„Sie sind unberechenbar“: USA und Israel fürchten sich vor Assads Chemiewaffen in Syrien
VonJan-Frederik Wendt
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International wächst die Sorge, dass die Rebellen in Syrien an Chemiewaffen des ehemaligen Herrschers Baschar al-Assad gelangen. Fachleute sind besorgt.
Damaskus – In der westlichen Welt wächst die Sorge, dass Chemiewaffen des nun vertriebenen syrischen Herrschers Baschar al-Assad in die Hände der Rebellen fallen. Assad hatte Tausende Syrer mit Chemiewaffen im 13-jährigen Bürgerkrieg getötet.
Mittlerweile kontrolliert eine Milizgruppe – mit früheren Verbindungen zum Islamischen Staat und zu Al-Qaida – die syrische Hauptstadt Damaskus. Und: Vermutlich damit auch das übrige Waffenarsenal von Assad. Das löst in den USA und anderen Staaten die Angst aus, dass diese stark umstrittenen Waffen nun in die falschen Hände geraten. Das berichtet die New York Times.
Am 21. August 2013 hatte Assad eine US-amerikanische Warnung ignoriert und mit einem befohlenen Sarin-Gasangriff auf Ghouta, einem Vorort von Damaskus, mehr als 1400 Zivilisten getötet – darunter Hunderte Kinder.
OPCW warnt vor der Gefahr von Chemiewaffen in Syrien
Unter der Androhung militärischer Vergeltungsmaßnahmen der US-Politik stimmte Assad einer russisch-amerikanischen Vereinbarung zu – mit dem Ziel: das Chemiewaffenprogramm seines Landes zu beenden und einem internationalen Vertrag über das Verbot chemischer Waffen beizutreten.
2013 erhielt die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) den Auftrag: alle syrischen Chemiewaffen zu vernichten. In den folgenden Monaten zerstörte die OPCW rund 1100 Tonnen Sarain-, VX- und Senfgaskampfstoffe sowie deren Trägersysteme, schreibt die New York Times.
Nun hat sich die OPCW besorgt über die Lage in Syrien und die Gefahren durch große Bestände von Chemiewaffen und Produktionsanlagen gezeigt, berichtet tagesschau.de. Die Chemiewaffen-Kontrollbehörde warnt: Es sei nicht bekannt, wo die Waffen gelagert seien oder hergestellt würden. „Erhebliche Mengen chemischer Waffen“ seien nicht erfasst worden.
Chemiewaffen in Syrien: Behörde tauscht sich mit Diplomaten aus
Laut eigenen Angaben steht die Organisation in Kontakt mit Behörden und Diplomaten Syriens, um die Sicherheit zu gewährleisten. Es gehe um Lagerbestände, Produktionsstätten und Versuchsanlagen.
Schon 2013 vermuteten Beamte der OPCW und USA, dass nicht allen Waffen in Syrien vernichtet worden seien. Dieser Verdacht bestätigte sich 2017, als bei einem Chemiewaffen-Angriff der syrischen Streitkräfte in Khan Sheikhoun mehr als 80 Zivilisten getötet worden.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
„Wir wussten immer, dass wir nicht alles bekommen hatten, dass die Syrer in ihrer Erklärung nicht ganz offen waren“, sagte Antony Blinken, stellvertretender Außenminister unter dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama gegenüber der New York Times.
Israel fliegt Luftangriffe auf mutmaßliche Chemiewaffenlager in Syrien
Laut der US-amerikanischen Zeitungen hatten US-Geheimdienste in der letzten Woche mutmaßliche Chemiewaffenlager in Syrien beobachtet. Die Vermutung: Assad könnte Chemiewaffen gegen die aufständischen Rebellen einsetzen. Nun besteht die Sorge, dass die Waffen gestohlen oder eingesetzt werden könnten. Durch Assads Sturz wird der Iran auf internationaler Bühne zunehmend isolierter.
Am 9. Dezember hatte Israel bestätigt, dass seine Streitkräfte Luftangriffe auf mutmaßliche Chemiewaffen- und Raketenlager in Syrien durchführte. Israel wolle verhindern, dass die Waffen „in die Hände von Extremisten fallen“, sagte der israelische Außenminister Gideon Saar. Abu Mohammed al-Dscholani, Chef der islamistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS), hat mittlerweile einen Großteil Syriens erobert.
Vor syrischen Chemiewaffen warnte auch Nitzan Nuriel, israelischer Brigadegeneral und ehemaliger Direktor des Büros zur Terrorismusbekämpfung des israelischen Nationalen Sicherheitsrates, schreibt stern.de. „Assad setzte chemische Waffen gegen seine Gegner ein. Vielleicht fühlen sich also die Rebellen frei, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Und gegen weitere Gegner einzusetzen. Sie sind unberechenbar.“
Experte vermutet geringes Chemiewaffen-Arsenal
Ralf Trapp, ein unabhängiger Berater für die Abrüstung von Chemie- und Biowaffen, der das Schicksal des syrischen Chemiewaffenprogramms und dessen Abbau genau verfolgt hat, vermutet: Die Überreste des Chemiewaffen-Arsenals in Syrien seien klein - wenn man bedenke: dass Assad chemische Waffen nur in begrenztem Umfang nutze.
„Sie haben keine massiven Raketenangriffe mit Saringas gesehen“, sagte er über die Assads Chemiewaffen-Einsätze. „Wir sprechen hier von einer kleinen Anzahl von Granaten. Es würde mich also nicht überraschen, wenn es sich um eine relativ geringe Menge handelt.“
Die Lagerung einsatzbereiter Chemiewaffen sei nicht leicht. Denn: Die Vorläuferchemikalien für Saringas sind flüchtig und können erst kurz vor dem Einsatz mit Sprengstoff kombiniert werden, sagte Trapp.
„Solange sie nicht wissen, wie das Rezept lautet, wie man sie zusammenmischt und wie man das sicher macht, ohne sich selbst zu töten, wäre ich skeptisch, dass eine bewaffnete Gruppe auf einen solchen Vorrat stößt und dann tatsächlich in der Lage ist, ihn in eine wirksame Waffe zu verwandeln“, fügte Trapp gegenüber der New York Times hinzu. (Jan Wendt)