Keir Starmer ist Labour-Chef und will neuer Premierminister werden
VonStefan Krieger
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Die britischen Wähler sehnen sich nach Veränderung und Keir Starmer könnte sie liefern. Als ist Labour-Führer er bei der Großbritannien-Wahl aufgestellt.
London – Die Chancen stehen gut. Wenn nicht noch ein größeres Wunder geschieht, zieht Oppositionsführer Keir Starmer am 5. Juli in die Downing Street 10 ein, als erster Labour-Premier seit 14 Jahren – und 100 Jahre nach dem ersten sozialdemokratischen Regierungschef der britischen Geschichte. In den aktuellen Umfragen zur Großbritannien-Wahl liegt seine Partei rund 20 Prozentpunkte vor der von Rishi Sunak, der unlängst etwas überraschend die Wahl schon für den Juli verkündet hatte.
Name
Sir Keir Rodney Starmer
Geburtsdatum
2. September 1962
Geburtsort
Southwark, London
Partei
Labour Party
Ämter
Leader of His Majesty’s Most Loyal Opposition (Oppositionsführer)
Ehefrau
Victoria Alexander (seit 2007)
Keir Starmer: Farblos, aber voller Versprechungen
Der Vorsprung von Labour ist vor allem dem gewaltigen Ärger über die Konservativen zu verdanken. Wofür die Partei steht, wissen viele Menschen bisher nicht. Erst vor kurzem stellte Starmer ein Sofortprogramm aus sechs Punkten vor. Er will für wirtschaftliche Stabilität sorgen, Wartezeiten beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS verkürzen, eine neue Kommandostruktur für den Grenzschutz schaffen, ein nationales Energieunternehmen gründen, gegen unsoziales Verhalten vorgehen und 6500 neue Lehrkräfte einstellen.
Nicht weniger als einen Wandel verspricht Starmer den Briten. Viele Wählerinnen und Wähler setzen nach Ansicht von Experten vor allem darauf, dass mit Labour ein neuer Ton in die Regierung einzieht und das Chaos der vergangenen Jahre mit wechselnden Premierministern, häufigen Skandalen und ständigen Ministerwechseln endlich ein Ende hat. Nach dem letzten Labour-Premier Gordon Brown, der von 2007 bis 2010 im Amt war, waren die Tory-Premiers David Cameron, Theresa May, Boris Johnson und Liz Truss in der Verantwortung. Dann übernahm Rishi Sunak, der ähnlich glücklos wie seine Vorgängerinnen und Vorgänger agierte.
„Die Strategie von Sir Keir Starmer besteht darin, der Öffentlichkeit zu versichern, dass das größte Risiko dieses Mal darin besteht, eine diskreditierte Regierung im Amt zu halten“, sagt der Politologe Mark Garnett von der Universität Lancaster der Deutschen Presse-Agentur. Auch wenn Starmer allgemein als farblos und durchaus langweilig gilt, scheint es genau das zu sein, wonach sich viele Briten sehnen, so Garnett.
Wer ist die Labour-Partei von Starmer?
Die Sozialdemokraten standen oft im Schatten der Konservativen. Starmer wäre erst der siebte Labour-Premier der Geschichte. Entstanden aus der Arbeiterbewegung, vereinte die Labour Party bei ihrer Gründung im Jahr 1900 die linken Bewegungen. Von Beginn an ist sie eng mit den Gewerkschaften verbunden, die bis heute über viel Einfluss verfügen.
Ein Vergleich mit der deutschen Parteienlandschaft ist nicht einfach. Zwar unterhält Labour enge Beziehungen zur SPD. Auch wegen des britischen Wahlsystems, bei dem in jedem Wahlkreis nur die Kandidatin oder der Kandidat mit den meisten Stimmen gewinnt, ungeachtet des Vorsprungs, decken beide große Volksparteien jeweils ein breites Spektrum ab. So finden sich bei Labour auch Positionen, die eher der Linken, den Grünen und einige auch der FDP zuzurechnen wären.
Starmer ist Arsenal-Fan und ehemaliger Strafverfolgungschef
Der ehemalige Anwalt Starmer ist seit April 2020 der „Leader of His Majesty‘s Most Loyal Opposition“, wie der Chef der größten Oppositionspartei im britischen Unterhaus traditionell genannt wird. Übernommen hat der 61-Jährige die Sozialdemokraten von Jeremy Corbyn, der 2019 die Großbritannien-Wahl haushoch gegen den damaligen Premier Boris Johnson verloren hatte. Von Corbyns sehr linken Positionen hat Starmer die Partei wieder in die politische Mitte geführt.
Zunächst lief es aber nicht gut. Nach einer Niederlage bei einer Nachwahl zum britischen Parlament in der nordostenglischen Labour-Hochburg Hartlepool im Mai 2021 wollte Starmer hinschmeißen, wie er jüngst zugab. Aber viele Skandale unter den konservativen Premiers Johnson und Liz Truss brachten ihm neuen Zulauf. Zuletzt übernahm Starmer auch gemäßigt-konservative Positionen – er nutzt dabei den Raum, den ihm der Rechtskurs der Tories lässt.
Drehtür Downing Street: Großbritannien lässt Tory-Chaos hinter sich
Der frühere Chef der Strafverfolgungsbehörde CPS gilt zwar wie auch sein Konkurrent Sunak nicht als mitreißender Redner. Aber viele Menschen schätzen an dem Vater zweier Kinder im Teenager-Alter seine Bodenständigkeit, seine Ruhe und Einfühlsamkeit. Privat ist Sir Keir, wie er sich seit einigen Jahren nennen darf, ein großer Fan des Londoner Fußball-Erstligisten Arsenal und kickt auch so oft wie möglich selbst mit Kumpels.
Unter Vorgänger Corbyn gab es Vorwürfe des Antisemitismus
Immer wieder betont Starmer, dass er Labour runderneuert habe. Waren unter Corbyn antisemitische Vorwürfe gegen die Partei aufgekommen, die traditionell stark mit der Palästinenser-Bewegung sympathisiert, fährt Starmer einen klaren Kurs gegen antiisraelische Kommentare. Deutlich prangerte er den Terror der islamistischen Hamas gegen Israel an.
Allerdings gibt es immer noch Abgeordnete oder Kandidaten, die sich abfällig über Israel äußern. Anfang Februar stellte Labour in einem solchen Fall die Unterstützung für ihren eigentlichen Bewerber bei der Parlamentsnachwahl in Rochdale bei Manchester ein, obwohl kein Ersatzkandidat mehr benannt werden durfte. Kurz danach waren in einer Umfrage rund 40 Prozent der Ansicht, dass die Partei immer noch mit antijüdischen Vorurteilen zu kämpfen habe.
Keir Starmer und der Brexit
In Corbyns Schattenkabinett fungierte Starmer als Brexit-Sprecher seiner Partei. Im Gegensatz zum damaligen Parteichef setzte er sich für ein zweites Referendum ein, um den EU-Austritt rückgängig zu machen. Mittlerweile hat er jedoch klargestellt, dass er keinen Weg zurück in die EU sieht. Obwohl er sich der Gemeinschaft wieder annähern möchte und auch aus der EU regelmäßig solche Hoffnungen zu hören sind, lehnt Starmer einen Wiedereintritt in die EU-Zollunion oder den Binnenmarkt bisher ab. Grund dürfte sein, dass der Labour-Chef befürchtet, wichtige Wählerstimmen im traditionell EU-kritischen Norden Großhbritannien zu verlieren.