Leitartikel

Syrische Flüchtlinge in Deutschland: Die Zukunft bleibt ungeklärt

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Die Debatte über eine Rückkehr geflüchteter Menschen nach Syrien verkennt den wichtigsten Aspekt. Der FR-Leitartikel.

Berlin/Damaskus – Die Hoffnungen sind riesig bei den vielen Menschen, die Syrien in den Jahrzehnten von Diktatur und Bürgerkrieg verlassen mussten. Sie träumen davon, dass nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad ein freies und demokratisch legitimiertes Regime in Damaskus an die Macht kommt, das für Stabilität und Sicherheit sorgt und die Menschenrechte respektiert. Das wäre ein Land, in das viele Menschen nach dem Ende des Bürgerkriegs in Syrien zurückkehren könnten. Und auch ein Land, in das sehr viele zurückgehen würden.

Aber so weit ist es noch lange nicht – und ob es so weit kommt, weiß niemand zu sagen. Bei aller Hoffnung, die in der syrischen Community blüht, ist unklar, wer in Syrien künftig sicher leben kann. Daher ist es vollkommen falsch, jetzt darauf zu dringen, dass Syrerinnen und Syrer schnell und massenhaft wieder aus Europa in ihr Heimatland ziehen. Solche Debatten sind auch unmoralisch, denn sie verunsichern Menschen, die in ihrem Leben schon sehr viel Unsicherheit ertragen mussten.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Sturz von Assad und ungewisse Zukunft: Syrien steht am Wendepunkt der Geschichte

Stattdessen sollten die Enthüllungen über die Foltergefängnisse, in die Assad seine politischen Gegner:innen hat einsperren lassen, den Blick dafür schärfen, wie wichtig das Asylrecht und der Flüchtlingsschutz sind. Niemand darf die Augen davor verschließen, dass die freie Welt ein funktionierendes Asylsystem benötigt – auch wenn das derzeit nicht populär ist.

Bisher ist nur der Sturz des Assad-Regimes sicher – aber nicht, was darauf folgt, für Syrien, aber auch für die Zukunft der geflüchteten Menschen. Die Erfahrungen mit dem Sturz anderer Diktatoren sollten dazu mahnen, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Im Iran folgte auf den Sturz des Schahs ein islamistisches Gewaltregime. Im Irak mussten die Menschen nach der Euphorie über den Tod Saddam Husseins einen jahrelangen Bürgerkrieg ertragen. In Libyen fiel das Land nach dem Ende der Gaddafi-Diktatur auseinander und ist bis heute unregierbar.

Geflüchtete Syrer in Deutschland: Debatten über Rückkehr verstärken Unsicherheit

Was aber wird aus Syrien? Das muss die entscheidende Frage sein, wenn es um die Zukunft der Menschen von dort geht. Deswegen müssen Deutschland und Europa versuchen, mäßigend auf die Beteiligten einzuwirken – etwa auf die Türkei, die eine potenzielle Gefahr für Kurdinnen und Kurden in Syrien darstellt. Es ist nicht ausgemacht, ob die Lage neuerlich auch militärisch eskaliert.

Trotz dieser Unsicherheit scheinen nicht nur AfD-Akteur:innen, sondern auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und Politiker:innen von FDP und Union den flüchtlingsfeindlichen Affekt bedienen zu wollen. Als ob es nichts Dringenderes gäbe, als Syrerinnen und Syrer loszuwerden. Manchen fällt immerhin ein, dass doch zumindest die „gut integrierten“ Menschen bleiben sollten.

Ein syrischer Vater sitzt mit seinem Sohn im Ankunftszentrum am ehemaligen Flughafen Tegel im Essensbereich (Archivbild).

Wie so oft wird also auseinanderdividiert, dass die einen „uns“ nützen und bitte bleiben sollen, die anderen „uns“ aber zur Last fallen und bitte gehen mögen. Doch so einfach, wie Populistinnen und Populisten es uns weismachen wollen, geht die Rechnung nicht auf.

Wer darauf dringt, dass Ämter schnell tätig werden sollen, hat die Dramatik nicht verstanden

Die deutschen Behörden müssen sicher sein, dass Syrien „dauerhaft“ ungefährlich ist, wenn sie keinen Schutz hierzulande mehr gewähren. Das ist in der derzeitigen Ungewissheit ausgeschlossen. Wer darauf dringt, dass die Ämter schnell tätig werden sollten, hat die Dramatik nicht verstanden. Und auch nicht, dass Deutschland froh sein kann über viele Syrerinnen und Syrer, die gekommen sind.

Bei einer großen Gruppe stimmt die Prognose von Altkanzlerin Angela Merkel: Wir haben es geschafft – und sie haben es geschafft. Nicht nur rund 180 000 Syrerinnen und Syrer, die eingebürgert wurden, zählen zu Deutschland – sondern auch mehr als 220 000 weitere Personen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt in Deutschland beschäftigt sind. Es wäre in vielen Bereichen dramatisch für Deutschland, wenn sie gehen müssten.

Mehr als Fachkräfte: Syrische Geflüchtete tragen entscheidend zu Deutschland bei

Doch es wird, wenn sich die Lage in Syrien stabilisiert, gut ausgebildete Fachkräfte geben, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Ingenieur:innen und selbstständige Geschäftsleute, die in ihr Heimatland zurückgehen wollen. Zu unserem Bedauern. Sie werden in Deutschland fehlen. Aber es ist ihre Entscheidung – und sie hat ihre guten Seiten, nicht nur für die Betroffenen selbst. Denn nach dem Ende eines Regimes und eines jahrelangen Bürgerkriegs werden qualifizierte Menschen benötigt, die das Land wieder aufbauen, seine Institutionen und seine Zivilgesellschaft stärken. Ein stabiles Syrien liegt im Interesse Deutschlands.

Noch aber ist die Infrastruktur derart zerstört, dass Syrien überfordert wäre, wenn alle Geflüchteten innerhalb kurzer Zeit ins Land strömen würden. Trotzdem haben sich schon Syrerinnen und Syrer auf den Weg gemacht, etwa aus dem Libanon oder der Türkei, wo sie unter prekären Verhältnissen gelitten haben. Es wäre unverantwortlich, in dieser Situation auch Menschen dorthin zu zwingen, die in Deutschland Schutz gesucht haben.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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