Dass ein Wirtschaftsminister im Ausland von Firmenvertretern begleitet wird, ist nicht ungewöhnlich. Die Unternehmen profitieren von politischem Rückenwind.
Kiew – In der Ukraine herrscht Krieg, Raketen schlagen ein, Menschen sterben, jeden Tag. Warum investieren deutsche Unternehmen trotzdem in einem Land, wo Krieg geführt wird?
„Ich war vorher, ehrlich gesagt, zurückhaltend, habe gesagt, das geht jetzt vor allen Dingen um Nothilfe und nicht zu sehr um Investitionen“, sagt der Geschäftsführer des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Michael Harms. Nach zwei Tagen voller Gesprächen mit Wirtschaftsvertretern, Behördenchefs und Politikern hat er seine Meinung geändert. Harms ist Teil der Wirtschaftsdelegation und ein Gesandter der Förderbank KfW, die mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in die Ukraine gereist ist.
Habeck in der Ukraine – warum deutsche Unternehmen in Krisengebiete reisen
Harms weist auf die stabile Lage im Westen des Landes inklusive der Hauptstadt Kiew hin. Und die Nachfrage sei hoch in Branchen wie der Baustoffproduktion, Landwirtschaft, Logistik und dem Energiesektor. Doch: „Den wirklichen Wiederaufbau, die große Investitionswelle wird es erst dann geben, wenn der Krieg zu Ende ist.“
An Unternehmen, die in der Ukraine aktiv sind, gehen die Kämpfe auch nicht spurlos vorbei. Gleich zu Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine sei die Bayer-Fabrik angegriffen worden, sagt Matthias Berninger, vom Pharma- und Pflanzenschutzkonzern Bayer. „Das war für uns ein großer Schock. Erst 2019 habe sein Unternehmen in der Ukraine eine der modernsten Saatgutfabriken der Welt eröffnet. Kostenpunkt: 200 Millionen Euro.
Trotzdem will das Unternehmen weitermachen. „Wir werden noch mal weitere 60 Millionen in eine Kapazitätsausweitung investieren“, sagt Berninger. „Die Idee ist ganz einfach: Wir glauben, dass die Ukraine der beste Standort ist für die Saatgutproduktion in Europa.“ Auch die Freisinger Fixit-Gruppe, die Baustoffe herstellt, war lange im Land aktiv. „Wir hatten im letzten halben Jahr massiv mit Stromausfällen zu kämpfen“, sagt Michael Kraus, Geschäftsführer Region Ost. Im letzten halben Jahr konnte nur in der Nachtschicht produziert werden. Mitarbeiter seien zum Militär gegangen – manche nicht zurückgekommen.
Wiederaufbau der Ukraine: Bundesregierung investiert in deutsche Unternehmen
Um deutschen Firmen unter diesen Bedingungen die Arbeit in der Ukraine überhaupt möglich zu machen, sichert die Bundesregierung deren Investitionen ab. „Das machen wir normalerweise nicht“, sagt Habeck. „Aber hier tun wir das.“ Laut Wirtschaftsministerium sichert die Bundesregierung derzeit elf Projekte in der Ukraine mit 21 Investitionsgarantien, mit einer Kapitaldeckung von insgesamt 221 Millionen Euro ab. Auch deutsche Exporte in die Ukraine sichert die Bundesregierung ab, 2022 in Höhe von 144,2 Millionen Euro. Dabei geht es zum Beispiel um die Absicherung von Bahn-Waggons mit Getreideexporten sowie um Exporte von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut.
Die Ukraine hat solche Unterstützung bitter nötig: Die Wirtschaft ist im Kriegsjahr 2022 eingebrochen, das Bruttoinlandsprodukt sank um mehr als ein Drittel. Im- und Exporte fielen um rund 20 beziehungsweise rund 30 Prozent zum Vorjahr. (Martina Herzog)