VonPeter Rutkowskischließen
Mit der Abhör-Affäre erwischt es einen deutschen Top-General: Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz. Eine Einschätzung.
Berlin – Ingo Gerhartz ist wohl nicht der Typ Mensch, den Olaf Scholz ganz besonders schätzt. Nicht nur, weil der Inspekteur der Luftwaffe im Gegensatz zum SPD-Bundeskanzler positive (und wen verwundert’s: martialische) Schlagzeilen in Reihe macht. Aber vielleicht auch deshalb: „Der deutsche Top-Gun-General“ (Spiegel), „der Soldat, dem alles gelingt“ (Augsburger Allgemeine), „der coole Mann im Flieger-Outfit“ (Zeit). Und wenn dann noch t-online zitiert, Gerhartz genieße „höchstes Ansehen, in der Bundeswehr genauso wie im politischen Berlin“, dann dürfte der Kontrast zwischen den beiden Männern wohl kaum noch prononcierter geraten können.
Alle mediale Zuspitzung beiseite, bleibt aber doch fraglos, dass der 58-jährige Generalleutnant, seit 2018 Inspekteur der Luftwaffe – also ihr höchster Dienstgrad –, derzeit der erfolgreichste Repräsentant der deutschen Streitkräfte in der Öffentlichkeit ist (und die Bundeswehr gibt sich ehrlich viel Mühe mit ihrem „Nachgefragt“-Kanal, näher ans Volk zu kommen). Das kommt nicht von ungefähr.
General Gerhatz krempelt Luftwaffe um
Dass der General als einziger der Luftwaffenoberen der Nato noch selbst Kampfjets fliegt, wird ihm wahrscheinlich der eine oder andere Bündniskamerad neiden. In der deutschen Luftwaffe dürfte er damit den meisten zu Recht als „toller Hecht“ und „ganzer Kerl“ imponieren. Und das ist immens wichtig für den Bestand von Gerhartz’ Waffengattung: Als er das Kommando über die Luftwaffe übernahm, war diese am Tiefpunkt ihrer Entwicklung angekommen: konsequent kaputtgespart von mehreren Merkel-Regierungen. Offenbar mit einem klaren Auftrag der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen krempelte der General seinen Laden um und brachte ihn, wenn noch nicht bislang von der Ausrüstung her, so doch von der inneren Haltung seiner Angehörigen wieder auf einen zukunftsfähigen Weg.
Die Luftwaffe
Die Militärfliegerei hat in der Bundesrepublik eine immer wieder wenig rühmliche Geschichte zu verzeichnen. Gegründet 1955 als Teilstreitkraft der Bundeswehr (und damals umgangssprachlich „Bundesluftwaffe“ genannt) musste man gewissermaßen bei null anfangen: Die wenigsten Kommandeure der neuen Luftwaffe konnten auf Erfahrung mit Jet-getriebenen Kampfflugzeugen zurückblicken. Propellerflugzeuge waren aber inzwischen aus Kampfgeschwadern weitestgehend ausgemustert worden. Zudem musste sich die Luftwaffe in der Struktur des Kalten Krieges den Himmel nicht nur mit immer mehr Raketenartillerie teilen, sondern stand in einer fragilen politischen Balance, um den Krieg mit dem Warschauer Pakt nicht heiß werden zu lassen.
Die erste Probe aufs Exempel kam Mitte der 60er Jahre, als sich unerklärliche fatale Abstürze von F-104 „Starfighter“-Kampfflugzeugen ereigneten. Die wahrscheinlichste Ursache war eine ungenügende Ausbildung der Piloten und die extrem diffizile Technik. Die Witwen der getöteten Piloten organisierten zwecks Aufklärung praktisch die erste Bürgerinitiative der Republik.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde auch die Luftwaffe kontinuierlich zurückgebaut. Kampfflieger waren immer öfter zur Luftraumüberwachung und Bodenaufklärung im Einsatz. Der Verbundkampf am Boden mit Angriffshubschraubern schien nicht mehr zeitgemäß. Höchstens für Auslands- oder UN-Einsätze schien eine überschaubare Zahl an Transportern nötig. Dies erwies sich noch vor der Jahrtausendwende als strategische und politische Fehleinschätzung.
20 Jahre lang versuchte man, den zunehmenden Mangel zu verwalten, dann sich irgendwie zu behelfen und schließlich Neuentwicklungen, Neubeschaffungen und Restrukturierungen zu forcieren für eine sich im Kreml abzeichnende neue Konfliktlage. Vom Umfang her geringe Einsätze kann die Luftwaffe bereits wieder bewältigen, die Modernisierung geht weiter. rut
General Gerhartz soll von 2025 an das „Allied Joint Forces Command“ befehligen
Und er wusste das nonverbal wie verbal zu kommunizieren. Auch das kein Wunder, hatte der markante Glatzkopf Gerhartz (im Englischen ein „bullet-head“) doch schon zwei Mal bemerkenswert unverkrampft als Pressesprecher des Bendlerblocks und ein Mal auch für die Truppen in Afghanistan fungiert. Dass die Medien an ihm aber größtenteils einen Narren gefressen haben, liegt auch an seiner (selbst-)bewussten und fraglos integren Image-Pflege – mit der klaren Tendenz, dass es nie um die Person Gerhartz gehe, sondern immer um die Sache. Das ist erklärtermaßen die kontinuierliche Modernisierung und Verzahnung des militärischen Flugbetriebs, die deutsche Luftwaffe erstmals bei einem Großmanöver im Indopazifik (2022) zu beteiligen und – ganz wichtig – die Freundschaft mit Israels Luftwaffe zu pflegen, die dann darin mündete, dass israelische und deutsche Flugzeuge 2020 zum Gedenken gemeinsam über Dachau flogen. Solche Symbolik mag im Zivilen übel aufstoßen oder ignoriert werden, im Militär ist sie geradezu zwingend.
Weniger symbolisch – aber das auch – ist, dass Gerhartz von 2025 an das „Allied Joint Forces Command“ im niederländischen Brunssum befehligen soll, eines von zwei operationalen Nato-Hauptquartieren in Europa. Die Verstrickung an der jüngsten Abhöraffäre könnte dem allerdings einen Dämpfer versetzen. (Peter Rutkowski)
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