VonKathrin Reikowskischließen
Russlands Medienlandschaft wird in Rekordzeit umstrukturiert, berichtet die Organisation „Reporter ohne Grenzen“. Putins Regime agiert immer harscher gegenüber Kritikern.
Berlin - „Wir sind mit vielen Journalistinnen und Journalisten in Russland in Kontakt, bei denen wirklich nackte Panik, nackte Angst herrscht“, berichtet Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen gegenüber Welt. Seit in Russland ein neues Gesetz verabschiedet wurde, dass kriegskritische Äußerungen zum eskalierten Ukraine-Konflikt unter Strafe stellt, werde die russische Medienlandschaft in Rekordzeit umstrukturiert.
Von vor Ort aus Moskau berichtet n-tv-Reporter Rainer Munz von willkürlichen Festnahmen: „Wir waren heute unterwegs mit Putin-Anhängern. Dann wurden wir von einer Frau angesprochen, die mit Tränen in den Augen davon sprach, dass Menschen in der Ukraine sterben. Sie wurde verhaftet, ohne zu protestieren.“ Immer mehr Journalisten und Journalistinnen, aber auch IT-Spezialisten und IT-Spezialistinnen oder andere junge Fachkräfte würden aus Angst das Land verlassen.
Russland-Ukraine-Krieg: Journalisten und Medien aus Russland brauchen dringend Unterstützung
Medien, die in Russland weiter arbeiten, würden sich laut Reporter ohne Grenzen völlig neu organisieren. „Sie versuchen, mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Und zum Beispiel den Leserinnen und Lesern zu helfen, dass sie mehr zwischen den Zeilen lesen, so wie zu Sowjetunion-Zeiten“, berichtet Mihr von Bemühungen seiner Kolleginnen und Kollegen.
Darüber hinaus werde daran gearbeitet, dass Menschen über anonymes Surfen Zugang zu unabhängigen Informationen in Russland bekämen. „Außerdem versuchen wir Medien zu unterstützen, die von der Blockierung im Internet bedroht sind“, so Mihr. „Es gibt Möglichkeiten, blockierte Seiten über alternative Links wieder zugänglich zu machen. Daran arbeiten wir im Rahmen unserer Collateral Freedom-Aktion.“ Das seien aber Tropfen auf den heißen Stein in einem immer enger werdenden Raum für freie Informationen.
Russland-Ukraine-Krieg: EU-Visa für russische Journalisten nur schwer zu bekommen
„Wir bemühen uns, den Journalisten bei der Ausreise behilflich zu sein, was zum Beispiel die Organisation von Visa angeht“, berichtet Mihr. Doch im Vergleich zu Journalistinnen und Journalisten aus der Ukraine sei es für russische Kolleginnen und Kollegen nicht einfach, Visa für die Europäische Union zu bekommen. Doch neben der Unterstützung für die in Russland Gebliebenen, gelte es, bereits ausgereisten Kollegen zu helfen. „Zum anderen bemühen wir uns, Menschen zu unterstützen, die Hals über Kopf schon in Drittstaaten wie die Türkei, Georgien oder Armenien gelangt sind“, sagt Mihr. Die baltischen Staaten hätten aktuell Touristenvisa für Menschen aus Russland ausgesetzt.
Bedroht sind auch Journalisten, die aus der Ukraine berichten. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen starben im Ukraine-Konflikt bereits drei Medienvertreter. Bei Kämpfen nahe Kiew wurde am Sonntagabend ein US-Journalist getötet. Im Westen der Ukraine hat Reporter ohne Grenzen ein Zentrum für Pressefreiheit eingerichtet. Doch auch aus der Region um Lwiw werden inzwischen Raketeneinstürze berichtet. Wichtige Entwicklungen zum Ukraine-Krieg lesen Sie in unserem News-Ticker.
