Trump und Musk legen Axt an US-Sender – „Putins Propaganda steht noch weniger entgegen“
VonFlorian Naumann
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Donald Trump und Elon Musk zerstören US-Medien-Angebote gegen Diktaturen. Nun hagelt es Warnungen. Springt Europa in die Bresche?
Russland schürt Ängste, die USA wenden sich ab: Europa müsse eigenständig werden, fordern Verteidigungspolitiker spätestens seit der offenen Demütigung für Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus. Diese Forderung könnte weit über das Militär hinausreichen. Denn Donald Trump scheint auch in Sachen Medien eine offene Flanke zu schaffen, nicht nur für Wladimir Putin. Und auch in diesem Fall richten sich die Blicke nun auf die EU.
Trump schlägt wieder zu: US-Auslandssender vor dem Aus – ganz in Putins Sinne?
Der Anlass: Trump hat verfügt, USAGM – die US-Agentur für Globale Medien – drastisch einzuschränken. Das klingt zunächst abstrakt. Sehr konkrete Folgen hat das aber für auch in Deutschland bekannte Sender wie Radio Free Europe, Radio Liberty oder Voice of America (VOA). Hunderte Mitarbeiter von VOA sind bereits beurlaubt, den weiteren Sendern wird die Finanzierung gestrichen. Die US-Angebote liefern Nachrichten aus und für von Diktaturen kontrollierte oder bedrohte Gebiete. Etwa im Ukraine-Krieg, aber auch für Georgien, China, Tibet, Afghanistan, Iran und andere Staaten.
Der Präsident von Radio Free Europa und RadioLiberty, Stephen Capus, sprach von einem „großen Geschenk an Amerikas Feinde“. Aber Sorge und Entsetzen sind auch außerhalb der betroffenen Sender groß. Diese lieferten „unersetzliche Informationen für die Menschenrechtslage in Diktaturen“, sagte etwa Hanno Schedler, Referent für Genozidprävention der Gesellschaft für bedrohte Völker, am Dienstag. „Fällt diese Berichterstattung weg, steht der Propaganda von Xi Jinping, Wladimir Putin und Co. noch weniger entgegen“, warnte Schedler.
Vielsagend fielen die Reaktionen auf Trumps Schritt aus China und Russland aus: Die „Lügenfabrik“ Voice of America sei „von der eigenen Regierung weggeworfen worden wie ein schmutziger Lumpen“, höhnte Chinas englischsprachige Propagandawebseite Global Times. Margarita Simonyan, Chefin des Kreml-Organs Russia Today (RT), war bester Dinge. „Heute ist ein Feiertag für mich und meine Kollegen bei RT und Sputnik“, sagte sie der Moscow Times zufolge. „Das ist eine großartige Entscheidung von Trump!“
Die liberalen Demokratien drohen im Informationskrieg ins Hintertreffen zu geraten. Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter forderte zuletzt im Gespräch mit unserer Redaktion „strategische Kommunikation gegen Russlands Propaganda“. Sender wie France 24, BBC, Deutsche Welle oder eben Radio Free Europa sollten genutzt werden, „um der russischen Öffentlichkeit zu zeigen, wie brutal ihre Soldaten geopfert werden“, sagte er. Nun läuft der Trend offenbar in die entgegengesetzte Richtung. Obwohl russische Medien wie RT weiter aggressiv Desinformation verbreiten.
Sender-Aus im Ukraine-Krieg: US-Angebote lieferten Infos aus russisch besetzten Gebieten
Radio Free Europe und Co. sind dabei jedenfalls mancherorts keine reine Randerscheinung. Laut einer Umfrage des Instituts Gallup aus dem Sommer 2023 konsumierten damals 14,1 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer jede Woche Informationen von Radio Liberty. Die Erhebung fand im Auftrag von USAGM statt – dürfte aber dennoch einen Fingerzeig geben. Nach eigenen Angaben verzeichnete Radio Liberty im Jahr 2023 in der Ukraine 131,5 Millionen Webseitenabrufe. Mit Crimea Realities und Donbas Realities berichteten zwei Angebote auch aus den russisch besetzten Gebieten. Nicht zuletzt auf der Krim ist die Lage für nicht-putintreue Medien enorm schwierig.
Nach Informationen des Kyiv Independent hat Radio Liberty in der Ukraine noch Mittel, um die Arbeit bis Ende März fortzusetzen. Die Geschäftsführung kämpfe um den Fortbestand – möglicherweise mithilfe des US-Kongresses oder „anderer Organisationen“. Doch die Zeit drängt: Sind die Strukturen des Senders erst einmal aufgelöst, dürften sie schwer wieder aufzubauen sein.
Trump macht Radio Free Europe den Garaus – springt die EU ein?
Was also tun? Erste Forderungen richten sich an die EU. Ursula von der Leyens EU-Kommission solle prüfen, Radio Free Europe als eigenständige Organisation zu übernehmen und zu finanzieren, sagte der CDU-Europaabgeordnete Daniel Caspary diese Woche. Er sprach von jährlichen Betriebskosten von 150 Millionen Euro. Tatsächlich klingt das angesichts aktueller Milliarden-Pakete in Deutschland fast schon überschaubar.
„Diktaturen wie China geben immer mehr Geld für eine beschönigende und in zahlreichen Sprachen erscheinende Berichterstattung aus. Die EU muss dem etwas entgegensetzen“, sagte auch Schedler von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Wenn es Union und SPD mit einer koordinierten europäischen Außen- und Sicherheitspolitik ernst meinten, sollten sie auf EU-Ebene einen europäischen Sender schaffen, forderte er. Für den könnten dann auch Muttersprachler aus gefährdeten Regionen, etwa Uiguren oder Tibeter, arbeiten.
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Allgemein scheint der Blick eher in Richtung einer Rettung von Radio Free Europe und Co. zu gehen – oder zum Ausbau anderer Strukturen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas dachte laut darüber nach, die Finanzierungslücken zu „füllen“. Das sei allerdings kein Automatismus: Man werde sehen, „was wir tun können“, sagte sie am Montag. Der Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg, kündigte an, mit BBC oder Radio France schnell zu beraten, wie ein „Vakuum“ durch die Entwicklung bei der USAGM ausgeglichen werden könne.
„Feind Russlands zerstört sich selbst“: Trump und Musk lassen keine Zweifel an den Gründen
Der frühere Radio-Liberty-Journalist Stanislaw Asejew erzählte dem Kyiv Independent unterdessen, er sei im russisch besetzten Donezk 2017 aufgrund seiner Tätigkeit festgenommen und gefoltert worden. „Mir wurde gesagt, es handle sich um eine ‚CIA-Struktur‘ und einen Feind Russlands“, erklärte er: „Jetzt wird der ‚Feind Russlands‘ von Amerika selbst zerstört.“
Trump und sein milliardenschwerer Berater (und Social-Media-Unternehmer) Elon Musk ließen kaum Raum für Zweifel an den Gründen für ihren Schritt. Musk, offiziell zuständig für effiziente Verwaltung, ätzte auf X über eine „globale Regierungs-Propaganda-Agentur“. Trump hatte Voice of America vorgeworfen, „radikal“ und „Anti-Trump“ zu sein. VOA-Chefin ist aktuell die Trump-Vertraute und frühere Fox-Sprecherin Kari Lake. Sie nannte USAGM eine „gigantische Fäulnis“. (fn)