VonJohannes Dieterichschließen
Trotz der vereinbarten Waffenruhe reißen die Gefechte im Sudan nicht ab – das Gesundheitssystem bricht zusammen und Tausende von Menschen nehmen die Flucht.
Khartum – Fünf Tage nach dem Ausbruch schwerer Gefechte zwischen der sudanesischen Armee und Kämpfern der „Rapid Support Forces“ (RSF) genannten Miliz hat sich die Lage in der Hauptstadt Khartum dramatisch verschlimmert. Auch eine zweite, für Mittwochabend vereinbarte Waffenruhe wurde von beiden Seiten nicht eingehalten:
Am Donnerstag bombardierten erneut Kampfjets der Luftwaffe den Khartumer Flughafen, dunkle Rauchschwaden stiegen von Gebäuden auf, die von schwerer Artillerie beschossen wurden, Mitglieder der RSF-Miliz plünderten Geschäfte und raubten unter vorgehaltenen Waffen Zivilisten aus. „Es war eine sehr, sehr schlechte Nacht“, berichtete der norwegische Botschafter Endre Stiansen der BBC: „Seit heute Morgen um drei Uhr sind ununterbrochen Explosionen zu hören. Es ist hier die Hölle.“
Krise im Sudan: Einkäufe sind jetzt lebensgefährlich oder ausgeschlossen
Immer mehr der rund fünf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Khartums müssen sich auf die unsicheren Straßen der Stadt begeben, weil ihre Nahrungsmittel und Wasservorräte knapp geworden sind. In weiten Teilen der Stadt ist auch der Strom ausgefallen. Weil die Kämpfe am Samstagmorgen völlig unerwartet ausgebrochen waren, hat sich die Bevölkerung nicht mit Vorräten eingedeckt: Einkäufe sind jetzt lebensgefährlich oder ausgeschlossen, weil die meisten Geschäfte geschlossen sind und marodierende RSF-Kämpfer die Straßen unsicher machen.
Über die sozialen Netzwerke verbreiteten Berichten zu Folge, suchen sich immer mehr Menschen aus der Khartum in Sicherheit zu bringen. Tausende von Bewohner:innen hätten bereits die Hauptstadt verlassen, berichtet afp. Sie habe auf der Flucht versucht, ihre Kinder nicht die in den Straßen liegenden Toten sehen zu lassen, zitiert die französische Nachrichtenagentur die 33-jährige Alawya al-Tayeb: „Sie sind traumatisiert genug.“
Allerdings sind die Menschen auch nach einer gelungenen Flucht aus Khartum nicht sicher, weil auch in anderen Teilen des Landes wie in der Hafenstadt Port Sudan und in der im Norden des Landes gelegenen Provinzstadt Merowe gekämpft wird. Vor allem toben in den südöstlich von Khartum gelegenen Darfur-Provinzen Gefechte: Dort sind viele der RSF-Milizionäre zu Hause.
Sudan: 39 von 59 Hospitälern inzwischen geschlossen
Die Regierungen mehrerer Staaten, darunter auch Deutschlands, haben von dem Versuch, ihre Staatsbürger:innen aus Khartum zu evakuieren, wieder Abstand genommen. Drei Maschinen der Bundeswehr brachen ihren Flug in den Sudan in Griechenland ab, eine holländische Maschine wartet in Jordanien auf eine Chance, in dem Bürgerkriegsland landen zu können. „Es ist einfach zu gefährlich“, sagte ein US-Diplomat der Washington Post: „Wir wollen nicht das Leben unserer Leute riskieren.“
Besonders drastisch ist die Gesundheitsversorgung in der Stadt von den Kämpfen betroffen. 39 von 59 Hospitälern in Khartum und Umgebung seien inzwischen geschlossen, teilt das sudanesische Ärztekomitee mit: Neun Kliniken wurden bombardiert, 16 von einer der Kriegsparteien zur Schließung gezwungen. In den noch funktionierenden Krankenhäusern würden inzwischen die Medikamente knapp, wird weiter berichtet: Auch die Wasser- und Stromversorgung sei in kaum einem der Hospitäler noch gesichert. Ghazali Babiker, Chef der Ärzte ohne Grenzen im Sudan, bezeichnet die Gesundheitsversorgung als zusammengebrochen: „Wir sind gelähmt, wir können uns nicht mehr bewegen.“
Im Zentrum der Gefechte steht noch immer der Flughafen Khartums. Dort soll sich eine große Zahl an RSF-Milizionären verschanzt haben. Der Airport ist für Flüge noch immer geschlossen: Insgesamt 19 Militär- und Zivil-Maschinen wurden auf seinem Gelände zerstört oder beschädigt. (Joahnnes Dieterich)
