Umsturz in Syrien

Geflüchtete aus Syrien über Assad-Sturz: „Wir genießen die Nachrichten mit ganz großer Vorsicht“

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Geflüchtete und andere Menschen aus Syrien in Deutschland begrüßen Assads Sturz, für die Zukunft gibt es aber nur verhaltenen Optimismus. Stimmen zwischen Jubel und Ungewissheit.

Es sei „der erste Tag seit über 50 Jahren, an dem die Sonne auf ein freies Syrien scheint.“ Das sagt Mohammad Alhusain an diesem Montag, nachdem Rebellen Damaskus eingenommen und den Präsidenten Bashar al Assad zur Flucht gezwungen haben

Alhusain ist 2015 nach Deutschland geflohen. Der damals 25-Jährige war von Anfang an in der Protestbewegung gegen Syriens Machthaber aktiv, was ihm zum Verhängnis wurde. Um sich zu schützen, musste er sein Studium abbrechen und das Land verlassen. Heute absolviert er ein Volontariat als Journalist.

Besonders bemerkenswert findet Alhusain nicht nur, dass der Sturz Assads letztlich überraschend schnell vonstattenging: „Die Tatsache, dass dieser Umbruch weitgehend friedlich und ohne blutige Abrechnungen verlief, ist ein hoffnungsvoller Anfang“, merkt er an.

Reaktion von Konservativen auf Umsturz in Syrien für Geflüchteten keine Überraschung

Dass nun bei deutschen Konservativen und anderen Rechten die Forderung laut wird, syrische Flüchtlinge sollten nun wieder zurückkehren, hat ihn nicht überrascht. Für Alhusain ist das auch keine Option, hat er in Deutschland seine zweite Heimat gefunden. Einige würden jedoch tatsächlich darüber nachdenken.

„Es gibt die Menschen, die sich hier sehr schwer getan haben zum Beispiel mit der Sprache und die keinen Anschluss gefunden haben“, sagt er. „Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel Frauen, für die das keine Option ist. Viele haben hier Freiheit gefunden.“

Rückkehr nach Syrien nach Assad-Sturz? „Wir dürfen uns nicht zu früh freuen“

„Ich hing gestern nur am Handy und habe die Nachrichten verfolgt“, sagt Remonda Balje. „Ich hatte weit geöffnete Augen, weil ich es einfach nicht glauben konnte.“ Ihr Vater war Regimegegner und flüchtete 2001 aus Syrien, nachdem der Geheimdienst ihn auf seinem Hof zusammengeschlagen hatte. Damals war Balje acht Jahre alt.

Sie arbeitet heute bei einem Bildungsträger und ist sozial engagiert. Die Nachricht von der Flucht Assads war für sie ein magischer Moment, den sie aber nicht genießen konnte. „Hinzu kam die Angst, was die Zukunft bringt“, sagt sie mit Blick auf die islamistischen Gruppen unter den Rebellen.

Sorgen bereiten ihr zudem die Abschiebedebatten, auch wenn sie ebenfalls nicht überrascht war. „Ich wusste gestern schon, was heute in den Zeitungen stehen wird.“ Sie habe „ganz oft gehört“, dass Menschen aus der Diaspora über eine Rückkehr nachdenken. Aber es gibt auch Kinder, oder die, die jetzt junge Erwachsene und in Deutschland aufgewachsen sind.

Zum ersten Mal könne sie darüber nachdenken, ihre frühere Heimat zu besuchen. „Wir dürfen uns nicht zu früh freuen und müssen nun alle unsere Stimme erheben und mitgestalten.“

Freude über Assad-Sturz in Syrien – doch die Sorge vor einer ungewissen Zukunft bleibt

Hani Harb ist optimistisch. Er ist Arzt am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden und Präsident der in Frankfurt ansässigen Deutsch-Syrischen Forschungsgesellschaft (DSFG). 2006 kam der damals 21-Jährige mit einem Visum als Masterstudent nach Deutschland. „Wir verspüren hauptsächlich Freude“, sagt der Familienvater jetzt. „Wir genießen die Nachrichten aber auch mit ganz großer Vorsicht. Wir stehen vor großer Ungewissheit, denn wir wissen nicht, wer das Land regieren wird. Wir haben in Tunesien und Ägypten schnell gesehen, dass die Rebellen von heute die Diktatoren von morgen werden können.“

Feiern am Sonntag in Wuppertal.

In den ersten Tagen der Rebellenoffensive haben er und seine Familie sich vor allem über Telegram- und Whatsapp Gruppen informiert. Harbs Tanten und deren Familien leben noch in Syrien. In den vergangenen 48 Stunden haben sie sich dann auch über syrische Nachrichtensender informiert, die davor nicht frei berichtet haben. „Wir waren so sogar besser informiert, als durch deutsche Medien“, sagt Harb.

Minderheiten eint Sorge vor dem, was nun in Syrien folgt

Der Mediziner hat drusische Wurzeln. Ihm ist es aber wichtig zu betonen, dass er säkulär eingestellt ist. Zudem kennt er Angehörige anderer Minderheiten aus Syrien, ob kurdisch, christlich, ismailitisch. Alle würden sich über den Sturz Assads freuen, auch ein Großteil der Aleviten, die unter Assad eher privilegiert waren. Was alle Minderheiten neben der Freude über den Sturz eines Regimes, das über Jahrzehnte „das Blut von Syrern vergossen hat“, wie Harb sagt, eint, ist aber auch die Sorge vor dem, was nun folgt. Deshalb ist es Harb wichtig, dass die Bundesregierung sich aktiv am Wiederaufbau Syriens beteiligt. Er suche deshalb aktuell zusammen mit der DSFG und weiteren Organisationen aus der Diaspora den Kontakt zu Bundestagsabgeordneten. „Wir wollen helfen, das Land wiederaufzubauen.“

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Rückkehr nach Syrien? Für viele ist Deutschland ihre neue Heimat

Eine Rückkehr nach Syrien kann er sich nicht vorstellen. „Deutschland ist meine Heimat.“ Dementsprechend nimmt der Arzt die Forderungen Konservativer und Rechter nach einer Rückkehr mit einem Lachen wahr. „Uns hat das natürlich nicht überrascht. Die vergangenen Tage machte ein Witz die Runde: Syrien ist jetzt das glücklichste Land der Welt. Und Deutschland das zweitglücklichste“, als Anspielung auf die Menschen, die nun hoffen, Syrer:innen könnten Deutschland verlassen.

Abdulaziz Zähter ist Vorsitzender des „Solidaritätsverein Syrischer Kurden“. Auch in dieser Volksgruppe freuen sich viele über den Sturz des Assad-Regimes. „14 Millionen von uns sind vor Assad abgehauen, hunderttausende in den Gefängnissen gestorben. Natürlich freuen wir uns, dass er nun weg ist“, sagt Zähter. Allerdings sieht auch er mit großer Sorge auf die folgende Entwicklung. Unter den Rebellen sind auch islamistische Gruppen, die der Türkei nahestehen.

„Wir setzen jetzt auf die gemäßigten Kräfte und darauf, dass sich alle Gruppen verständigen und zusammen an einer Zukunft arbeiten“, sagt Zähter. Die Debatten um die Rückkehr von Flüchtlingen findet er „ganz schlimm“, sagt er. „Einige von uns sind seit mehr als elf Jahren hier.“ Die Kinder aus diesen Familien könnten oft kein kurdisch, gehen an deutsche Schulen, machen hier in Deutschland ihre Ausbildung, gehen hier studieren. Deutschland sei inzwischen ihre Heimat.

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