„Tödlichste Offensive des Krieges“: Wo Putins Truppen jetzt die Ukraine angreifen könnten
Die Temperaturen klettern und damit wächst die Angst vor der russischen Sommeroffensive. Warum diese die „Tödlichste“ werden könnte, erläutert ein Experte.
Die USA wollen den brutalen Angriffskrieg Russlands am Verhandlungstisch klären. Doch Kremlchef Wladimir Putin setzt weiter auf Waffen statt auf Worte. Die „misslungenen“ Friedensgespräche motivieren ihn regelrecht, meint Ukraine-Experte Mykola Bieleskov. Er rechnet mit der „tödlichsten Sommeroffensive“ des gesamten Krieges.
Mit steigenden Temperaturen nehmen auch die Kämpfe in der Ukraine zu. Im Sommer sind die Tage lang, die Nächte kurz und das Blutvergießen groß. Während die USA vergebens die Ukraine und Russland zu einer diplomatischen Lösung drängen, verstärken russische Truppen ihre Angriffe.
Rettungskräfte evakuieren einen verletzten Mann aus einem mehrstöckigen Wohnhaus, das bei einem russischen Angriff in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zerstört wurde.
Ukraine-Krieg: Putins Sommeroffensive droht –„tödlichste des gesamten Krieges“
Dass sich der Kreml bei den Friedensgesprächen querstellt, verwundert Sicherheitsexperte Mykola Bieleskov nicht. „Russland verfolgt weiterhin das gleiche Ziel: die Zerstörung und Besetzung der Ukraine“, sagt er dem Münchner Merkur. Bielieskov ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am „National Institute for Strategic Studies“ und Analyst bei der ukrainischen NGO „Come Back Alive“. Laut ihm gibt es für Kremlchef Wladimir Putin keinen Anlass zum Verhandeln – gerade jetzt, wenn die warmen Monate beginnen.
Putins Parade in Moskau: Russland feiert „Tag des Sieges“ mit gigantischer Militärparade
Die New York Times warnte Ende Mai, dass das russische Hin und Her bei Verhandlungen eine gezielte Strategie sein könnte, die Gespräche bis Herbst hinauszuzögern, um im Sommer beim Schönwetter weitere Kilometer einzunehmen. Insgesamt gewinnen die Russen täglich Meter um Meter an ukrainischem Boden: blutig und langsam, aber stetig. Laut Schätzung der Times haben russische Truppen im Mai durchschnittlich 14 Quadratkilometer pro Tag eingenommen.
Ukraine-Krieg: Bei Verhandlungen ist „alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann“
Russland fühlt sich Bieleskov zufolge bestärkt darin, weiterzukämpfen. Bei den bisherigen Verhandlungen sei „alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann“, kritisiert er. Die USA und Europa senden Putin die falschen Signale. Er könne sich erlauben, was er wolle, ohne wirkliche Konsequenzen. Zum Hintergrund: US-Präsident Donald Trump droht Russland immer wieder mit neuen Sanktionen, wenn die Gespräche keine Fortschritte erzielen. Bis heute bleiben seine Warnungen nichts als heiße Luft.
Gleichzeitig zankt sich Trump öffentlich im Weißen Haus mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er droht ihm immer wieder damit, die Militärhilfen einzustellen. Jüngst schickten die USA etwa Raketen, die für die Ukraine vorgesehen waren, in den Nahen Osten. All das, gepaart mit den fehlenden Langzeitplänen für die Verteidigung Europas, ermutige Putin, meint Bieleskov.
Ukraine-Experte wünscht sich „weniger Gerede und mehr Taten“
Am Ende sei es ein Abnutzungskrieg, betont der Politikwissenschaftler. Es kommt darauf an, wer den längeren Atem hat. Von den Europäern wünscht er sich jetzt „weniger Gerede und mehr Taten“. Schöne Worte und Versprechen seien für die Ukrainer an der Front nutzlos. Die Verteidigungskraft Europas schrecke den Kreml bisher wenig ab, aber nur so gewinne man Putins Aufmerksamkeit für „erfolgreiche Friedensgespräche“.
Bieleskov zufolge sieht sich Putin klar im Vorteil, der Kremlchef wolle deshalb den Sommer für sich nutzen. Übergreifend rechnen Militärexperten mit einer großangelegten Sommeroffensive Russlands. Laut Financial Times rüstet sich die Ukraine bereits – aber man solle „kein Wunder erwarten“.
Im Ukraine-Krieg: Mögliche Standorte der Russland-Offensive im Sommer
Die ukrainischen Truppen seien erschöpft. Sie versprechen aber weiterzukämpfen, bis sie den Glauben der Russen brechen, dass die Ukraine besiegt werden könne, heißt es. Demnach stellen sich ukrainische Offizielle auf eine neue „blutige und umfangreiche Offensive“ ein. Diese hat laut Militärexperten bereits begonnen. Bieleskov erwartet keinen schnellen Durchbruch Russlands. Laut ihm sind Putins Befehlshaber aber im Vorteil bei der Festlegung der geografischen Prioritäten für ihre Sommeroffensive. Sprich, sie können aus einer Reihe möglicher Standorte wählen. Grund: Die russische Armee ergreife derzeit die Initiative und rücke an verschiedenen Punkten entlang der Front vor.
In Frage käme die nordostukrainische Region Sumy. Auch in Charkiw gab es in der vergangenen Zeit vereinzelte russische Vorstöße. „Die Hauptstoßrichtung der nächsten Monate dürfte jedoch in der Ostukraine liegen, wo Russland seine Kräfte nahe Pokrowsk und Kostiantyniwka konzentriert“, prognostiziert Bieleskov.
Bereits Anfang Mai warnte er in einem Bericht für die Denkfabrik „Atlantic Council“, Russlands Sommeroffensive könnte die „tödlichste des gesamten Krieges“ werden. Denn für Putin sei es wichtig, in den kommenden Monaten einen bedeutenden Durchbruch zu erzielen, führt der Experte aus. Der russische Machthaber wolle dem nationalen und internationalen Publikum zeigen, dass seine Armee in der Lage sei, einen Sieg in der Ukraine zu erringen.