VonFabian Müllerschließen
In der ukrainischen Armee dienen rund 60.000 Soldatinnen. Viele von ihnen kämpfen noch immer gegen Sexismus und Stereotype - neben der russischen Invasion.
Kiew - Bereits seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine kämpfen verhältnismäßig viele Soldatinnen an der Front. Laut der US-amerikanischen Botschaft sollen rund 60.000 Soldatinnen in der ukrainischen Armee dienen und ihr Heimatland vor den russischen Angriffen beschützen. Doch es gibt immer wieder auch Berichte über Sexismus, auch in den eigenen Reihen.
Das ukrainische Portal Kyiv Independent hat stellvertretend mit einer Soldatin gesprochen: Yuliia Mykytenko. Sie berichtet von sexistischen Kommentaren, wie beispielsweise: „Du bist ein Mädchen, wie kannst du an die Front gehen?“ oder: „Hast du keine Angst vor dem Beschuss?“ Gemeint ist: Angst, weil sie eine Frau ist.
Frauen kämpfen in ukrainischer Armee gegen Sexismus und Stereotype
Die 27-Jährige sagte, sie habe gelernt, damit umzugehen und sich ihrer Aufgabe zu widmen: Mykytenko ist Oberleutnantin und Kommandantin eines Luftaufklärungstrupps, der in der Nähe von Bachmut im Einsatz war. Die geschlechterspezifische Diskriminierung habe über die Jahre zwar abgenommen, erklärte sie, doch herrsche in der Armee nach wie vor eine traditionell männlich geprägte Mentalität vor. Kampffähigkeit auf dem Schlachtfeld werde noch immer nach dem Geschlecht beurteilt.
Als Mykytenko ihrem Zug vorgestellt wurde, hätten 80 Prozent der Soldaten um Versetzung gebeten. Sie hätten nicht einer Frau unterstehen wollen. Der Kampf gegen Stereotype dauere noch immer an, sagte Mykytenko. Erst seit 2018 sind Soldatinnen ihren männlichen Kollegen rechtlich gleichgestellt, zuvor durften sie nicht an vorderster Front dienen. Von den mittlerweile rund 60.000 Soldatinnen befinden sich aktuell etwa 5000 Frauen in aktiven Kampfpositionen. Die Zahl wächst laut Kyiv Independent zwar, die Kämpferinnen sind aber noch immer klar in der Unterzahl.
Video: Ukraine fertigt spezielle Uniformen für Soldatinnen an
Von den Offizieren sind nur 8,9 Prozent Frauen, keine von ihnen bekleidet eine höhere militärische Position. Das geht aus einem Bericht der ukrainischen Veteranenstiftung aus dem März hervor. Doch die russische Invasion im Februar 2022 hat die Präsenz von Frauen in der ukrainischen Armee gestärkt, Zehntausende sind der Armee beigetreten. Für viele ist es auch eine Entscheidung, die mit persönlichem Leid verbunden ist: Mykytenko hat nach eigenen Angaben ihren Mann und ihren Vater im nun seit neun Jahren währenden Konflikt mit Russland verloren. (fmü)
