In Moskau hat die Trauerfeier für den früheren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow ohne den russischen Präsidenten Wladimir Putin stattgefunden.
Moskau in Russland - Tausende Russen standen am Samstag vor dem Gewerkschaftshaus Schlange, um von dem dort aufgebahrten letzten Sowjetführer Abschied zu nehmen. Gorbatschow, der wegen seiner Reformen als Wegbereiter der deutschen Einheit gilt, war am Dienstag im Alter von 91 Jahren gestorben.
Schon am Morgen bildeten sich lange Schlangen vor dem Gewerkschaftsgebäude, in dem bereits Joseph Stalin nach seinem Tod 1953 aufgebahrt worden war. Über dem im Säulensaal des Gebäudes aufgebahrten Leichnam von Gorbatschow hing ein großes Foto des Verstorbenen. Viele Trauernde brachten Blumen mit und legten sie vor dem offenen Sarg nieder, der von Ehrengarden flankiert wurde.
Unter den Trauergästen waren auch Gorbatschows Tochter und weitere Familienmitglieder. Als einziger hoher ausländischer Vertreter nahm Ungarns Regierungschef Viktor Orban an der Trauerfeier teil.
Deutschland sollte bei der Trauerfeier durch den Geschäftsträger der Botschaft in Moskau vertreten werden. Auch andere westliche Staaten schickten ihre Botschafter. Andernorts wurde am Samstag ebenfalls Gorbatschows gedacht. In Berlin wehten die Flaggen auf Halbmast.
Angesichts der Repressionen inmitten von Russlands Militäreinsatz in der Ukraine sehnten am Samstag manche die Aufbruchstimmung unter Gorbatschow zurück. "Wir haben einen Windhauch Freiheit erlebt, er hat uns Transparenz und Pluralismus gegeben", erinnerte sich die 60-jährige Lehrerin Natalia Leleko an Gorbatschows Aufbahrungsstätte an seine Zeit an der Staatsspitze.
Die 41-jährige Übersetzerin Ksenia Jupanowa pflichtete ihr bei: Unter Gorbatschow habe es erstmals seit langer Zeit einen "Anschein von Freiheit" und keine Angst mehr gegeben. "Ich bin dagegen, sich vom Rest der Welt abzuschneiden, ich bin für Öffnung, für Dialog", fügte sie hinzu.
Nach der Trauerfeier in Moskau wurde Gorbatschows Sarg geschlossen und mit einer russischen Flagge bedeckt. Seine letzte Ruhestätte soll Gorbatschow auf dem Nowodijwitschi-Friedhof neben dem Grab seiner 1999 verstorbenen Frau Raissa haben.
Ein nationaler Trauertag wurde nicht für den letzten Staatschef der Sowjetunion ausgerufen, der das riesige Land von 1985 bis 1991 geführt hatte. Gorbatschow hatte versucht, die Sowjetunion mit demokratischen und wirtschaftlichen Reformen zu erhalten, konnte ihren Zusammenbruch jedoch nicht verhindern. Damit endete auch die Ära des Kalten Krieges zwischen dem Ostblock und dem Westen unter Führung der USA.
Von vielen in Russland wird Gorbatschow für den Zerfall der Sowjetunion, die folgenden Krisenjahre und einen Bedeutungsverlust Russlands verantwortlich gemacht. Präsident Putin hatte den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe im 20. Jahrhundert bezeichnet. Er kam am Samstag nicht, um dem Friedensnobelpreisträger die letzte Ehre zu erweisen.
Im Vorfeld der Trauerfeier hatte der Kreml Terminschwierigkeiten geltend gemacht. Putin war allerdings am Donnerstag in die Moskauer Klinik gefahren, in der Gorbatschow nach langer Krankheit gestorben war, und hatte dort einen Strauß roter Rosen niedergelegt.
Für Boris Jelzin, den ersten Staatschef der Russischen Föderation, war nach seinem Tod 2007 ein Trauertag ausgerufen und ein Staatsbegräbnis ausgerichtet worden. Zu der Beerdigung kamen damals sowohl Gorbatschow als auch Putin, der von Jelzin zu seinem Nachfolger auserkoren worden war. bur/yb/gt