US-General fordert

Drohnen-Angriffe auf Russland: Strategisches Bombardement soll Putins Generäle zermürben

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Drohnen tragen den Krieg zurück nach Russland: Die Ukraine bombardiert jetzt auch Infrastruktur jenseits des besetzten Gebiets. (Symbolfoto)
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Kein Erfolg am Boden ohne Unterstützung aus der Luft: US-General fordert von der Ukraine künftig „strategisches Bombardement“ Russlands.

Kiew – Die russische Niederlage fällt vom Himmel. Generalleutnant Ben Hodges ist davon jedenfalls überzeugt, wie er dem amerikanischen Magazin Newsweek erklärte. Seiner Meinung nach hänge die aktuell laufende Gegenoffensive der Ukraine maßgeblich vom durchdachten und wiederholten Einsatz von Drohnen-Angriffen auf Russland ab; für ihn und andere Militärs gilt die Drohne längst als „Gamechanger“ des Konflikts. Hodges greift damit ins Archiv moderner Kriegführung und plädiert für eine Idee, die den Alliierten im Zweiten Weltkrieg zum Sieg verholfen hatte.

„Gamechanger“ für Gegenoffensive: Drohnen sollen Putins Generäle zermürben

Für „strategisches Bombardement“ setzt sich der ehemalige Kommandeur der in Europa stationierten US-Streitkräfte ein: Strategisches Bombardieren zielt rein auf Infrastruktur – Munitionsfabriken, Ölraffinerien, Depots und ähnliches. Neben dem materiellen Schaden sollen die Drohnen-Angriffe aber auch die Nerven der Gegner zermürben und damit den Druck auf den obersten russischen Kriegsherren Wladimir Putin erhöhen. Verbunden mit Sabotage-Akten seien strategische Bombardierungen ihm zufolge ein essentieller Teil von Offensiven auf dem Boden.

Ukraine-Krieg reicht jetzt bis nach Moskau: Fotos zeigen den Schaden durch Drohnen-Angriffe

Mehrere Wohngebäude werden geringfügig beschädigt, zwei Menschen leicht verletzt.
Am frühen Dienstagmorgen meldete die russische Hauptstadt verschiedene Drohnenangriffe. © IMAGO/Vitaly Smolnikov/Tass
Russlands Verteidigungsministerium machte die Ukraine dafür verantwortlich und spricht von „Terror“. Die Führung in Kiew weist die Beschuldigungen zurück.
Russlands Verteidigungsministerium machte die Ukraine dafür verantwortlich und spricht von „Terror“. Die Führung in Kiew weist die Beschuldigungen zurück. © IMAGO/Vitaly Smolnikov/Tass
Mitarbeiter des Rettungsdienstes nach einem gemeldeten Drohnenangriff in Moskau, Russland, vor einem Wohnblock.
Mitarbeiter des Rettungsdienstes nach einem gemeldeten Drohnenangriff in Moskau, Russland, vor einem Wohnblock. © IMAGO/Aleksey Nikolskyi/SNA
„Heute Morgen hat das Kiewer Regime einen Terrorakt mit unbemannten Flugkörpern auf Objekte der Stadt Moskau verübt“, hieß es vom russischen Militär.
„Heute Morgen hat das Kiewer Regime einen Terrorakt mit unbemannten Flugkörpern auf Objekte der Stadt Moskau verübt“, hieß es vom russischen Militär.  © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Verteidigungsminister Sergej Schoigu lobte die eigene Flugabwehr. Insgesamt seien acht Drohnen zerstört worden.
Verteidigungsminister Sergej Schoigu lobte die eigene Flugabwehr. Insgesamt seien acht Drohnen zerstört worden. © Tass/IMAGO/Vitaly Smolnikov
Nach den Drohnen-Angriffen sperrten Sicherheitskräfte die Gegend ab.
Nach den Drohnen-Angriffen sperrten Sicherheitskräfte die Gegend ab. © IMAGO/Denis Bocharov
In sozialen Netzwerken hingegen vermuten viele, dass in Wirklichkeit viel mehr der kleinen Apparate - die optisch etwas wie Mini-Flugzeuge aussehen - auf Moskau zuflogen.
In sozialen Netzwerken hingegen vermuten viele, dass in Wirklichkeit viel mehr der kleinen Apparate - die optisch etwas wie Mini-Flugzeuge aussehen - auf Moskau zuflogen. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Seit Wochen schon häufen sich Attacken auch in Russland - meist jedoch in der unmittelbaren Grenzregion zur Ukraine und nicht auf zivile Objekte.
Seit Wochen schon häufen sich Attacken auch in Russland - meist jedoch in der unmittelbaren Grenzregion zur Ukraine und nicht auf zivile Objekte.  © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Es war aber nicht das erste Mal seit Beginn des Kriegs vor mehr als 15 Monaten, dass Drohnen bis in die Hauptstadt flogen.
Es war aber nicht das erste Mal seit Beginn des Kriegs vor mehr als 15 Monaten, dass Drohnen bis in die Hauptstadt flogen. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Erst Anfang Mai wurden zwei Flugkörper unmittelbar über dem Kreml abgefangen. Das brachte spektakuläre Bilder.
Erst Anfang Mai wurden zwei Flugkörper unmittelbar über dem Kreml abgefangen. Das brachte spektakuläre Bilder. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Damals wurde aus Sicht der Moskauer aber nicht das Dach des eigenen Gebäudes getroffen, sondern der Amtssitz von Präsident Wladimir Putin - und der war zum besagten Zeitpunkt nicht zuhause.
Damals wurde aus Sicht der Moskauer aber nicht das Dach des eigenen Gebäudes getroffen, sondern der Amtssitz von Präsident Wladimir Putin - und der war zum besagten Zeitpunkt nicht zuhause. © IMAGO/Alexander Zemlianichenko Jr/Xinhua
Nun aber ist die Verunsicherung in der Riesenmetropole mit mehr als 13 Millionen Einwohnern groß. Die sozialen Netzwerke quellen über.
Nun aber ist die Verunsicherung in der Riesenmetropole mit mehr als 13 Millionen Einwohnern groß. Die sozialen Netzwerke quellen über. © IMAGO/Vitaly Smolnikov/Tass

Hodges rechnet damit, dass durch Luftschläge in schneller Frequenz auch Risse in der russischen Kommandostruktur aufbrächen: „Den Russen fehlt eine einheitliche Führungsstruktur, sie hassen sich dort gegenseitig, und die fähigsten Kommandeure sind entweder tot oder inzwischen verhaftet; dafür kleben Putins Gefolgsleute an ihren Positionen – trotz ihrer Unfähigkeit“, sagt er.

Die ukrainische Führung sieht Hodges dagegen auf einem guten Weg. Er lobt ihr beständiges Tempo in ihrer Offensive und erkennt dahinter deren Strategie, an der nur diejenigen zweifeln, die meinen, Kiew hätte schon schneller zu Erfolgen gelangen müssen. Ihm zufolge sprächen die jüngsten Erfolge der Ukraine in Saporischschja und Donetsk eine deutliche Sprache, nicht zu vergessen der Nadelstich auf der Krim rund um den ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August: die Zerstörung eines Flugabwehrsystems, die Russland für Drohnen weitgehend blind macht. Hodges: „Um die Gegenoffensive der Ukrainer zu verstehen, müssen wir in größeren Dimensionen denken.“

Ukraine-Krieg: Die Widerstandskraft der Bevölkerung brechen

Strategisches Bombardieren gehört eben zu diesen größeren Dimensionen seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Amerikaner haben dessen Folgen nach der Kapitulation Deutschlands wissenschaftlich aufgearbeitet und sogar Interviews geführt, inwieweit die ständige Bedrohung aus der Luft die Menschen verzweifeln ließ. „Die Wissenschaftler interessierten sich hauptsächlich für die Frage, ob und wie der ,Will to Resist‘, die Widerstandskraft der Bevölkerung, durch die Bomben getroffen worden war“, sagt Dr. Sophia Dafinger von der Universität Augsburg, die zu dem Thema geforscht hat. Bis zum Eintritt in das Zeitalter der Raketen mit deren vielfacher Vernichtungskraft gegenüber Angriffen durch Luftflotten blieb die Doktrin vom strategischen Bombardieren modern. Mit dem Einsatz von Drohnen flammt diese Idee wieder auf.

Transformation des Ukraine-Konflikts: „Der Krieg kehrt nach Russland zurück“

Dass die Russen vor den ukrainischen Drohnen bereits zittern, macht Hodges am Versagen der russischen Schwarzmeerflotte fest –keine Spur von deren Überlegenheit zu Wasser, und das, obwohl die Ukraine nicht mal über eine Marine verfügt. Drohnen können sowohl schwimmen als auch fliegen oder auch auf Raupen fahren. Sie sind deutlich billiger als Raketen, überwinden ebenfalls Hunderte von Kilometern und sind in der Variante als Aufklärer so klein, dass sie auf einer Handfläche landen oder als Waffenträger so groß wie ein kleines Passierflugzeug. Ähnlich wie die Atombombe 1945 die Kriegführung transformierte, steht für diesen Prozess inzwischen die Drohne.

Der Ukraine-Konflikt stellt den ersten Drohnen-Krieg dar und wird das früher von Hunderten Flugzeugen getragene Flächenbombardement leiser, schneller und günstiger realisieren. Für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bedeuten Drohnen vor allem eines, wie er sagt: „Der Krieg kehrt nach Russland zurück.“

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