VonNail Akkoyunschließen
Vor der Irland-Wahl überrascht eine Umfrage: Die bisher führende Partei verliert an Boden, während Sinn Fein aufholt. Damit hat kaum jemand gerechnet.
Dublin – Am kommenden Freitag (29. November) werden die Menschen in Irland ein neues Parlament wählen. Bei der Irland-Wahl handelt es sich um vorgezogene Neuwahlen, welche von den Regierungsparteien allerdings vor längerer Zeit vereinbart wurden.
So hatten die historischen Gegner Fianna Fáil und Fine Gael gemeinsam mit den Grünen in einem ungewöhnlichen Schritt vereinbart, zur Hälfte der Legislaturperiode das Amt des Regierungschefs zu tauschen. Das galt als Kompromiss, um die links-nationale Partei Sinn Fein, den früheren politischen Arm der Terrorgruppe IRA, aus der Regierung fernzuhalten.
Kurz vor der Irland-Wahl schwächelt eine Regierungspartei gewaltig
Premierminister Simon Harris (Fine Gael) ist seit April 2024 im Amt. Der 38-Jährige hatte den Posten von seinem Parteifreund Leo Varadkar übernommen, der überraschend zurückgetreten war. Wichtige Themen bei der Irland-Wahl sind unter anderem die Wohnungskrise, eine Debatte über zunehmende Migration und Jobverluste bei großen Tech-Konzernen, die in dem EU-Mitgliedstaat aus steuerlichen Gründen ihren Europasitz haben.
Derzeit ist Sinn Fein, die in der britischen Nachbarregion Nordirland die stärkste Partei stellt, wegen mehrerer Skandale politisch angeschlagen. Der als „Taoiseach“ bezeichnete Regierungschef nutzt damit die Gunst der Stunde, immerhin sahen Umfragen die Linksnationalisten zu Beginn des Monats noch bei 18,5 Prozent – ein Jahr zuvor lag noch bei rund 35 Prozent. Politische Beobachterinnen und Beobachter rechneten daher zuletzt mit einem Sieg der Regierungsparteien bei der Wahl am Freitag.
Umfrage zur Irland-Wahl überrascht: Sinn Fein wittert plötzlich wieder Morgenluft
Doch jetzt zeichnet sich plötzlich ein überraschend knappes Rennen bei der Irland-Wahl ab. Die bislang in der Wählergunst führende konservative Partei Fine Gael fiel laut einer am Montag veröffentlichten Umfrage für die Irish Times um ganze sechs Prozentpunkte zurück und käme jetzt mit 19 Prozent auf den dritten Platz. In Führung liegt demnach Fine Gaels derzeitiger konservativer Koalitionspartner Fianna Fáil mit 21 Prozent, gefolgt von Sinn Fein mit 20 Prozent.
| Partei | Prozentpunkte |
|---|---|
| Fianna Fáil | 21 (+2) |
| Sinn Fein | 20 (+1) |
| Fine Gael | 19 (-6) |
| Independent | 17 (-3) |
| Grüne | 4 (+1) |
| Labour | 4 (-1) |
| Sozialdemokraten | 6 (+2) |
| People Before Profit | 3 (+1) |
| Aontu | 3 (±0) |
Der Verlust des Favoritenstatus von Premier Harris‘ Fine Gael ist auf gleich mehrere Pannen und Fehltritte zurückzuführen. Zuletzt war ein Video aufgetaucht, das zeigte, wie Harris einer schimpfenden Sozialarbeiterin brüsk den Rücken zukehrte und sie einfach stehen ließ. Der Clip wurde mehr als 2,5 Millionen Mal aufgerufen, Harris entschuldigte sich einen Tag später öffentlich bei der Betroffenen. Das Video wurde unter anderem vom irischen Sender RTÉ News auf X verbreitet.
Sollten sowohl Fianna Fáil als auch Fine Gael nach der Irland-Wahl weiterhin nicht mit Sinn Fein reagieren wollen, könnte eine der kleinen Parteien – wie schon die Grünen im Jahr 2020 – zum Königsmacher werden. Selbiges gilt, falls Sinn Fein und Independent gemeinsam auf eine höhere Prozentzahl kommen würden als aktuell erwartet. Letztere konnten bereits der EU-Wahl erste Erfolge erzielen und setzen sich ebenfalls für eine irische Wiedervereinigung ein. Im Gegensatz zu Sinn Fein gilt die Independent-Partei jedoch als rechts und vertritt dementsprechend deutlich konservativere Ansichten – nicht von ungefähr verkaufte man sich bei der Gründung vor gut einem Jahr als „bequeme Alternative“ zu Sinn Fein.
Irland-Wahl: Sinn Fein will bei Wahlsieg Referendum über irische Wiedervereinigung
Bei der Irland-Wahl vor vier Jahren war Sinn Fein stärkste Kraft geworden. Letztlich bildete jedoch Fine Gael gemeinsam mit Fianna Fáil und den Grünen eine Koalition. Für den Fall eines Wahlsiegs hat Sinn Fein-Chefin Mary Lou McDonald bis zum Jahr 2030 eine Volksabstimmung über eine Vereinigung mit der britischen Provinz Nordirland angekündigt.
Sinn Fein ging aus dem politischen Flügel der paramilitärischen Untergrundorganisation IRA hervor. Die IRA kämpfte jahrzehntelang für die Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland. Im Nordirland-Konflikt zwischen katholischen Nationalisten und protestantischen Unionisten wurden insgesamt mehr als 3500 Menschen getötet.
Die frühere Bürgerkriegsregion Nordirland hat indes seit Februar 2024 eine Regierungschefin, die das britische Gebiet gerne mit dem Irland vereinigen würde. Die tief im republikanischen Lager verwurzelte Michelle O‘Neill von der Partei Sinn Fein übernahm als erste Katholikin in der 103-jährigen Geschichte des Landesteils die Rolle des „First Minister“. Sinn Fein wertete das historische Ereignis als Schritt hin zu einer irischen Wiedervereinigung. (nak)
