„Hybride Kriegsführung“

Wendepunkt in der Ukraine? Experte sieht Chancen für Kiew - aber auch Gefahr eines „vergessenen Kriegs“

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Gäbe es einen Stellungskrieg, wäre Russland im Vorteil, so ein Militär-Experte. Im Bild: Ein Soldat der selbst ernannten Volksrepublik Donezk beobachtet am 7. Januar 2017 von einem Schützengraben aus die ukrainischen Stellungen.
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Putins hybride Kriegsführung könnte am Ende zum Erfolg führen, glaubt ein Experte. Doch die Ukraine habe Chancen auf eine Gegenoffensive - sofern sie entsprechende Waffen erhalte.

Kiew/Moskau - Die Ukraine verlängerte nun das Kriegsrecht um weitere 90 Tage, doch der Krieg wird aus Sicht von Experten wohl noch länger andauern. Es könnte der Ukraine zwar gelingen, im Donbass unter bestimmten Voraussetzungen Gelände zurückzugewinnen. Doch es bestünde die Gefahr, dass der eskalierte Ukraine-Konflikt zum „vergessenen Krieg“ werde - und damit zum Erfolg für Putin. Das sagte der Militärexperte Carlo Masala am Montag (23. Mai) im Interview mit dem Nachrichtenmagazin Welt.

Ukraine-Krieg: Militärexperte sieht Waffenlieferungen als entscheidenden Faktor für ukrainischen Erfolg

Zu Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine sah es zunächst nach einer militärischen Übermacht Russlands aus - allein aufgrund der größeren Infanterie. Doch tatsächlich kam Putins Angriff aus Sicht von Experten langsamer voran als wohl geplant. Allein die Anzahl der Soldaten sage nichts über die Kampfstärke aus, sagte der Militärexperte und Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, Carlo Masala, am Montag in dem Gespräch mit Welt.

Die Frage sei vielmehr, welche Moral dort vorherrsche. Offiziellen Angaben zufolge sterben täglich 50 bis 100 ukrainische Soldaten. Doch auch Russland hatte erhebliche Verluste zu verzeichnen. Das Land zog mit 120.000 Soldaten in den Krieg, nach Schätzungen des britischen Geheimdienstes würden „30 Prozent dieser Soldaten nicht mehr existieren“, gab Masala zu Bedenken. Sie seien entweder gestorben, gefangen genommen worden oder desertiert.

Ukraine-Krieg: Russische Truppen „kämpfen 24/7, das führt zu extremen Erschöpfungszuständen“

Das Verhältnis im Donbass sei 2 zu 1: „Es sind noch immer doppelt so viele ukrainische Soldaten da wie russische“, so der Militärexperte weiter. Die Ukrainer könnten daher Einheiten herausnehmen und pausieren lassen, die russischen Kräfte hingegen „kämpfen 24/7, das führt zu extremen Erschöpfungszuständen“. Russland versuche aktuell, seine Stellungen in der Ostukraine zu halten und dort auf die ukrainische Gegenoffensive zu warten.

Die Ukrainer hätten eine Chance, Russland im Donbass Gebiete wegzunehmen. Denn die ukrainischen Truppen hätten gezeigt, dass sie auf taktischer Ebene sehr gut operieren können, so Masala weiter. Allerdings gelinge das nur, wenn genügend Waffen zur Verfügung stünden. „Gebraucht wird vor allem Artillerie - in Deutschland geht es dabei um die Lieferung der Panzerhaubitze 2000 - und Panzer“, erklärte der Militärexperte.

Carlo Masala, Militär-Experte und Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München.

Ukraine-Krieg: „Hybride Kriegsführung“ Putins könnte zu Russlands Sieg führen

Putin wird immer wieder „hybride Kriegsführung“ vorgeworfen. Er soll demnach bewusst für eine Versorgungskrise sorgen, um Flüchtlingsströme zu erhöhen. „Russland führt diesen Krieg auch mit einer leisen Waffe: Hunger und Entbehrung“, sagte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock zu dieser Taktik. Militärexperte Masala teilt diese Meinung. Hunger, Flucht und Vertreibung seien Teil der russischen Kriegsführung. Die Krise an der polnisch-russischen Grenze vor Beginn des Ukraine-Krieges habe für Putin als „Testballon“ gedient.

Der russische Präsident habe damit verstehen wollen, wie Europa mit Flüchtlingen umgehe. Denn der Kreml wolle „in unseren Gesellschaften die soziale Spannung erhöhen und damit die Regierung unter Druck setzen, damit sie die Ukraine nicht so stark unterstützt wie das gerade der Fall ist.“ Auf Nachfrage der Welt-Moderatorin, ob diese Taktik aufgehen könnte, antwortete der Experte überzeugt: „Auf lange Sicht wird das gelingen.“

Denn das große Problem der Ukraine sei aktuell ihr Erfolg. „Keiner hat dem Land zugetraut, drei Monate lang zu überleben“, so Masala. „Wenn wir jetzt in den Stellungskrieg übergehen, wo relativ wenig passiert – zwar schwere Kämpfe, aber keine großen Siege auf russischer oder ukrainischer Seite –, dann wird das zu einer Art ‚vergessener Krieg‘.“ Angesichts der immens hohen Kosten für die Unterstützung der Ukraine könnten die Regierungen die Zustimmung der Bevölkerung verlieren.

„Es ist zu befürchten, dass die USA, westeuropäische Regierungen oder vielleicht auch einige osteuropäische Regierung dann anfangen auf die Ukraine einzuwirken, Friedensverhandlungen zuzustimmen und möglicherweise Konzessionen zu akzeptieren, nur damit dieser Krieg aufhört, weil das bei uns die Kosten senkt“, beschreibt Masala ein mögliches Szenario. Wladimir Putin würde dann erreichen, was er wollte. Zwar möglicherweise nicht die gesamte Ukraine, aber doch den Bogen zum Schwarzen Meer, die Krim ohnehin und den Rest des Donbass.

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