Eine ATACMS-Rakete vor einem Himars-Raketenwerfer. Damit knackt die Ukraine auch die Kommandoposten Russlands. Ein Erfolg reiht sich an den nächsten – ohne dass der Krieg endet (Symbolfoto).
Russland zahlt den Preis für seine Starrsinnigkeit. Die Ukraine setzt Kampf gegen die russische Führung fort, um die Invasionskräfte zu neutralisieren.
Kursk – „Infolge des koordinierten und präzisen Angriffs wurde der Kommando- und Kontrollposten Russlands zerstört“, meldet der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte. Die in Kursk stehenden Kräfte reklamieren damit einen weiteren Schlag gegen Wladimir Putins Invasionsarmee. Der Angriff sei Teil einer umfassenderen Strategie der Ukraine, die russischen Einsatzmöglichkeiten durch Angriffe auf wichtige Kommandozentralen zu schwächen, wie der Kiew Independent schreibt. Der Generalstab habe betont, dass solche Angriffe darauf abzielten, das Angriffspotenzial Russlands zu verringern – inwieweit das gelungen ist, bleibt weiter fraglich. Die Ukraine müht sich nach Kräften, den Offensivdrang Russlands zu bremsen.
„Das Ziel, das heraussticht, wird eingestampft“, lautet die freie Übersetzung einer Überschrift im Magazin European Security & Defence. Autor John Antal hat sich darin auseinandergesetzt, wie ein Kommandoposten in einem künftigen Krieg auszusehen hat; weil er daran erinnert, dass immer wieder russische Kommandoposten enttarnt, anvisiert und zerstört würden. Auf russischer genauso wie auf ukrainischer Seite. Unzählige Generäle, Hunderte Obristen und andere Führungskräfte sind während des Ukraine-Krieges ums Leben gekommen – jedenfalls eine solch große Menge strategischer Hubs, die sich die Nato nie leisten könnte, behauptet Antal.
Putins Problem: „Besonders peinlich ist die Fähigkeit Russlands, seine Führungsspitze töten zu lassen“
Austin Wright stützt diese These – die sich über alle Hierachieebenen hinwegzuziehen scheint. „Heute ist der Ruf des russischen Militärs geprägt von Bildern ukrainischer Bauern, die russische Panzer stehlen, und der Unfähigkeit, einfache Flusssysteme zu überqueren“, schreibt Wright im Magazin Foreign Policy. „Besonders peinlich ist die Fähigkeit Russlands, seine Führungsspitze töten oder entlassen zu lassen. Bisher hat Russland Berichten zufolge mindestens neun Generäle auf dem Schlachtfeld verloren und viele weitere im eigenen Land, während Präsident Wladimir Putin seine Säuberung der Generäle fortsetzt. Hohe Verteidigungsausgaben und eine aggressive Außenpolitik haben die ernsthaften Probleme, die die russische Militärkultur seit dem Fall der Sowjetunion plagen, nicht geheilt.“
„Doch die Sprengung eines Kommandopostens kann die untergeordneten Einheiten verwirren und sie vorübergehend einem schnellen Angriff aussetzen.“
Tatsächlich scheint fast in jedem Monat ein Kommandoposten Russlands in die Luft zu fliegen oder ein Treffen hochrangiger russischer Offiziere gesprengt zu werden – laut der Medien sind diese Erfolge auch dem Einsatz US-amerikanischer ATACMS-Raketen oder HIMARS-Werfer geschuldet. Über die Zerstörung eines russischen Kommandopostens am Neujahrstag war geschrieben worden, dass die Ukraine dafür ein halbes Dutzend der britischen Storm-Shadow-Raketen erfolgreich eingesetzt hatte. Russlands Schicksal ist offenbar, dass einerseits die militärische Macht in wenigen Personen konzentriert ist sowie in wenigen regionalen Zentren.
Wie John Antal postuliert, ist das vorrangige Ziel in einem Krieg des 21. Jahrhunderts die Zerstörung der Befehlskette und der Kontrolle über das Schlachtfeld. Heutzutage seien Kommandoposten unmöglich zu verstecken und schwierig zu verteidigen. Insofern stünden das Aufspüren und Anvisieren eines Kommandopostens ganz oben auf des Gegners To-do-Liste. Seine Schlussfolgerung ist, dass die Befehlszentren vor allem mobiler werden müssten. „Heutzutage ist es wichtigste Zutat für eine Katastrophe, bedeutende militärische Intelligenz an einem Fleck in Reichweite gegnerischer Sensoren und Feuerkraft zu bündeln“, schreibt Antal.
Russland unbelehrbar: „Die Ersatzführer sind aggressiver und grausamer als die etablierten Führer“
Offensichtlich reichen die Erfahrungen Russlands aber kaum dazu, vom gewachsenen Kurs abzuweichen, kritisiert Austin Wright in Foreign Policy. Die Konzentration von Macht – geografisch wie persönlich – scheint eine der Achillesfersen der russischen Kriegsführung zu sein. „Das russische Militärkommando hat sich nicht gewillt gezeigt, Autorität an untergeordnete Offiziere zu delegieren. Dieses System führt nicht nur dazu, dass Generäle häufiger in Kampfhandlungen in Erscheinung treten und daher anfällig für Angriffe sind, sondern auch dazu, dass untergeordneten Offizieren die Erfahrung fehlt, um Operationen auf dem Schlachtfeld zu befehligen, wenn sie dazu aufgefordert werden“, wie er schreibt.
„Diese Angriffe unterbinden die Fähigkeit der Russischen Föderation, Terroranschläge gegen unschuldige ukrainische Zivilisten zu verüben“, schrieb die Nachrichtenagentur Reuters Anfang des Jahres über den vermeintlich erfolgreichen Angriff mit Storm-Shadow-Raketen anhand des Berichts des ukrainischen Militärs auf Telegram. David Axe ist da grundsätzlich anderer und sehr dezidierter Meinung, die er bereits nach zwei Monaten des Ukraine-Krieges im Magazin Forbes geäußert hatte: „Diese Angriffe allein werden den Krieg nicht beenden. Es gibt genügend stellvertretende Kommandeure, die die Plätze der verstorbenen Kommandeure einnehmen können – und die Ersatzführer sind in der Regel aggressiver und grausamer als die etablierten Führer, die sie ersetzen.“
Ukraine-Krieg: Kommandoposten könnten sich zu Friedhöfen wandeln
Axe hat insofern recht behalten, als dass die Ukraine den Krieg bisher nicht gewonnen hat. Aber Russland eben auch nicht. Axe hatte geschrieben, dass die Ukraine in den ersten beiden Monaten des Ukraine-Krieges bereits 31 russische Kommandoposten dem Erdboden gleich gemacht hatte. Insofern sind die vergangenen drei Kriegsjahren mit ihren Zehntausenden von Toten der russischen Halsstarrigkeit geschuldet. „In der Zukunft wird das Schlachtfeld so tödlich sein, und es wird so viele Möglichkeiten beinhalten Ziel-Informationen über unsere Kommandoposten zu erhalten, dass wir sie sehr, sehr schnell mobilisieren können, und dass sie deshalb verstreuter und kleiner sein müssen“, hatte bereits zu dieser Zeit der US-General James McConville geäußert. Der Personalchef der US-Armee hat angestoßen, was Antal geäußert hat als die Befürchtung, Kommandoposten könnten sich zu Friedhöfen wandeln.
Antal und McConville sind sich einig, dass der Ukraine-Krieg auch Taktiken, Techniken und Verfahren (im englischen Militärjargon Tactics, Techniques and Procedures / TTP) verändert; demgegenüber haben die Russen an ihren Verfahren festgehalten, was auch zum jüngsten Verlust des Kommandopostens bei Kursk beigetragen hat. „Die russische Armee war sich dieses Prinzips bereits 2014 bewusst. Unglaublich, aber inzwischen scheint sie es vergessen zu haben ... und weigert sich hartnäckig, es neu zu lernen. In letzter Zeit sprengen ukrainische Streitkräfte routinemäßig russische Kommandoposten in die Luft“, schrieb David Axe nach den ersten Kriegstagen. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert.
Verlusten vorbeugen: Konzentration der Macht scheint für einen zukünftigen Krieg kontraproduktiv zu sein
Ein Kommandoposten bedeutet auch klassisch die Manifestation einer hohen Führungsebene vor Ort. „Das legt nahe, dass die Generäle an der Front sein müssen, um sicherzustellen, dass ihre Truppen den Schlachtplan so umsetzen, wie sie es wollen“, sagte Steve Ganyard gegenüber dem US-amerikanischen Sender ABC. „Aber das legt auch nahe, dass es an Vertrauen in die Truppen mangelt, wenn sie mit so vielen hochrangigen Leuten so weit vorn sein müssen.“ Der ehemalige hochrangige US-Militär hatte sich ebenfalls bereits eingangs des Krieges erstaunt gezeigt über die hohe Zahl der Verluste an russischen Führungskräften.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Ihm zufolge bedeute das Auftauchen hoher Dienstgrade in Frontnähe den Mangel an Vertrauen in untere Chargen – vornehmlich in niedrige Offiziers- oder Unteroffiziersränge. Ganyard sieht darin einen „Hinweis darauf, wie schwach sich das russische Militär erwiesen hat, da es so weit vorne eine so starke Führungsriege braucht“. John Antal zufolge sollte die Alternative zu Konzentrationen der Macht deren Verteilung sein: beispielsweise auf wenige gepanzerte Kommandofahrzeuge, die sich mittels digitaler Kommunikation vernetzten.
Konzentration der Macht scheint für einen zukünftigen Krieg kontraproduktiv zu sein, wie David Axe bereits eingangs des Ukraine-Krieges geschrieben hatte. Vor allem, weil der Krieg auch schneller vonstatten geht: „Doch die Sprengung eines Kommandopostens kann die untergeordneten Einheiten verwirren und sie vorübergehend einem schnellen Angriff aussetzen.“