Trump und die Zölle: Droht nach dem Liberation Day die „Trumpcession“?
VonStephan Kaufmann
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Trumps radikale Handelspolitik verändert die USA. Neue Zölle könnten Inflation und Firmenpleiten befeuern. Droht der US-Wirtschaft jetzt der Absturz?
Die Welt hängt an Donald Trumps Lippen. Denn am heutigen Mittwoch (02. April) will der US-Präsident eine umfassende Runde neuer Zölle verkünden – gegen fast alle Länder der Welt. Trumps Drohung hat die globale Unsicherheit auf neue Höhen steigen lassen. Unsicher ist nicht länger nur die Wirtschaftskonjunktur, sondern der gesamte Rahmen, in dem der Welthandel künftig stattfindet. Denn die Standorte des Weltmarktes sehen einander zunehmend als Bedrohung ihres Wohlstandes und machen sich verteidigungsfähig durch Aufrüstung, Zivilschutz, Wehrpflicht – und Zölle.
Von Washington bereits beschlossen sind Zusatzzölle über 25 Prozent auf Einfuhren aus Kanada und Mexiko. Dazu kommen weitere Zölle von zehn Prozent gegen China, 25 Prozent Zoll auf Stahl- und Aluminiumexporte aus der ganzen Welt, und vergangene Woche gab es noch einmal 25 Prozent auf Importe von Autos und Autoteilen. Damit sind die US-Zollmauern laut dem britischem „Economist“ so hoch wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg.
Rekordzölle auf Importe: Warum Trumps Wirtschaftsstrategie die Welt an den Rand einer Krise bringt
Mit den Importabgaben verteuert die US-Regierung Einfuhren und erschwert damit ausländischen Konkurrenten den Absatz auf dem größten Markt der Welt. Das zeigt, dass derzeit eine besondere Art von Mangel herrscht: Nachfragemangel. Angebot an Gütern ist überreichlich vorhanden, es gibt von allem zu viel, von E-Autos über Solarpaneele bis Computerchips. Unternehmen klagen über Absatzschwierigkeiten und unausgelastete Produktionskapazitäten. Die Folgen: Preiskriege und Pleitewellen. Laut Allianz Research ist der Index der globalen Insolvenzen 2024 um zehn Prozent gestiegen. Für die USA wird dieses Jahr ein weiterer Anstieg um elf Prozent prognostiziert, für Deutschland und Italien um zehn und 17 Prozent.
Um im Verdrängungswettbewerb die heimische Wirtschaft zu stärken und die ausländische zu schwächen, greifen die USA nun zu einer neuen Form von Protektionismus: „reziproke Zölle“, die an diesem Mittwoch verkündet werden sollen. „Reziprok“ bedeutet, dass für einzelne Länder und einzelne Produktgruppen eigene Zölle erhoben werden, um Benachteiligungen von US-Waren in diesen Staaten und Branchen auszugleichen.
Donald Trumps Orbit: Einflüsterer, Berater und Vertraute des Präsidenten
Protektionismus der USA: Trumps „reziproke Zölle“ sorgen für Chaos in der globalen Wirtschaft
Unter Benachteiligungen zählt die US-Regierung dabei nicht nur Zölle anderer Länder, sondern auch nationale Regularien, die die US-Regierung als Handelshemmnis definiert. Zum Beispiel Einfuhrquoten, Währungspolitik, technische Standards oder vielleicht auch die Mehrwertsteuer, die es in den USA nicht gibt. Der Begriff „reziprok“ suggeriere Fairness, kritisiert das Peterson Institute for International Economics. Doch „eine zutreffendere Charakterisierung des Ansatzes wäre: willkürliche einseitige Zölle, die ohne jeglichen Bezug auf bestehende Verpflichtungen der Welthandelsorganisation oder Freihandelsabkommen eingeführt werden“.
Unter der Handelspolitik von Trump dürften nicht nur die Konkurrenten der USA leiden, sondern auch die eigene Wirtschaft. Denn die Zölle machen für dortige Unternehmen und Verbraucher:innen Importe kostspieliger, die Inflation steigt, Produktion und Konsum werden teurer. Betroffen sind auch US-Konzerne, die im billigeren Ausland produzieren lassen und die sich nun fragen, ob sich ihre ausländischen Produktionsstätten überhaupt noch lohnen. „Die Autobranche ist wie gelähmt“, kommentierte Michael Robinet vom Analysehaus S&P Global Mobility. „Niemand weiß, wo oder wie er noch investieren kann.“
Droht die „Trumpcession“? Experten warnen vor massiven Folgen für US-Wachstum und Arbeitsmarkt
Banken, Ökonomen und Ökonominnen erhöhen daher ihre Inflationsprognosen für die USA, die Wachstumsprognosen werden gesenkt. Vereinzelt wird vor einer Rezession gewarnt, das Wort „Trumpcession“ macht die Runde. Tatsächlich dürfte diese Rezession eine der wenigen in der Geschichte sein, die vielfach erhofft wird.
Zahlreiche Neuwagen der Marken Volkswagen und Audi stehen zur Verladung im Hafen bereit. US-Präsident Trump hat Zölle in Höhe von 25 Prozent auf alle Autoimporte angekündigt.
Sie würde belegen, dass Trumps Konfrontationskurs für die USA nicht aufgeht. Floriert dagegen die US-Wirtschaft weiter, könnte dies zeigen, dass der Weltmarkt keine friedliche internationale Arbeitsteilung zur Wohlstandssteigerung darstellt, sondern vielmehr ein strukturell kriegerischer Ort ist, auf dem der Stärkere sich durchsetzt. Darauf wird sich vorbereitet: China, Japan und Südkorea vereinbarten am Montag eine engere Wirtschaftskooperation.