VonJohannes Dieterichschließen
Der Konflikt im Westen des Sudan intensiviert sich. Befeuert wird er durch den Machtkampf der Warlords Al-Burhan und Hemeti im fernen Khartum.
Adré – Wenn die Hölle einen Vorhof hat, ist Adré ihr Hinterhof. In dem tschadischen Städtchen im Grenzgebiet zum Sudan treffen derzeit täglich Tausende von Flüchtlingen ein: zu Fuß, alleine und in Gruppen, Jung und Alt, verwundet und ausgezehrt. Was sie alle gemein haben, sind die Bilder aus der Hölle, der sie entkommen sind. „Wir mussten unseren Kindern die Augen zubinden, damit sie die Haufen von Leichen nicht sehen“, berichtet Tierarzt Rabih Saleh einem Reporter der französischen „Le Monde“: „Selbst während wir unsere Toten bestatteten, hat man auf uns geschossen.“
Dass der Veterinär Geneina, die Hauptstadt der West-Darfur-Provinz, überhaupt verlassen konnte, hat er seiner hellen Hautfarbe zu verdanken, die seine arabische Herkunft verrät – sowie den 500 US-Dollar, die er angespart hatte und den Milizionären der „Rapid Support Forces“ (RSF) an deren Straßensperren geben musste, damit er mit seiner Familie Geneina verlassen konnte.
Sudan: Machtkampf sorgt für verheerende Gewalt
Angehörigen des afrikanischen Volks der Massalit steht dieses Schlupfloch nicht offen: Mindestens 1200 von ihnen sollen seit Beginn der Kämpfe Mitte April alleine in Geneina umgebracht worden sein. Die einst knapp 200.000 Menschen zählende Stadt ist von Milizionären umzingelt, die immer wieder zu Streifzügen in den Ort einfallen. Es gibt weder Strom noch Wasser, in den Straßen verwesen Leichen. Das Krankenhaus steht leer, Flüchtlingslager und Verwaltungsgebäude sind abgebrannt, Schulen und Moscheen zerstört. „Alles, was der Bevölkerung zugutekommen könnte, gibt es nicht mehr“, sagt Justine Muzik Piquemal von der französischen Hilfsorganisation „Solidarités International“: Geneina ist einer der trostlosesten Orte der Welt.
Ausgelöst wurde die Gewalt in den zerschundenen Darfur-Provinzen durch den Machtkampf des sudanesischen Streitkräftechefs Abdel Fattah al-Burhan und dem Chef der RSF, Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemeti) im 500 Kilometer entfernten Khartum. In den Provinzen, die sich vom 2003 begonnenen Völkermord nie wirklich erholt hatten, nahm der Konflikt der beiden Generäle eine ethnische Dimension an, die sie in anderen Teilen des Sudan nicht hat: Schließlich gehören sowohl Hemeti wie Al-Burhan der arabischen „Elite“ des Landes an. In Darfur wagte es die Armee erst gar nicht, gegen die RSF mit Heimvorteil anzutreten: Die Soldaten zogen sich nach dem Ausbruch der Kämpfe in ihre Stützpunkte zurück und versorgten die afrikanische Bevölkerung höchstens mit Waffen, mit denen sie die Angriffe der Miliz und der arabischen Dschandschawid abwehren sollten. „Der Konflikt in Khartum ist in den Darfur-Provinzen unbedeutend“, meint der Sudankenner Jérôme Tubiana: „Hier geht es nach wie vor um die Dominanz der arabisch-stämmigen Bevölkerung und deren Landaneignung.“
Gouverneur ermordet und verstümmelt
Gegen die arabische Dominanz hatte sich Darfurs afrikanische Bevölkerung vor 20 Jahren erhoben. Ihr Aufstand wurde von der arabisch dominierten Armee unter dem heutigen Streitkräftechef Al-Burhan gemeinsam mit den „reitenden Teufeln“, den Dschandschawid, unter dem heutigen RSF-Chef Hemiti, auf brutalste Weise niedergeschlagen. Innerhalb weniger Jahre kamen über 300.000 Menschen ums Leben, ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, zwei Millionen Menschen verloren ihre Heimat. Damals ging darob ein Aufschrei der Empörung durch die westliche Welt.
Heute rächt sich, dass weder Hemeti noch Al-Burhan wegen ihrer Beteiligung an dem Genozid zur Verantwortung gezogen wurden: Der Haager Strafgerichtshof klagte lediglich Ex-Diktator Omar al Baschir und zwei seiner Adlaten an. Keiner der drei wurde bislang dem internationalen Gericht überstellt. Mehr schlecht als recht sorgten Tausende von Blauhelmen 13 Jahre lang für relative Ruhe im Darfur, die nach dem Friedensabkommen von Juba 2020 wieder ins Wanken geriet. Weil mehrere afrikanische Rebellenchefs in die staatliche Administration integriert wurden, sah sich die arabische Alpha-Schicht in ihren Privilegien bedroht.
Einer der begünstigten Rebellenführer war der zum Gouverneur beförderte Chef der Sudanesischen Koalitionsbewegung, Khamis Abdallah Abbakar. Der Massalit verfolgte das jüngste Wiederaufflammen des ethnischen Konflikts mit größter Sorge: In einem TV-Interview rief er die internationale Gemeinschaft vergangene Woche zur Intervention wegen des „neuerlichen Genozids“ in seiner Heimat auf.
Wenige Stunden später wurde der Gouverneur von den RSF in seiner Residenz in Geneina aufgegriffen: Er habe selbst um seinen Schutz gebeten, suchte ein Sprecher der Miliz glauben zu machen. Als kurz danach Bilder von Abbakars verstümmelter Leiche im Internet kursierten, behauptete die RSF, „gesetzlose Islamisten“ hätten den Gouverneur aus ihrer Schutzhaft entführt und „kaltblütig“ ermordet. Der modus operandi spricht eher für die RSF...
Hunderttausende fliehen aus Darfur
Die fünf Darfur-Provinzen mögen höllisch heiß und wenig fruchtbar sein: Für den Sudan sind sie trotzdem von enormer Bedeutung. Die Region von der Ausdehnung Frankreichs verfügt über erkleckliche Goldvorkommen, die sich vor allem RSF-Chef Hemeti unter den Nagel gerissen hat. Der dort aufgewachsene Kamelhändler verdankt dem Völkermord seinen kometenhaften Aufstieg. Allerdings trug auch die Europäische Union zu seiner Karriere bei, indem sie den RSF einst Millionensummen für ihre Dienste als Anti-Migrantentruppe zukommen ließ. Geht Hemetis Machtkampf mit Al-Burhan in den anderen Teilen des Landes verloren, wird er sich in seine Hochburg zurückziehen, sind sich Fachleute einig – falls in Darfur bis dahin überhaupt noch jemand lebt.
In den vergangenen acht Wochen flohen fast 400.000 Menschen aus der Region, schätzt die Internationale Organisation für Migration. Die meisten von ihnen suchten Zuflucht im nahen Tschad. Dort angekommen berichten sie vom Horror ihrer Flucht: von Überfällen, Vergewaltigungen und kaltblütigen Morden.
Als es nach der Ermordung von Gouverneur Abbakar keinen Zweifel mehr gab, dass sie verschwinden mussten, habe sie sich mit Dutzenden von Menschen von Geneina in Richtung Tschad auf den Weg gemacht, erzählt die 25-jährige Nour einem Team von „Médecins Sans Frontières“. „Viele wurden unterwegs von Scharfschützen erschossen. Ich sah Tote und Verwundete auf dem Weg liegen, wie viele es genau waren, weiß ich nicht.“ Auch sie wurde kurz vor Grenze noch von einer Kugel getroffen: mitten ins Gesicht. Wie durch ein Wunder überlebte Nour. Wie sie seien alleine in den vergangenen vier Tagen 900 Verletzte und 15.000 Geflüchtete aus der Region um Geneina im Tschad eingetroffen, teilen die „Médecins Sans Frontières“ mit. Dort geht das Leiden für die Flüchtlinge weiter, weil die Hilfswerke mit dem Ansturm nicht fertig werden.
Sultan Saad Bahreldin, der Führer der Massalit, sagte jüngst in einem Fernsehinterview, die Gewalt sei in den vergangenen Tagen immer „systematischer“ geworden: „Die Straße zwischen Geneina und Ardé ist von Leichen übersät. Keiner kann sie zählen.“
Rubriklistenbild: © AFP

