Die neue Labour-Regierung in Großbritannien startet vielleicht zu bedächtig, kann sich aber ruhig einiges zutrauen.
London – Die erste große Nagelprobe für Keir Starmers neue Labour-Regierung sollte zu späterer Stunde an diesem Dienstag kommen: Parlamentspräsident Lindsay Hoyle wollte den Zusatz der Schottischen Nationalpartei (SNP) für die just dem Königreich und der Welt vorgetragene King’s Speech – der Regierungserklärung aus dem Munde des Monarchen – zur Abstimmung bringen: das Ende des nach der zweiten Geburt gedeckelten Kindergeldes.
Die Torys hatten während ihrer Regierungszeit am 6. April 2017 diese Deckelung zum Gesetz erklärt. Alle nach dem Datum geborenen dritten oder weiteren Kinder gingen dann leer aus. Das hatte eine sich stetig verschlimmernde Verarmung kinderreicherer Familien im ganz Land zur Folge. Da Labour seinen Wahlsieg mit dem Versprechen nach Wandel errang, ging man in Großbritannien eigentlich davon aus, dass möglichst alle Ungerechtigkeiten der Konservativen zum Guten gewandelt werden sollten. Starmer ließ aber den Kindergelddeckel aus seiner Regierungserklärung raus, die schottischen Nationalisten schoben ihn ein.
Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe war das Unterhaus gerade erst für seine Sitzung zusammengekommen. Am Mittwochmorgen würde Großbritannien wohl entweder mit einem gehörig schmerzenden Kater oder frisch beschwingt aufwachen.
Großbritannien unter Labour: Gefährlich ruhig
Starmer und sein Kabinett hatten sich sicher eine Karenzzeit in Sachen Kritik und Querschüsse der Opposition gewünscht. Aber die Politik Großbritanniens bleibt auch nach Labours Sieg so auf Krawall gebürstet wie zuvor – man könnte auch sagen: so idealistisch stur. Im Falle des Kindergelddeckels ist es allerdings für nicht wenige Familien schon eine Überlebensfrage. Starmers ausgesprochen charakteristisch ruhiger Einstieg in die Regierungsarbeit öffnet Konservativen, Liberaldemokraten, walisischen und schottischen Nationalisten sowie nordirischen Unionisten und Unabhängigen Tür und Tor für die Oppositionsarbeit. Der SNP-Chef in Westminster, Stephen Flynn, ließ es sich denn auch nicht nehmen, Labours Hinterbänke zur offenen Rebellion gegen Starmers erste Reihe auf den grünen Lederpolstern im Unterhaus zu ermuntern.
Das ist der zumindest optisch ungeschickteste Einstieg für die britischen Sozialdemokraten. Gerade auch, weil Starmer ein Kabinett aufgestellt hat, das sich nicht nur sehen lassen kann, weil es 11:9 weiblich besetzt ist – das erste Mal in Britanniens Geschichte, dass das Geschlechterverhältnis korrekt repräsentiert ist. Natürlich sind darin auch Männer mit massig Potenzial wie beispielsweise der Außenminister David Lammy und Klimaschutzminister Ed Miliband. Aber gerade die Ministerinnen stellen ein veritables Kommando an Kompetenz dar.
Drehtür Downing Street: Großbritannien lässt Tory-Chaos hinter sich
Starmers Kabinett in Großbritannien zeigt sich fiskalisch diszipliniert
Allen voran ist das natürlich Angela Rayner (siehe nebenstehendes Porträt), der mit Wohnungsbau ein innenpolitisch äußerst kritisches Arbeitsgebiet zufällt. Die aber auch für lokale Politik, also die Dezentralisierung der in London konzentrierten Macht auf die Kommunen, wirken soll. Damit sich das alles rechnet, hat Rachel Reeves das Finanzministerium übernommen. Ehedem bei der Bank of England, darf man ihr vertrauen, fiskalisch disziplinierter zu sein als die Torys.
Innenministerin Yvette Cooper ist mit Regierungsarbeit seit den Tagen Tony Blairs vertraut und hat mehrfach versucht, den Brexit hinauszuzögern – ist also allein deshalb schon eine Heldin. Bildungsministerin Bridget Phillipson stammt aus dem sprichwörtlichen Armutsgebiet rund um Newcastle upon Tyne. Ihr Ding sind Privatschulen für wenige Reiche nicht, genug Geld für umfängliche Bildungschancen schon viel eher. Die Kulturszene hat derweil ihrer Ministerin Lisa Nandy schon einige Vorschusslorbeeren spendiert. Und Justizministerin Shabana Mahmood, eine der ersten muslimischen Parlamentarierinnen, kann sich schon rühmen, Donald Trumps Haudrauf J. D. Vance in Rage über das „Islamistenregime“ in Großbritannien gebracht zu haben.
Eigentlich hat Labour alles, um sehr erfolgreich zu sein.