„Ängste sind unnötig“: Neuer Syrien-Anführer wirbt für Toleranz – und trennt sich von Terror-Vergangenheit
VonErkan Pehlivan
schließen
Der neue starke Mann in Syrien ist Islamisten-Chef Abu Mohammed al-Dscholani. In einem Interview geht er auch auf die Ängste des Westens ein.
Damaskus – Nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien versuchen die neuen Machthaber eine neue Regierung zu formen. Es gibt Befürchtungen, dass die größte Rebellengruppe, die dschihadistische HTS „Hai’at Tahrir al-Sham“ (Komitee zur Befreiung der Levante) ethnische und andere Gruppen ausschließen könnte.
HTS-Chef Abu Mohammed al-Dscholani sieht die Befürchtungen in einem Interview mit dem TV-Sender Sky News als unbegründet. „Die Ängste sind unnötig, so Gott will“, sagte Dscholani unmissverständlich. „Die Angst kam durch die Anwesenheit des Regimes. Das Land befindet sich auf dem Weg der Entwicklung und des Wiederaufbaus. Es geht in Richtung Stabilität.“
USA stufen Islamisten-Chef Dscholani als „Terroristen“ ein
Dscholani sieht auch einen weiteren Grund, warum das Land zur Ruhe kommen werde. „Die Menschen sind vom Krieg erschöpft. Das Land ist nicht bereit für einen weiteren Krieg und wird auch nicht in einen weiteren hineingezogen werden. Die Quelle unserer Ängste waren die iranischen Milizen, die Hisbollah und das Regime, die die Massaker begangen haben, die wir heute sehen“. Daher gebe es keinen Grund zur Sorge.
Der HTS-Anführer wird allerdings weiterhin von den USA als Terrorist eingestuft. Laut Sky News hat der Mann Jahre damit verbracht, sich von seinen früheren Verbindungen zu al-Qaida zu distanzieren. Nach eigenen Angaben hat er sich von seiner Vergangenheit als Extremist losgesagt und setze sich nun für Pluralismus und Toleranz ein. Im Westen wird derzeit diskutiert, ob die Einstufung von Dscholani und seiner HTS als terroristisch aufgehoben werden soll.
Türkei und mit ihr verbündete SNA greifen Kurden in Syrien an
Besonders im Norden von Syrien (Kurdisch: Rojava) ist man von einer Beruhigung der Lage entfernt. Denn dort greift die türkische Luftwaffe und die mit ihr verbündete Syrische Nationalarmee (SNA) weiterhin Ziele der autonomen Selbstverwaltung sowie die kurdisch dominierte SDF (Syrisch Demokratischen Kräfte) an.
Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien warn vor Eskalation
Ein Eingreifen von Dscholani zur Eindämmung der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen der SDF und der SNA ist derzeit nicht in Sicht. „Ein Rückfall Syriens in die blutigsten Tage des Bürgerkriegs muss verhindert werden“, warnt Khaled Davrisch, Repräsentant der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien in Deutschland in einer Mitteilung. Dazu gehöre es, dass die Türkei sowie die mit ihr verbündete dschihadistische SNA die Eskalation stoppt. (erpe)