VonPatrick Mayerschließen
Ein Experte sieht Unabhängigkeitstendenzen in Russland in Folge der militärischen Niederlagen in der Ukraine. Drohen sogar Aufstände? Die Ausgangslage würde es wohl hergeben.
München/Donbass – Die Ukraine sei zur „Geisel“ westlicher Staaten geworden, die Russland zerstören wollten: Das ist die nächste wirre These von Moskau-Machthaber Wladimir Putin, mit der der russische Präsident den Überfall seiner Armee auf den westlichen Nachbarn Ukraine rechtfertigen will.
Wladimir Putin: Verliert der Moskau-Machthaber gerade eben jene Macht?
„Ihr Ziel besteht (...) im Zerfall und in der Zerstörung unseres Landes“, behauptete Putin an diesem 9. Mai 2023 bei sichtlich getrübten Feierlichkeiten am „Tag des Sieges“.
Aber: Zerstört der 70-jährige Autokrat, der in diesen Tagen auf Fotos sichtlich müde wirkt, gerade mit dem Ukraine-Krieg selbst seine Regierung? Ein Experte prophezeite Putin nun das Ende seiner Macht und damit verbunden Aufstände in autonomen Regionen der Russischen Föderation.
„Russland steht näher am Kollaps als Sie denken. Russlands Staatsfundamente sind, ähnlich wie sein Militär, viel brüchiger als Moskaus Propaganda versucht, seinen Bürgern und Außenstehenden zu vermitteln. Wirtschaftlicher Niedergang, (...) ein personalisiertes Regime ohne Regelung der Nachfolge und eine drohende militärische Niederlage in der Ukraine werden Konflikte innerhalb der Elite sowie zwischen dem Zentrum (Moskau, d. Red.) und zahlreichen (Teil-) Republiken sowie Regionen auslösen“, erklärte Janusz Bugajwski der Kyiv Post.
US-Experte glaubt: Wladimir Putin wird in Russland verdrängt
Der 68-jährige Politologe analysiert für den US-amerikanischen ThinkTank „Jamestown Foundation“ Entwicklungen in Osteuropa. „Wir sehen Anzeichen von Konflikten zwischen verschiedenen Machtinstitutionen, mysteriöse Todesfälle von über einem Dutzend Oligarchen und häufige Säuberungen der Militärführung“, meinte der Brite in dem Interview mit der ukrainischen Wochenzeitung.
Putins Einfluss in Russland werde durch Gebietsverluste in der Ukraine, „die der Kreml nicht verbergen kann, und durch stark rückläufige Wirtschaftsbedingungen sowie Regierungsdienstleistungen, wie für das kommende Jahr prognostiziert, erheblich geschwächt“, erklärte Bugajwski und stellte die These auf: „Der Bruch wird sich beschleunigen, wenn Putin verdrängt wird, da sich interne Machtkämpfe verschärfen und regionale Führer die Gelegenheit sehen werden, neue Staaten zu gründen, ähnlich wie beim Zusammenbruch der UdSSR (1991, d. Red.).“
Regionale Führer werden die Gelegenheit sehen, neue Staaten zu gründen, ähnlich wie beim Zusammenbruch der UdSSR
Aufstände innerhalb der Russischen Föderation? Ein Beispiel könnte die autonome Republik Tschetschenien sein, die von „Putins Bluthund“ Ramsan Kadyrow autokratisch regiert wird. Ein Indiz: Tschetschenische Kämpfer, die an der Seite der ukrainischen Armee kämpfen, es sollen mehrere Hunderte sein, erzählten kürzlich dem US-amerikanischen Online-Magazin The Baily Beast, dass sie mit ihren „ukrainischen Brüdern“ auch ihre Heimat Tschetschenien befreien wollen.
Russland feiert den 09. Mai: Militärparade in Moskau




Aufstände in der Russischen Föderation? Tschetschenische Kämpfer drohen Moskau
Ukrainische Soldaten sollen wiederum ihren tschetschenischen Unterstützern versprochen haben, später an deren Seite im Nordkaukasus für die Unabhängigkeit vom Kreml in die Schlacht zu ziehen. „Wenn ich am Leben bin, werde ich mich an der Befreiung Tschetscheniens beteiligen“, wurde ein 43-jähriger Ukrainer zitiert. „Es kommen ständig Rekruten hierher. Sie alle bereiten sich darauf vor, Ichkeria (Tschetschenien, d. Red.) und andere besetzte Gebiete zu befreien“, erklärte zudem ein Tschetschene laut The Daily Beast: „Denn es gibt auch Tatarstan, Dagestan und Inguschetien.“
Bugajwski geht noch weiter. „Die ersten (Republiken), die ihre Souveränität und Unabhängigkeit erklären, werden die ethnisch homogenen nicht-russischen Republiken sein – Regionen, die die Ausbeutung ihrer Ressourcen durch Moskau ablehnen. Und Republiken sowie Regionen, die eine äußere Land- oder Seegrenze zu Nachbarstaaten haben, zusammen mit verwandten Bevölkerungsgruppen“, erklärte er der Kyiv Post.
Zur Einordnung: Nicht nur in Tschetschenien ist die Ausgangslage für kremltreue Machthaber schwierig. Im muslimisch geprägten Inguschetien (rund 400.000 Einwohner), das an Georgien und Tschetschenien grenzt, gibt es schon lange Unabhängigkeitsbestrebungen. Im ersten Halbjahr 2008 wurden hier etwa 70 Polizisten bei bewaffneten Angriffen mutmaßlicher Islamisten getötet.
Aufstände in Russland? Inguschetien, Tatarstan und Dagestan im Fokus
Laut Spiegel forderte das oppositionelle „Volksparlament Inguschiens“ seinerzeit zudem den Austritt aus der Russischen Föderation. Moskau installierte den russischen Armeegeneral Junus-Bek Jewkurow als Präsident, der im Juni 2009 einen Terroranschlag auf seinen Autokonvoi verletzt überlebte. Ende 2018 gab es indes monatelange Massenproteste, nachdem Gebiete an Tschetschenien abgetreten werden mussten.
Laut Neue Zürcher Zeitung (NZZ) liebäugelte auch Tatarstan (rund 3,8 Millionen Einwohner) in den 1990er Jahren mit der Unabhängigkeit. Die einstmals autonome Republik liegt samt der Großstadt Kasan (rund 1,24 Millionen Einwohner) mitten im westlichen Teil Russlands. Wie die NZZ schreibt, wurde die Verfassung Anfang Februar 2023 auf Druck Moskaus revidiert, wonach Tatarstan nur noch eine einfache russische Region sei. Der Begriff „Souveränität“ sei überall in der Verfassung gestrichen worden. Ein zeitlicher Zufall?
Dagestan in Russland: Immer wieder Anschläge gegen kremltreue Politiker
Noch ein Beispiel: Dagestan (rund 2,9 Millionen Einwohner) hat am Kaspischen Meer eine lange Küste, grenzt an Aserbaidschan und Georgien. Hier gibt es seit mehr als 20 Jahren immer wieder Terroranschläge gegen Regierungsmitglieder. Laut der Nachrichtenagentur dpa sah sich der Kreml 2012 veranlasst, 30.000 russische Soldaten zu entsenden, um die Kontrolle über die Region samt der Großstadt Machatschkala (rund 600.000 Einwohner) wiederzuerlangen. Bugajwski: „Man sollte nicht davon ausgehen, dass der Prozess der Ablösung Putins friedlich verlaufen wird.“ (pm)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Vladimir Smirnov


