Kasachstan als „Pufferzone“

Affront gegen Putin – oder ein Trick? Russland-Verbündeter Kasachstan will EU plötzlich mit Öl und Gas helfen

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Wladimir Putin spricht mit Kassym-Schomart Tokajew, dem Präsidenten von Kasachstan, bei einem Treffen im Jahr 2019 (Archivbild).
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Der Präsident der Ex-Sowjetrepublik Kasachstan telefonierte am Montag mit EU-Ratspräsident Charles Michel und will in der Energiekrise in Europa mit Gas und Öl aushelfen. Was hat es mit dem Vorschlag auf sich?

Nur-Sultan - Die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan gilt als Verbündeter Russlands. Doch der autoritäre Machthaber Kassym-Schomart Tokajew verweigerte im Juni auf einem Wirtschaftsforum in Putins Heimatstadt St. Petersburg den ostukrainischen Separatistengebieten Luhansk und Donezk die Anerkennung. Ein Affront gegen den Kreml. Am Montag bot Tokajew der EU Hilfe in der Energiekrise an. Echte Annäherung oder ein trojanisches Pferd?

Kasachstan als „Pufferzone“: Ex-Sowjetrepublik will EU bei der Energieversorgung helfen

Kasachstan könne eine Art „Pufferzone“ bilden, um die Ungleichgewichte bei der Energieverteilung zwischen Ost und West sowie Nord und Süd auszugleichen, sagte Tokajew in einem Telefonat mit EU-Ratspräsident Charles Michel. „Kasachstan ist bereit, sein Kohlenwasserstoffpotenzial zu nutzen, um die Lage auf den Märkten der Welt und Europas zu stabilisieren“, so Tokajew.

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Kasachstan habe die EU in dem Zusammenhang dazu aufgerufen, alternative Transportkorridore auszubauen - unter anderem durch das Kaspische Meer. Damit könnten Rohstoffe unter Umgehung Russlands nach Europa geliefert werden. Das rohstoffreiche Land ist Teil der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion und des Militärblocks „Organisation des Vertrags für kollektive Sicherheit“ (OVKS). Einheiten des OVKS wurden nach Unruhen in Kasachstan Anfang des Jahres in die Ex-Sowjetrepublik beordert und halfen der politischen Führung, die Lage zu ihren Gunsten zu stabilisieren. Doch in Kasachstan gibt es gegenüber Moskaus Einfluss auch Bedenken.

Kasachstans Hilfe in Energiekrise: Trojanisches Pferd im Ukraine-Krieg?

Wenn das Recht von Staaten auf eigenständige Abspaltung international anerkannt würde, führe dies zu Chaos, erklärte der kasachische Präsident im Juni seine Weigerung, Russlands Beispiel zu folgen und die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk anzuerkennen. Russland setzte daraufhin einem Bericht der The Moscow Times zufolge die Lieferung von kasachischem Öl aus. Konstantin Zatulin, Abgeordneter in der russischen Duma, schlug gar eine Invasion im Norden des Landes vor. „Dort sind viele Städte mit einer überwiegend russischen Bevölkerung, die wenig mit dem zu tun haben, was man Kasachstan nennt“, so Zatulin.

Die Kasachen fürchten schon seit Langem Gebietsansprüche der Russen auf den Norden ihres Landes. Bereits im Jahr 2013 löste Wladimir Putin eine Kontroverse aus, als er behauptete, dass „Kasachstan nie Souveränität hatte.“ Im flächenmäßig neuntgrößten Land der Welt mit rund 19 Millionen Einwohnern sind nach Angaben des kasachischen Staates Russen mit etwa 20 Prozent die größte Minderheit. Das harte Vorgehen im Ukraine-Krieg sorgte für eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern.

Kassym-Schomart Tokajew wurde im Jahr 2019 in Kasachstan zum Präsidenten gewählt. Er versucht den Balanceakt zwischen Russland und dem Westen (Archivbild, 2022).

Auf dem Gipfel in St. Petersburg Mitte Juni kritisierte Präsident Tokajew auch putinnahe Medien für die Berichterstattung über Kasachstan, wie The Moscow Times berichtete. Gibt es also eine echte Distanzierung vom Kreml-Chef oder ist der öffentliche Zwist ein Schauspiel?

„Es gibt eine große Menge an Russen, die in Kasachstan Büros eröffnet haben und über diese ihre Gelder laufen lassen“, erklärte dazu ein Geschäftsmann, der anonym bleiben wollte, gegenüber dem Medium Al Jazeera. Tokajews öffentliche Kritik könnte also auch in Absprache mit Putin erfolgt sein, um westliche Sanktionen zu umgehen. Kasachstan wäre dann ein trojanisches Pferd über das weiterhin Gelder nach Russland fließen könnten. Doch wirtschaftlich käme das auch Kasachstan selbst zugute, denn nach der russischen Invasion in der Ukraine förderte das Land weniger Öl und musste die Prognose des Wirtschaftswachstum von 3,9 Prozent auf 2,1 Prozent reduzieren, wie Wirtschaftsministers Alibek Kuantyrov im April mitteilte (bme mit Material von dpa).

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