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In der Nacht erfolgte der viel spekulierte US-Angriff gegen den Iran. Teheran und Washington intensivieren gegenseitige Drohungen. Kommt es zu einem Gegenangriff?
Washington, D.C. / Teheran – Tagelang wurde spekuliert, ob die Vereinigten Staaten mit einem Angriff auf die iranischen Atomanlagen in den Iran-Israel-Krieg eingreifen könnten. In der Nacht auf Sonntag nun machte die US-Armee ernst und griff die drei Uran-Anreicherungsanlagen in Fordo, Isfahan und Natans an, die als Herzstück des iranischen Atomprogramms gelten. Am späten Samstagabend (US-Ortszeit) bilanzierte US-Präsident Donald Trump den US-Angriff auf den Iran im Oval Office in einer Rede an die Nation und warnte Teheran vor weiteren militärischen Schlägen auf Angriffsziele im Land. Teheran bemüht sich derweil, die Auswirkungen des US-Angriffs herunterzuspielen und droht Washington mit Konsequenzen.
Trump und Irans Führungsriege drohen sich nach US-Angriff auf Atomanlagen gegenseitig mit Nachdruck
In seiner Rede an die Nation klassifizierte Präsident Trump die US-Angriffe auf Irans Atomanlagen in Fordo, Isfahan und Natans als „großen Erfolg“, infolgedessen die Uran-Anreicherungsanlagen „komplett zerstört“ worden seien. Wie mitunter die US-Medien CNN und CBS News sowie die Nachrichtenagentur AP übereinstimmend berichten, kamen bei den US-Angriffen bunkerbrechende GBU-57-Bomben zum Einsatz. Die tonnenschweren Bombem können nur von B2-Spirit-Bombern transportiert und abgeworfen werden und haben eine derartige Sprengkraft, dass sie bis zu 61 Meter tief in die Erde eindringen können. Weil sich jenes Kriegsgerät im Besitz der US-Armee und nicht in Israels Hand befindet, war lediglich die US-Armee imstande, Irans bedeutendste Atomanlagen effektiv anzugreifen.
Israel und Iran im Krieg: Hunderte Raketen fliegen nach Tel Aviv und Teheran




Trump drohte dem Iran in seiner Ansprache an die Nation vor weiteren militärischen Schlägen. So gebe es eine Reihe weiterer Angriffsziele im US-Visier, die attackiert werden könnten, sofern sich Irans Führung nicht auf einen Frieden im Krieg mit Israel verständigen wolle. Künftige Angriffe würden weitaus heftiger, führte Trump im Oval Office aus. Der Iran stehe vor der Wahl zwischen Frieden und einer Tragödie, so Trump weiter.
Während die B2-Bomber der USA den iranischen Luftraum Trump zufolge „sicher“ verlassen hatten, bestätigten die iranische Atomenergiebehörde die Angriffe auf die Anlagen in Fordo, Isfahan und Natans. Gleichzeitig hieß es aus dem Iran CNN zufolge, der US-Angriff auf Fordo sei „oberflächlich“ gewesen und hätte keine ernsthaften Schäden herbeigeführt. Gleichwohl gab Irans Führung eine strikte Warnung in Richtung Washington ab: Der US-Angriff auf Irans Atomanlagen werde „ewige Konsequenzen“ haben, wird Irans Führung von Al-Jazeera und CNN zitiert. Welche Optionen aber bleiben dem Iran für einen Gegenschlag?
Der Iran könnte mit Gegenschlägen auf US-Militärbasen in Golfstaaten auf US-Angriff reagieren
Irans Außenminister Abbas Araghtschi verurteilte den US-Angriff auf Irans Atomanlagen als „ungeheuerlich“ sowie als „gesetzlos und kriminell“, wie er auf dem Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter) schrieb. Der Iran behalte sich „alle Optionen vor, seine Souveränität, seine Interessen und sein Volk zu verteidigen“, erklärte der iranische Chefdiplomat. Teheran beziehe sich dabei auf die UN-Charta und die darin vorgesehene legitime Selbstverteidigung. Nur wenig später verkündete Irans Staatsfernsehen ihre erste Angriffswelle auf Israel nach dem US-Angriff, wobei 30 Raketen in Richtung des Landes abgefeuert wurden. Auch aus Israel gab es am Morgen neue Angriffe auf den Iran, wobei laut CNN der Westen des Landes im Fokus stand.
The United States, a permanent member of the United Nations Security Council, has committed a grave violation of the UN Charter, international law and the NPT by attacking Iran's peaceful nuclear installations.
— Seyed Abbas Araghchi (@araghchi) June 22, 2025
The events this morning are outrageous and will have everlasting…
Eine nun brennende Frage ist, ob – und falls ja, wie – der Iran auf den US-Angriff reagieren wird. Angesichts des Nachdrucks gegenseitiger Warnungen dürfte ein iranischer Gegenangriff auf US-Ziele in der Golfregion sicherlich eine neue Eskalationsstufe im bis hierhin ohnehin so rasant eskalierten Konflikt zwischen Israel und dem Iran nach sich ziehen. Denkbar wäre dann etwa, dass der Iran mit einem Gegenschlag auf US-Militärbasen in den Golfstaaten abzielt: Trump hält rund 40.000 Soldatinnen und Soldaten in der Golfregion stationiert, darunter etwa im Irak, in Katar und Kuwait. Vor einem iranischen Gegenangriff auf US-Basen hatte der Republikaner Irans Führung bereits mehrmals strikt gewarnt.
Militärstützpunkte der USA könnten zum Ziel des Iran werden
Wie wahrscheinlich ein Angriff des Iran auf US-Basen ist, kann angesichts der Äußerungen von Irans Außenminister Araghtschi aktuell jedoch nur spekuliert werden: Sich „alle Möglichkeiten offen zu halten“, schließt jene Bedrohung aber zumindest nicht aus. Fraglich ist jedoch, wie sehr der Iran eine daraufhin sehr wahrscheinliche erneute US-Attacke in Kauf zu nehmen bereit ist. Unterdessen warnte UN-Generalsekretär Antonio Guterres vor einer weiteren rapiden Eskalation des Iran-Israel-Kriegs. „Ich bin zutiefst beunruhigt über die Anwendung von Gewalt durch die Vereinigten Staaten gegen den Iran heute“, wird Guterres von internationalen Medien übereinstimmend zitiert. Guterres warnte davor, weitere Angriffe könnten den Krieg in einer Region, „die bereits am Abgrund steht“, „rasant außer Kontrolle geraten“ lassen und rief die Beteiligten zur Deeskalation und zur Einhaltung ihrer Pflichten gegenüber der UN-Charta auf.
Eine andere Option, die dem Iran als Reaktion aktuell bleibt, wäre eine Blockade der Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman, dem Arabischen Meer und dem Indischen Ozean verbindet. Teheran erwog schon mit dem Ausbruch des Kriegs nach Israels Angriffen am 13. Juni, die Meerenge zu blockieren und damit dem Welthandel zu schaden. Von welcher wirtschaftlichen Bedeutung die Straße von Hormus ist, verdeutlichte Ölmarkt-Analyst Gaurav Sharma gegenüber der Tagesschau: „Jeden Tag passieren rund 33 Millionen Barrel Rohöl die Meerenge“. Insgesamt werden 21 Prozent des weltweiten Öls über das Nadelöhr transportiert. Aber auch darüber hinaus gilt die Meerenge als eine der zentralen Handelsrouten für Waren, die nach Asien gelangen sollen.
Mit einer Blockade der Straße von Hormus könnte der Iran den Welthandel beeinträchtigen
Für den Iran wäre es ein leichtes Unterfangen, die bedeutende Handelsstraße für den internationalen Schiffsverkehr zu sperren. Denkbar wäre etwa, das Nadelöhr zu verminen, oder Förderanlagen und Pipelines zu zerstören. Daneben käme aber auch ein direkter Beschuss von Tankern durch Drohnen oder Raketen infrage. Die Folge wäre, dass zahlreiche Öl- und Gasproduzenten in der Region vom Weltmarkt abgeschnitten wären, was die Öl- und Gaspreise an den Weltmärkten kurzerhand steigen lassen würde.
Doch auch hinter dieser Option des Iran stehen einige Fragezeichen. Der Tagesschau zufolge resümieren Fachleute eine Blockade der Straße von Horus durch den Iran als eher unwahrscheinlich, darunter auch Ölmarkt-Analyst Sharma. Denn mit einer Blockade der Meerenge würde Teheran nicht nur dem Welthandel schaden, sondern auch seine verbliebenen Partner in der Golfregion gegen sich aufbringen. Denn dass der Iran in Kauf nehmen könnte, seinen einstigen Erzfeind Saudi-Arabien nach einer Annäherung erneut gegen sich aufzubringen, darf bezweifelt werden. (fh)
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