VonSebastian Borgerschließen
Verona Murphy führt Irlands Parlament – schwierig für eine rechte Populistin. Ein Porträt.
Vorbemerkung: Irland ist nun schon einige Zeit in der EU, aber die europäischen Kenntnisse der irischen Sprache (und ihrer spannenden Aussprache) halten sich weiterhin in Grenzen. Die Führung des Parlaments Dáil heißt in Dublin Ceann Comhairle. Das eine spricht sich ungefähr „Dohl“ aus, das andere so ähnlich wie „Kern Keula“. Die Red.
Sie stammt vom Bauernhof, wuchs zusammen mit zehn Geschwistern auf, verließ die Schule mit 15 und ging zum Arbeiten nach England: Das Leben der heute 53-jährigen Verona Murphy steht exemplarisch für eine irische Generation, die den Wandel der grünen Insel vom Armenhaus Europas zum EU-Nettobeitragszahler miterlebt haben. In die Heimat zurückgekehrt, drückte Murphy nochmals die Schulbank, erwarb einen Uni-Abschluss in Jura und gründete mit ihrem Partner eine Speditionsfirma.
Auch politisch verkörpert die am Mittwoch zur Ceann Comhairle, der Präsidentin des Dubliner Parlaments Dáil gewählte Frau einen wichtigen Teil des irischen Mainstream. Der Dáil gehört sie nämlich seit 2020 als eine jener unabhängigen Abgeordneten an, denen die Wählerschaft oft mehr vertraut als denen der traditionellen Parteien. Sie stehe für Vielfalt und Integration, betont Murphy, für „eine faire und transparente Demokratie“. Sie ist die erste Frau und die erste Unabhängige in dem Amt.
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Frauen haben es in der irischen Politik bis heute schwer. Zwar gab es zwei Präsidentinnen, aber niemals einen weiblichen Speaker. Alle wichtigen Ministerposten und auch der Chefposten des Taoiseach („Tiischok“) – „Häuptling“ im Gälischen – gingen bislang stets nur an Männer. Seit der jüngsten Wahl Ende November lautet die Geschlechterverteilung der Dáil 3:1; in der nationalliberalen Fiánna Fáil (FF) unter Außenminister Micheál Martin ist sogar nur jeder achte Parlamentarier eine Frau.
Martin will wie bisher mit der konservativen Partei Fine Gael (FG) des amtierenden Premierministers Simon Harris regieren. Als Mehrheitsbeschaffer ist eine Gruppe unabhängiger Abgeordneter vorgesehen, der Murphy angehört. Ihre Wahl sollte den noch bis Januar dauernden Koalitionsgesprächen den Weg ebnen.
Irland: Verona Murphy setzt sich erst im dritten Anlauf durch
Für die größte Fraktion FF ergab sich damit die peinliche Situation, dass die Parteispitze die Wahl einer nunmehr unabhängigen, früheren FG-Politikerin unterstützte, obwohl sich zwei Mitglieder der eigenen Gruppe, darunter auch der bisherige Speaker Seán Ó Fearghaíl ebenfalls zur Wahl stellten. Das schlug sich in Murphys Ergebnis nieder. Statt der theoretisch möglichen 95 Stimmen war sie die erste Wahl von lediglich 76 ihrer Kollegen. Erst nach der dritten Auszählung und mit Übertragsstimmen ihres Vorgängers Ó Fearghaíl stand sie als neue Parlamentspräsidentin fest.
Die Rolle verfügt über deutlich weniger Kompetenzen als beispielsweise die jeweiligen Speaker des britischen Unterhauses oder des US-Repräsentantenhauses. Murphy müsse vielmehr „als Moderatorin“ dienen, wie der Politikdozent Eoin O’Malley von der Dublin City University erläutert. Allerdings sei die Unabhängige auch „nicht gerade als moderat“ bekannt.
Damit spielt O’Malley auf Murphys ersten Ausflug in die Politik an: Die Unternehmerin machte sich mit fremdenfeindlichen Sprüchen unmöglich, verdächtigte selbst Vierjährige der Sympathie für den „Islamischen Staat“ und wurde aus Fine Gael rausgeworfen. Als Unabhängige aber gewann sie im Wahlkreis Wexford genug Stimmen für den Einzug ins Parlament, im November sogar mit gewachsener Mehrheit. „Diese Realität muss ich anerkennen“, gab sich Premier Harris pragmatisch.
