„Vergleichbar mit der Waffen-SS“: Russland-Experte sieht bei Wagner-Söldnern exzessive Mordlust
VonJens Kiffmeier
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Von wegen Machtkampf: Die Wagner-Gruppe von Prigoschin erledigt für Putin die Drecksarbeit im Ukraine-Krieg – so wie die Waffen-SS? Ja, sagt ein Experte.
Moskau – Streit statt Einigkeit: Zuletzt waren die Söldner der Wagner-Gruppe vor allem durch Querelen mit dem Kreml aufgefallen. Vor allem der Boss der Privatarmee, Jewgeni Prigoschin, stichelte massiv gegen Russlands Militärführung wegen ausbleibender Erfolge im Ukraine-Krieg. Mitunter wurden dem Wagner-Chef bereits Ambitionen auf den Präsidentenstuhl nachgesagt. Doch von einer wirklichen Fehde kann wohl keine Rede sein.
Ukraine-Krieg: Wagner-Gruppe um Prigoschin hat die „Lizenz zum Töten“
So geht Russland-Experte Andreas Heinemann-Grüder von einer klaren Aufgabenaufteilung zwischen Russlands Armee und der Wagner-Gruppe aus. „Die Söldner der Gruppe haben gewissermaßen eine Lizenz zum Töten“, sagte der Politologe in einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv. Denn die Privatarmee von Prigoschin sei nicht an die Genfer Konvention gebunden. Dadurch könne man der Wagner-Gruppe „exzessives Morden überlassen“.
Wagner-Gruppe: Politologe vergleicht die Söldner von Prigoschin mit der Waffen-SS
Vor diesem Hintergrund zog der Wissenschaftler dann auch einen historischen Vergleich. „Aus meiner Sicht ist das eine Truppe, die vergleichbar ist mit den Einsatzgruppen der deutschen Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg“, sagte Heinemann-Grüder mit Blick auf Prigoschins Kampfverbände. Damals habe man bewusst, Killeroperationen an die SS-Einheiten ausgelagert. „Auch die haben, vor allem in der Ukraine und in Belarus, Aufgaben erledigt, die die Wehrmacht nicht erledigen sollte“, sagte der Politologe weiter.
Hohe Verluste im Ukraine-Krieg: Wagner-Gruppe erledigt bei Bachmut die Drecksarbeit
Die Söldner der Wagner-Gruppe gelten als äußerst brutal und berüchtigt. Derzeit sind sie vor allem im Stellungskrieg rund um die Stadt Bachmut im Einsatz. Jedoch sind die Schlachten dort sehr verlustreich und verzeichnen kaum noch Fortschritte. In den vergangenen Wochen war es deswegen öffentlich immer wieder zum Streit zwischen dem Kreml und Wagner-Boss Prigoschin gekommen.
Obwohl empfindliche Strafen bei jeglicher Kritik an Russlands Angriffskrieg in der Ukraine drohen, warf Prigoschin der russischen Militärführung Versagen vor und brüstete sich stattdessen mit den Erfolgen der Wagner-Truppe und drohte schon mit dem Abzug seiner Truppen. Die Folge: Das Verteidigungsministerium entzog der Privatarmee die Möglichkeit, in Gefängnissen um neue Rekruten anzuwerben. Mittlerweile soll die Truppe große Mühe haben, seine hohen Verluste in den eigenen Reihen ausgleichen zu können.
Machtkampf mit Putin? Für einen Sturz durch Prigoschin gibt es wenig Anzeichen
Einige Beobachter sahen in den Vorgängen erste Anzeichen, dass Prigoschin dem Kreml zu mächtig geworden war und Russlands Präsident Wladimir Putin ihn allmählich kaltstellen lassen will – auch, weil der Wagner-Boss immer wieder als potenzieller Nachfolger des Kremlchefs gehandelt wird. Doch für einen Sturz Putins sieht Heinemann-Grüner keinerlei Anzeichen. „Das halte ich für ausgeschlossen“, sagte er zu n-tv. Nach wie vor sitze Putin einigermaßen fest im Sattel – und dabei helfe am Ende auch die Wagner-Truppe.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Laut dem Wissenschaftler beruht das Machtsystem von Putin darauf, dass es konkurrierende Sicherheitsapparate gebe, die der Kremlchef gegeneinander ausspielen könne. „Für ihn ist es sinnvoll, wenn es immer einen Konkurrenten gibt, der einspringen kann, wenn etwas nicht klappt“, sagte Heinemann-Grüner. Prigoschin sei wohl eher dazu da, das Militär unter Druck zu setzen. Und umgekehrt gelte auch: Wenn Wagner nicht in der Lage ist, eine Aufgabe zu erfüllen, steigt der Stern des Generalstabs. Der Vorteil für Putin: Der Kremlchef findet immer einen Sündenbock.
„Intrigen schaden beim Kämpfen“: Prigoschin warnt vor Niederlage im Ukraine-Krieg
Dass man schnell zwischen die Fronten geraten kann, schwant dem Wagner-Boss vielleicht auch gerade selber. Nach den Querelen der vergangenen Wochen mahnte er plötzlich vor einer Niederlage im Ukraine-Krieg. Die russischen Perspektiven im Krieg gegen die Ukraine würden zunehmend „neblig“, hatte er plötzlich über das Online-Netzwerk „WKontakte“ wissen lassen. Den russischen Truppen würden wohl „nur noch wenige Wochen“ verbleiben, bis ein ukrainischer Gegenangriff beginne. Darauf sei man schlecht vorbereitet und man solle sich mal endlich darauf konzentrieren, „die Frontline zu halten“ und „alle Streitigkeiten, Beleidigungen und alles andere vergessen“, zitierte ihn der Tagesspiegel. Denn, so Prigoschin weiter: „Die Intrigen stören beim Kämpfen.“ (jkf)