VonBedrettin Bölükbasischließen
Im Ukraine-Krieg greifen russische Truppen das Donbass-Gebiet verstärkt an. Die Moral von Putins Einheiten soll jedoch in schlechter Fassung sein.
München — Im Ukraine-Konflikt richtet sich die Aufmerksamkeit der Welt nun auf die Gebiete im Osten der Ukraine, den Donbass. Nachdem die Offensive im Norden der Ukraine und vor allem die Einnahme der Hauptstadt Kiew gescheitert ist, fokussieren sich russische Truppen jetzt auf dieses Gebiet. Zudem wird weiterhin die zivile Infrastruktur, wie beispielsweise in Charkiw angegriffen. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet.
Das Ziel: Die vollständige Eroberung der aktuell teilweise von pro-russischen Separatisten besetzten ukrainischen Oblaste Luhansk und Donezk. Allerdings stellt sich nun die Frage, ob Russland nach schweren Verlusten in heftigen Kämpfen noch die nötige Kraft für das angestrebte Ziel hat. Darüber hinaus kommen Zweifel über die Moral der Soldaten auf, die nicht gerade in einem idealen Zustand sein soll.
Ukraine-Krieg: Putins Invasion fokussiert sich auf Donbass - schnelle Abnahme der Truppenzahl Russlands
Als Russlands Machthaber Wladimir Putin am 24. Februar die von Moskau so bezeichnete „Spezialoperation“ in der Ukraine ankündigte, erstreckte sich diese Invasion sehr schnell auf die gesamte Ukraine. Bereits in den ersten Tagen landeten russische Fallschirmjäger rund um Kiew. Der Kreml hoffte auf eine schnelle Einnahme der Hauptstadt. Die ukrainische Armee konnte jedoch standhaft bleiben und die russischen Truppen nach erbitterten Kämpfen zurückschlagen. Die Einheiten von Putin zogen sich aus dem Norden der Ukraine zurück.
Damit war die Bedrohung allerdings noch lange nicht gebannt, sondern viel mehr in ein anderes Gebiet übertragen. Nun greift Russland das Donbass-Gebiet an. Die vom Westen und von der Ukraine erwartete Großoffensive läuft schon seit einigen Tagen. „Die Schlacht um den Donbass hat begonnen“, betonte der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj am 18. April.
Ob Russland aber immer noch genug Truppen nach den schweren Zusammenstößen mit der ukrainischen Armee zur Verfügung hat? „Russland fehlen die Truppen“, antwortet Michael Kofman, Militärdirektor in der US-Denkfabrik CNA, ganz klar auf diese Frage. Die russischen Einheiten seien für einen längeren Krieg „nicht gut aufgestellt“, so Kofman gegenüber der New York Times. Die abnehmende russische Kampfstärke wird auch von US-Sicherheitsbeamten bestätigt. Russland habe ein Viertel der zu Beginn der Invasion verfügbaren Stärke verloren, sagte ein US-Beamter bei einem Briefing am Donnerstag (21. April). Dazu würden sowohl Mannstärke als auch Ausrüstung gehören.
| 24. Februar | 100 Prozent |
| 11. März | 90 Prozent |
| 15. März | 90 Prozent |
| 22. März | 89 Prozent |
| 12. April | 80 Prozent |
| 19. April | 75 Prozent |
Ein wichtiges Detail ist dabei auch, dass Russland die in der Ukraine verlorenen Soldaten nicht so schnell wieder ersetzen kann. Zwar besteht das russische Heer aus mehr als einer Million Soldaten, doch die für den Ukraine-Krieg bereitgestellten 150.000 Soldaten sollen schon das gesamte verfügbare Militär sein. Joachim Weber, Experte für Sicherheitspolitik der Universität Bonn, sagte dazu bei ntv, nur ein Zehntel der Soldaten in heutigen Armeen würden tatsächlich kämpfen: „Die anderen neun sind für Dinge wie Kampfunterstützung, Reparaturen und Wartung, für Logistik und Nachschub zuständig.“
Ukraine-Krieg: Putins Truppen sabotieren eigene Ausrüstung und verlieren Motivation
Russland mag zwar immer noch drei Viertel der Truppen in der Ukraine verfügbar haben, doch die Wirksamkeit dieser Truppen dürfte sich in Grenzen halten. Denn laut Berichten aus der Region befindet sich die Motivation sowie Kampfbereitschaft dieser Einheiten nahezu im Keller. Der britische Geheimdienst berichtete etwa am 7. April, russische Truppen würden mit Problemen bei den Versorgungslinien sowie immer weiter abnehmender Motivation kämpfen.
Der Chef der britischen Geheimdienstbehörde GCHQ Government Communications Headquarters, Jeremy Fleming, gab bereits Ende März an, russische Soldaten würden ihre eigene Ausrüstung sabotieren und den Gehorsam gegenüber ihren Vorgesetzten verweigern. Zudem habe die russische Luftabwehr selbst ein russisches Flugzeug abgeschossen, was die Moral der Truppen zusätzlich stark beeinträchtigt habe.
Die Informationen decken sich auch mit Einschätzungen der ukrainischen Behörden. Der ukrainische Militärgeheimdienst berichtete von aus Kiew zurückgezogenen Soldaten, die sich aufgrund von ausfallender Bonuszahlungen weigern, für neue Schlachten in die Ukraine zurückzukehren. Darüber hinaus gebe es auch Probleme mit zerstörter, stark beschädigter oder alter Ausrüstung. All dies versetzt der Kampfmoral von Putins Truppen einen kräftigen Schlag.
Ukraine-Krieg: Russland sucht Truppenersatz in abtrünnigen Regionen - Soldaten ohne Erfahrung
Um trotz der zunehmend prekären Lage weiter gute Aussichten auf einen Sieg in der Ukraine zu haben, greift Putin vermehrt zu Rekruten aus den von pro-russischen besetzten Gebieten Luhansk und Donezk sowie Kämpfer aus den abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien. Ende März gab der ukrainische Generalstab an, Russland habe 150 Personen aus Südossetien in die Krim verlegt. In einem weiteren Bericht hieß es, Russland habe insgesamt 2.000 Soldaten aus Südossetien und Abchasien in die Ukraine verlegt und neue Einheiten geschaffen.
Auch hier ist es jedoch fraglich, ob und inwiefern diese Maßnahmen tatsächlich frisches Blut für die russische Invasion bringen werden, denn vielen der Kämpfer fehlt es an wichtiger Erfahrung. Schließlich wurden diese Truppen laut dem US-General Michael Repass bislang nur in Friedensmissionen eingesetzt. Außerdem dürfte sich die fehlende Koordination zwischen den Einheiten ebenfalls negativ auf russische Bestrebungen auswirken. Immerhin nahmen die geografisch an verschiedenen Orten stationierten Einheiten nur selten an denselben Manövern teil und kennen sich gegenseitig nicht. Gleiches gilt übrigens für die Söldner der Wagner-Gruppe.
Trotz der offenbar schwierigen Situation für das russische Heer besteht der Kreml darauf, dass die „Spezialoperation“ nach Plan verläuft. Besonders nach den angekündigten westlichen Waffenlieferungen, die auch schwere Waffen beinhalten, könnte aber ein viel düsteres Gesamtbild für Russland in der Ukraine entstehen. Auch in Deutschland läuft die Debatte um die Lieferung von schweren Waffen. (bb)
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