Chemiewaffen-Kontrollbehörde warnt

„Sie sind unberechenbar“: USA und Israel fürchten sich vor Assads Chemiewaffen in Syrien

  • schließen

International wächst die Sorge, dass die Rebellen in Syrien an Chemiewaffen des ehemaligen Herrschers Baschar al-Assad gelangen. Fachleute sind besorgt.

Damaskus – In der westlichen Welt wächst die Sorge, dass Chemiewaffen des nun vertriebenen syrischen Herrschers Baschar al-Assad in die Hände der Rebellen fallen. Assad hatte Tausende Syrer mit Chemiewaffen im 13-jährigen Bürgerkrieg getötet.

Mittlerweile kontrolliert eine Milizgruppe – mit früheren Verbindungen zum Islamischen Staat und zu Al-Qaida – die syrische Hauptstadt Damaskus. Und: Vermutlich damit auch das übrige Waffenarsenal von Assad. Das löst in den USA und anderen Staaten die Angst aus, dass diese stark umstrittenen Waffen nun in die falschen Hände geraten. Das berichtet die New York Times.

Am 21. August 2013 hatte Assad eine US-amerikanische Warnung ignoriert und mit einem befohlenen Sarin-Gasangriff auf Ghouta, einem Vorort von Damaskus, mehr als 1400 Zivilisten getötet – darunter Hunderte Kinder.

OPCW warnt vor der Gefahr von Chemiewaffen in Syrien

Unter der Androhung militärischer Vergeltungsmaßnahmen der US-Politik stimmte Assad einer russisch-amerikanischen Vereinbarung zu – mit dem Ziel: das Chemiewaffenprogramm seines Landes zu beenden und einem internationalen Vertrag über das Verbot chemischer Waffen beizutreten.

Im Jahr 2018: Auch in Duma, einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus, setzte Assad wohl Chemiewaffen ein.

2013 erhielt die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) den Auftrag: alle syrischen Chemiewaffen zu vernichten. In den folgenden Monaten zerstörte die OPCW rund 1100 Tonnen Sarain-, VX- und Senfgaskampfstoffe sowie deren Trägersysteme, schreibt die New York Times.

Nun hat sich die OPCW besorgt über die Lage in Syrien und die Gefahren durch große Bestände von Chemiewaffen und Produktionsanlagen gezeigt, berichtet tagesschau.de. Die Chemiewaffen-Kontrollbehörde warnt: Es sei nicht bekannt, wo die Waffen gelagert seien oder hergestellt würden. „Erhebliche Mengen chemischer Waffen“ seien nicht erfasst worden.

Chemiewaffen in Syrien: Behörde tauscht sich mit Diplomaten aus

Laut eigenen Angaben steht die Organisation in Kontakt mit Behörden und Diplomaten Syriens, um die Sicherheit zu gewährleisten. Es gehe um Lagerbestände, Produktionsstätten und Versuchsanlagen.

Schon 2013 vermuteten Beamte der OPCW und USA, dass nicht allen Waffen in Syrien vernichtet worden seien. Dieser Verdacht bestätigte sich 2017, als bei einem Chemiewaffen-Angriff der syrischen Streitkräfte in Khan Sheikhoun mehr als 80 Zivilisten getötet worden.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

„Wir wussten immer, dass wir nicht alles bekommen hatten, dass die Syrer in ihrer Erklärung nicht ganz offen waren“, sagte Antony Blinken, stellvertretender Außenminister unter dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama gegenüber der New York Times.

Israel fliegt Luftangriffe auf mutmaßliche Chemiewaffenlager in Syrien

Laut der US-amerikanischen Zeitungen hatten US-Geheimdienste in der letzten Woche mutmaßliche Chemiewaffenlager in Syrien beobachtet. Die Vermutung: Assad könnte Chemiewaffen gegen die aufständischen Rebellen einsetzen. Nun besteht die Sorge, dass die Waffen gestohlen oder eingesetzt werden könnten. Durch Assads Sturz wird der Iran auf internationaler Bühne zunehmend isolierter.

Am 9. Dezember hatte Israel bestätigt, dass seine Streitkräfte Luftangriffe auf mutmaßliche Chemiewaffen- und Raketenlager in Syrien durchführte. Israel wolle verhindern, dass die Waffen „in die Hände von Extremisten fallen“, sagte der israelische Außenminister Gideon Saar. Abu Mohammed al-Dscholani, Chef der islamistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS), hat mittlerweile einen Großteil Syriens erobert.

Vor syrischen Chemiewaffen warnte auch Nitzan Nuriel, israelischer Brigadegeneral und ehemaliger Direktor des Büros zur Terrorismusbekämpfung des israelischen Nationalen Sicherheitsrates, schreibt stern.de. „Assad setzte chemische Waffen gegen seine Gegner ein. Vielleicht fühlen sich also die Rebellen frei, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Und gegen weitere Gegner einzusetzen. Sie sind unberechenbar.“

Experte vermutet geringes Chemiewaffen-Arsenal

Ralf Trapp, ein unabhängiger Berater für die Abrüstung von Chemie- und Biowaffen, der das Schicksal des syrischen Chemiewaffenprogramms und dessen Abbau genau verfolgt hat, vermutet: Die Überreste des Chemiewaffen-Arsenals in Syrien seien klein - wenn man bedenke: dass Assad chemische Waffen nur in begrenztem Umfang nutze.

„Sie haben keine massiven Raketenangriffe mit Saringas gesehen“, sagte er über die Assads Chemiewaffen-Einsätze. „Wir sprechen hier von einer kleinen Anzahl von Granaten. Es würde mich also nicht überraschen, wenn es sich um eine relativ geringe Menge handelt.“

Die Lagerung einsatzbereiter Chemiewaffen sei nicht leicht. Denn: Die Vorläuferchemikalien für Saringas sind flüchtig und können erst kurz vor dem Einsatz mit Sprengstoff kombiniert werden, sagte Trapp.

„Solange sie nicht wissen, wie das Rezept lautet, wie man sie zusammenmischt und wie man das sicher macht, ohne sich selbst zu töten, wäre ich skeptisch, dass eine bewaffnete Gruppe auf einen solchen Vorrat stößt und dann tatsächlich in der Lage ist, ihn in eine wirksame Waffe zu verwandeln“, fügte Trapp gegenüber der New York Times hinzu. (Jan Wendt)

Rubriklistenbild: © Hassan Ammar/dpa

Kommentare