, was sich die Russen davon erhoffen.

Der Marschflugkörper ist dafür gebaut, unbegrenzt zu schweben und stellt damit die Potenzierung der Vernichtungskraft heute im Ukraine-Krieg schon gewohnter „loitering ammunition" dar – also „herumlungernder“ Munition. Allerdings benötigen diese schwebenden Waffen einen ständigen Abgleich mit satellitengestützter Kommunikation. Über einen längeren Zeitraum und längere Entfernungen summierten sich allerdings kleine Fehler im Lenksystem der Rakete, was deren Genauigkeit konterkariert. Je länger sie herumlungern, desto stärker würde ihre Treffergenauigkeit leiden; laut Eveleth könne sie also vorerst nie das leisten, wofür sie konstruiert worden war; ihm zufolge bestünden also grundlose Ängste, hinsichtlich von Burewestnik-Waffen, die ewig in der Nähe von Nato-Zielen schwebten, um aus heiterem Himmel anzugreifen.

Was steckt hinter Russlands Technik: eine Reichweite von 10.000 bis 20.000 Kilometern?

Spenser A. Warren geht davon aus, dass die Burewestnik eine Reichweite von 10.000 bis 20.000 Kilometern habe, und Putin damit jeden Ort der Vereinigten Staaten treffen könnte, wie er für das U.S. Army War College geschrieben hat. Laut Decker Eveleth stecke in der Burewestnik aber ein zweiter Fehler im System. Zwar seien Marschflugkörper weniger gut sichtbar und schlechter zu verteidigen. Aber je länger die Waffe in der Luft schwebe, desto größer würden die Chancen, sie während ihrer Mission aufzuspüren. Laut dem Wissenschaftler könnte Russland diese Herausforderung meistern mit mobilen Abschussrampen – was die aber unterließen und statt dessen auf feste Startbasen setzten; ein Grund, weshalb offenbar viele Informationen über die Fortschritte vorlägen.

Eveleth beschreibt den Standort der Waffen als Lager für Atomsprengköpfe, „angeblich Wologda-20 genannt“, rund 650 Kilometer entfernt von den Grenzen Russlands zu denen von Finnland und Estland. „Er umfasst neun feste Startpositionen, Raketenabwehranlagen und Lagerbunker für Atomsprengköpfe. Da sich Startpositionen, Raketen und Sprengköpfe alle am selben Standort befinden, ist es wahrscheinlich, dass die Burewestnik eine Rakete ist, die jederzeit startbereit ist“, so Eveleth. Er habe das beispielsweise daran erkannt, dass an Raketencontainern die Dächer bewegt worden waren. Ungeachtet dieser Aktivitäten hält Spenser Warren die Burewestnik aufgrund ihrer systemimmanenten Makel eher geeignet für einen atomaren Zweitschlag.

Da aber noch diskutiert wird, ob die Waffe einen nuklearen „Abgasstrahl“ verursacht und somit das Gelände unter ihrer Flugbahn kontaminiert, hätte der atomare Erstschlag schon Schäden in Russland verursacht. Die Schäden für die eigene Bevölkerung würden durch die Burewestnik eventuell noch potenziert – was Warren zum Fazit verleitet, die Burewestnik sei „ein schlechtes Werkzeug für die Kriegsführung“.

Rubriklistenbild: © Sergei Bobylov/POOL/AFP

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