Rund 30 F-16-Jets tauchen am Horizont auf: Griechenland will die Oldtimer loswerden. In der Ukraine wächst der Frust über die zögerlichen Lieferungen.
Athen – Wolodymyr Selenskyj hatte diplomatische Worte gefunden: „Alle Ukrainer warten auf den Tag, an dem die ersten ukrainischen F-16 in unserem Himmel erscheinen werden“, sagte der ukrainische Präsident Anfang des Jahres, wie ihn Newsweek zitiert. Die Flugrevue formuliert dynamischer: „Griechenland will seine Fighter-Flotte ausmisten.“ Das Land wird wieder Reste-Verwerter, wie mit allen Waffenlieferungen aus dem Westen, und bleibt dennoch Nutznießer, denn die F-16-Koalition der Unterstützer im Ukraine-Krieg wächst. Wahrscheinlich.
Der griechische Verteidigungsminister Nikos Dendias will die Streitkräfte des Nato-Partners umfassend reformieren und seine Patchwork-Luftwaffe schlagkräftiger machen durch eine Reduktion des Typen-Mix, wie die Flugrevue schreibt. „Wir haben eine Wagenladung verschiedener Flugzeugtypen. … So können wir nicht weitermachen“, sagte er.
Griechenland mistet aus – und verkauft an die Ukraine
Seine Pläne betreffen vor allem die älteren Muster: „Die Phantom F-4 müssen außer Dienst gestellt, und, wenn möglich, verkauft werden. Die Mirage 2000-5 ist ein besonders leistungsfähiges Flugzeug, und kann verkauft werden. Die F-16 Block 30 müssen verkauft werden.“ Gerade für die beiden letztgenannten Typen sieht er gute Chancen zur Veräußerung. Wahrscheinlich in die Ukraine; nach Auffassung des griechischen Magazins Breaking News gilt die Überführung von 32 F-16C/-D Block 30 in die Ukraine als nahezu sicher. Laut Breaking News haben diese Jäger im Laufe ihrer Dienstzeit zwei strukturelle Verbesserungen erfahren haben und liegen im Durchschnitt bei etwa 60 Prozent ihrer strukturellen Lebensdauer.
Bereits Ende der 1980er-Jahre hatte Griechenland die ersten von insgesamt 40 bestellten F-16 Block 30 erhalten. „Das US-Produkt ist gleich für mehrere Parteien attraktiv: Neben der Ukraine wären auch private Unternehmen mögliche Kandidaten“, schreibt die Flugrevue. Kiew verlangt seit langem nach westlichen Kampfflugzeugen, um seine Fähigkeit zu stärken, Russlands überlegener Flotte Konkurrenz zu machen. Die F-16 soll die Wende bringen – ein Brite sieht das eher düster.
F-16: Das Schweizer Messer für den entscheidenden Unterschied zu Russlands Luftwaffe
„Viele Ukrainer gehen davon aus, dass Kampfjets wie die F-16 und der schwedische Gripen, die sie bekommen sollen, einen entscheidenden Unterschied machen werden. Meiner Ansicht nach werden sie das nicht“, hat Frank Ledwidge bereits Ende vergangenen Jahres gegenüber dem Fernsehsender n-tv gesagt. Der ehemalige Offizier und heutige Geschichtsprofessor sieht im Ukraine-Krieg keinen Raum für ausgedehnte beziehungsweise ergebnisreiche Luftschlachten. Dennoch soll die Ukraine mit F-16-Flugzeugen aufgerüstet werden.
Das Pentagon erwartet die anfängliche Einsatzbereitschaft der F-16 in der Ukraine noch vor Ende dieses Jahres, berichtet die Flugrevue: „Unser Ziel ist es, der Ukraine mit ihrem F-16-Programm im Jahr 2024 eine erste Einsatzfähigkeit zu verschaffen, die ausgebildete Piloten, die Plattformen, aber auch geschulte Instandhalter und Betreuer, Infrastruktur sowie Ersatzteile und Munition umfassen würde“, sagte Celeste Wallander, Staatssekretärin für internationale Sicherheitsfragen im US-Verteidigungsministerium. Die F-16 gilt als Multitalent von der Stange. Sie wurde in den 1970er-Jahren in den USA entwickelt als kostengünstiger Allzweck-Jet, um ihn an Partnerländer zu veräußern. Die F-16 ist der Kampfjet mit der größten weltweiten Stückzahl, der immer noch im Dienst ist. Der Jet wird nach wie vor in den USA produziert und stetig verbessert.
F-16: Die ersten Jets sollen im zweiten Quartal 2024 gegen Putin anfliegen
Die erste Block-30-F-16, wie sie Griechenland nutzt, wurde 1987 in Dienst genommen. Zu den wesentlichen Neuerungen dieses Typs zählt die Bewaffnung durch die Raketen AGM-45 Shrike, AGM-88 HARM und AIM-120, die im September 1991 in Dienst gestellt wurden. Ab Block 30D wurden die Typen mit größeren Motor-Lufteinlässen für erhöhten Schub ausgestattet. Insgesamt erhielte die Ukraine dann also Modelle von vorgestern.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Die ersten Jets sollten in der ersten Hälfte des Jahres 2024 eintreffen, doch die niederländische Regierung kündigte im Januar an, dass die Ukraine erst im „zweiten Quartal“ des Jahres eine erste Lieferung F-16 erhalten werde. Und bevor die Jets in der Ukraine starten, müssen die westlichen Länder erklären, dass das ukrainische Personal seine Schulungsprogramme abgeschlossen hat und die notwendige Infrastruktur und Einrichtungen im Land betriebsbereit sind. Im August vergangenen Jahres hatte sich der ukrainische Präsident aus Athen zusichern lassen, dass dort ukrainische Piloten auf der F-16 geschult werden würden.
F-16: Als Primadonna bedingt tauglich für eine Gegenoffensive
Allerdings ist mittlerweile dicke Luft zwischen der Ukraine und der Nato – das Warten senkt die Chancen der Verteidiger, im Ukraine-Krieg die entscheidende Wende zu erzwingen; Russland hat die Zeit zum Lernen genutzt. „Jede Waffe hat ihren eigenen, richtigen Zeitpunkt. F-16 wurden im Jahr 2023 benötigt; für 2024 werden sie nicht mehr geeignet sein“, zitiert Politico einen anonymen Beamten aus Kiew und sieht am Himmel dunkle Wolken heraufziehen: „Es wird enorm schwierig sein, die Jäger zum Fliegen zu bringen. Die Stützpunkte werden Hauptziele für russische Angriffe sein, die Flugzeuge selbst werden von russischen Luftverteidigungssystemen markiert sein, ihre Reparatur wird eine Herausforderung sein und selbst die Nutzung unvorbereiteter Start- und Landebahnen könnte die empfindlichen Flugzeuge sabotieren.“ Eine weitere Gegenoffensive zu unterstützen, könnte also schwierig werden, eher könnte sie die russischen Truppen eine Zeitlang einschüchtern.
F-16: Möglicherweise ein Schuss, der nach hinten losgeht
Die F-16 könnten genau der gleiche Schuss nach hinten werden, wie das die Panzer aus dem Westen schon geworden sind, orakelt Politico weiter: „Tom Richter, ein ehemaliger US-Marinepilot, der die F-16 in der Nationalgarde geflogen hat, sagte, das Flugzeug sei ‚ein empfindliches Biest‘ im Vergleich zu den MiG- und Suchoi-Jets aus der Sowjetzeit, die die Ukrainer zu fliegen und zu warten gewohnt seien. Es ist eine Primadonna, sie ist sehr empfindlich und pflegeintensiv‘. Die sowjetischen Flugzeuge sind ‚robuster‘ und können von schlecht gewarteten Flugplätzen fliegen und benötigen selbst weniger Wartung.“ Außerdem dauert die Ausbildung selbst von erfahrenen Piloten auf einem anderen Flugzeugtyp mehrere Monate, wie der Focus berichtet.
„Es ist eine Primadonna, sie ist sehr empfindlich und pflegeintensiv. Die sowjetischen Flugzeuge sind robuster und können von schlecht gewarteten Flugplätzen fliegen und benötigen selbst weniger Wartung.“
Die ersten F-16 werden aber ohnehin noch lange nicht von ukrainischen Pisten abheben können. Dänemark hatte 19 Jets zugesagt, mit einer geplanten Überführung im zweiten Quartal dieses Jahres. Fraglich ist, wann die niederländischen Maschinen tatsächlich aus Rumänien verlegt werden – zugesagt hatten sie insgesamt 42 Maschinen, die ihre eigenen Streitkräfte im Begriff waren auszumustern. Auch aus Norwegen könnten Maschinen kommen. Die USA selbst steuern keine Flugzeuge bei, müssen aber jeden Transfer genehmigen – was sie generell bereits getan haben.
Die Ukrainer erhoffen sich von den Maschinen dennoch eine psychologische Wirkung auf Wladimir Putins Flieger: So umschreibt der Autor Robert Kluge einen Kampfjet auch als Symbol, das die Moral der eigenen Truppe stärken kann. Und als wichtige Schachfigur in der Strategie eines Krieges: Allein sie zu besitzen, kann genügen, um Feinde zum Umdenken zu bewegen.