„Genial oder ein Witz?“

Afrika geht auf Ukraine-Friedensmission - Beobachter vermutet Kalkül

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Wladimir Putin findet Gehör bei Cyril Ramaphosa. Ob das umgekehrt auch funktioniert, ist offen. (Archivbild).
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Eine Gruppe um Südafrikas Präsidenten Ramaphosa will im Ukraine-Krieg vermitteln - möglicherweise mit Hintergedanken.

Frankfurt - Mangelnde Chuzpe kann man den afrikanischen Präsidenten nicht vorwerfen. Sechs Staatschefs des Kontinents wollen in Kürze sowohl nach Moskau wie nach Kiew reisen, um den Kriegsparteien einen Friedensplan zu unterbreiten. Das gab Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa vergangene Woche bekannt – ohne Einzelheiten des Planes mitzuteilen. Die Präsidenten Russlands und der Ukraine hätten die Initiative begrüßt, fuhr Ramaphosa fort: Das hätten ihm sowohl Wladimir Putin wie Wolodymyr Selenskyj in Telefongesprächen zu verstehen gegeben.

Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass afrikanische Staatschefs bei einem europäischen Konflikt als Vermittler auftreten: Bisher war das immer nur umgekehrt der Fall. „Genial oder ein Witz?“, fragt der Africa Report. Die Antwort des Magazins fällt eindeutig aus.

Südafrika als Friedensbringer für die Ukraine - doch Ramaphosas Neutralität steht infrage

Berichte über eine afrikanische Friedensinitiative kursieren schon seit geraumer Zeit. Als ihr Initiator gilt der französische Geschäftsmann Jean-Yves Ollivier: Der 78-jährige einstige Rohstoffhändler war bereits in der Vergangenheit als Friedensstifter aktiv. Unter anderem soll er die Unabhängigkeit Namibias mit angebahnt haben. Dem Gründer der „Brazzaville Foundation“ wird allerdings seine Nähe zu dem autokratischen Herrscher der Republik Kongo, Denis Sassou-Nguesso, vorgeworfen, für den er umstrittene Rohstoffdeals eingefädelt haben soll.

Sassou-Nguesso zählt zur sechsköpfigen afrikanischen Friedensdelegation, der außer dem Südafrikaner Ramaphosa auch die Staatschefs des Senegal, Ugandas, Sambias und Ägyptens angehören. Der Leumund einer Mehrheit der Präsidenten ist zweifelhaft: Außer Sassou-Nguesso halten sich auch der Ägypter Abdel Fattah al-Sisi und der Ugander Yoweri Museveni mit allen Mitteln an der Macht fest. Vier der sechs Staaten enthielten sich bei der Verurteilung von Russlands Überfall auf die Ukraine in der Vollversammlung der UN der Stimme. Ihre Neutralität ermögliche ihnen eine Rolle als Unterhändler, sagte Ramaphosa damals.

Allerdings wurde ausgerechnet Südafrikas Neutralität in jüngster Zeit in Frage gestellt – durch angebliche Waffengeschäfte zwischen Russland und Südafrika, einer gemeinsamen Marine-Übung der beiden Staaten sowie zahlreicher Besuche hochrangiger südafrikanischer Persönlichkeiten in Moskau. Darunter die Verteidigungsministerin, der Streitkräftechef, sowie eine Delegation des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses.

Ukraine-Krieg: Südafrika will Frieden vermitteln - aus klarem Kalkül?

Vor allem wegen der Waffengeschäfte kam es zwischen Pretoria und Washington jüngst zu erheblicher Verstimmung: Südafrika muss befürchten, von den US-Zollerleichterungen ausgeschlossen zu werden – eine für Südafrikas Wirtschaft katastrophale Aussicht. Vor allem aus diesem Grund habe Ramaphosa jetzt die schlummernde Friedensinitiative wachgerüttelt, ist der südafrikanische Kommentator Kudakwashe Magezi überzeugt: „Um sich gegenüber den USA jetzt als Friedensstifter präsentieren zu können.“

Schwer wird es den Afrikanern auch fallen, sich gegenüber anderen Anwärtern in der Sache für Friedenspreise profilieren zu können. Wenn jemand eine realistische Chance in der Vermittlung eingeräumt wird, dann China. Generell gelten Verhandlungen im Ukraine-Krieg zum gegenwärtigen Zeitpunkt als wenig aussichtsreich: Noch seien beide Seiten überzeugt, dass sie den Krieg militärisch beenden können, heißt es verbreitet. Die afrikanische Initiative werde daran nichts ändern, ist Stephen Chan von der Londoner Schule für Orientalische und Afrikanische Studien überzeugt: „Die Delegation wird sowohl von Putin wie von Selenskyj gewiss höflich empfangen. Aber genauso höflich wieder nach Hause geschickt.“

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