Der ukrainische Präsident Selenskyj gab erstmals ein Interview vor russischen Medien. Russland fürchtet die Veröffentlichung - und kassiert Selenskyjs Spott.
Update vom 28. März: Das Interview des ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj mit russischen Journalisten sorgt in Russland für großen Wirbel. Der Kreml versucht die Veröffentlichung zu verhindern. Dennoch gelangte das Interview bereits an die Öffentlichkeit (siehe Erstmeldung). Selenskyj selbst meldete sich am Sonntagabend in einer weiteren Videobotschaft erneut zu Wort und machte sich dabei über die Reaktion der Putin-treuen Führung in Russland lustig. Der Kreml habe nun offenbar verstanden, dass die eigenen Bürger „immer mehr Fragen zur Lage in ihrem Land“ hätte, so Selenskyj. „Sie sind nervös“, fügte er laut RTL.de hinzu.
Erstmeldung vom 27. März: Kiew/ Moskau - Zum ersten Mal seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts durch die russischen Invasion in die Ukraine gab der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ein Interview vor russischen Journalisten. Darin warf er Putin vor, den Krieg durch Verzögerungstaktiken in die Länge zu ziehen. Moskau will derweil die Veröffentlichung des Interviews stoppen.
Ukraine-Krieg: Selenskyj gibt russischen Journalisten Interview - Und wirft Putin Verzögerungstaktik vor
Mehr als einen Monat nach Kriegsbeginn warf Präsident Selenskyj Kremlchef Wladimir Putin in einem Interview vor russischen Medien eine Verzögerung der Friedensverhandlungen vor. In dem rund anderthalbstündigen Video-Gespräch, das etwa das kritische Portal Meduza am Sonntagabend veröffentlichte, forderte Selenskyj einmal mehr einen Abzug russischer Truppen von ukrainischem Territorium. Die Lage in den besetzen Gebieten in Mariupol und Tschernihiw ist weiterhin prekär.
Erst wenn die russischen Truppen aus der Ukraine abgezogen würden, könne es Sicherheitsgarantien für die Ukraine geben. Diese seien wiederum Grundlage für den von Moskau geforderten Nato-Verzicht der Ukraine, sagte der ukrainische Staatschef. Selenskyj kündigte zudem an, die von Russland geforderten Neutralität des Landes „gründlich“ zu prüfen. Gleichzeitig erneuerte er seine Ankündigung, dass über einen möglichen neutralen Status der Ukraine letztendlich nur die ukrainischen Bürger per Referendum entscheiden könnten.
Krieg gegen die Ukraine: Russland will Veröffentlichung von Selenskyj-Interview verhindern
Der Kreml versucht dagegen, die Veröffentlichung des Videos zu verhindern. Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor hatte russische Medien ohne Angabe von Gründen vor einer Veröffentlichung gewarnt: „Roskomnadsor benachrichtigt russische Medien über die Notwendigkeit, von der Veröffentlichung des Interviews abzusehen“, teilte die Behörde am Sonntag in Moskau mit und kündigte eine Überprüfung aller Medien an, die das Selenskyj-Interview führten. Russlands Generalstaatsanwaltschaft kündigte eine „rechtliche Bewertung des Inhalts der veröffentlichten Äußerungen“ an.
Zu den russischen Journalisten, die das Interview führten, gehörte auch ein Reporter der bekannten Moskauer Tageszeitung „Kommersant“. Zudem wurde eine Frage im Namen des Chefredakteurs der oppositionellen „Nowaja Gaseta“, Dmitri Muratow, gestellt. Beide Blätter veröffentlichten Selenskyjs Äußerungen nach Drohungen der russischen Medienaufsicht zunächst nicht.
Selenskyj über Ukraine-Krieg: „Das ist nicht nur ein Krieg“
In Russland darf etwa der Einmarsch der russischen Truppen in der Ukraine offiziell nur als „militärische Spezial-Operation“ bezeichnet werden. Zudem sieht ein neues Mediengesetz bis zu 15 Jahre Haft für angebliche Falschnachrichten über Russlands Streitkräfte vor. Das Portal Meduza, das in Russland allerdings ohnehin blockiert ist, veröffentlichte das Interview dennoch.
Selenskyj sagte darin auch: „Heute, in diesem Monat, hat es eine globale, historische, kulturelle Spaltung gegeben. Das ist nicht nur ein Krieg. Ich denke, es ist viel schlimmer.“ Der Chefredakteur des ebenfalls bereits geschlossenen Radiosenders Echo Moskwy, Alexej Wenediktow, kritisierte auf Telegram, dass die russische Medienaufsicht nicht einmal Gründe für ihr Vorgehen nannte. Selenskyj sei immerhin der legitime Präsident der Ukraine - das habe auch der Kreml stets bekräftigt, schrieb Wenediktow. (dpa/ sf)