Donbass unter der Kontrolle Russlands: Russische Soldaten auf einer Straße in der ukrainischen Region Luhansk, zwischen Lyssytschansk und Sjewjerodonezk. Die Kämpfe gehen weiter.
Die Aufrüstung der Ukraine schreitet voran und Moskau verstärkt seine Angriffe. Sjewjerodonezk könnte fallen. Das könnte den Verlauf des Kriegs verändern.
Kiew – Dieser Tage blickt die Welt auf die Ostukraine – genau genommen auf Sjewjerodonezk. Während nach über 3,5 Monaten Ukraine-Krieg die Kämpfe auch weiterhin toben und Russlands Präsident Wladimir Putin an seiner Kriegsrhetorik festhält, könnten die Kämpfe im östlichen Landesteil eine Blaupause für den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs werden. Denn: Nach Wochen der ausgeglichenen Kämpfe und Verluste auf beiden Seiten scheint es so, als würde die russische Armee mit voller Härte zurückschlagen und immer mehr Gelände gewinnen. Der Preis soll hoch sein: Britische Beobachter berichten von großen Verlusten auf Seite der russischen Streitkräfte.
Wladimir Putin will Sjewjerodonezk erobern: Stadt in der Ostukraine konnte fallen
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 zeichnete sich zunächst ein deutliches Bild: Die russischen Streitkräfte rückten unter schweren Verlusten bis kurz vor Kiew vor und nahmen bedeutende Städte ein. Den Ukrainern gelang es immer wieder, den russischen Vormarsch schmerzlich zurückzustoßen. Am wenigsten rechnete wohl Putin selbst mit der hohen Widerstandsfähigkeit von Präsident Selenskyjs Truppen. Doch offenbar hat Russland einen entschiedenen Vorteil, der sich immer stärker bemerkbar macht, je länger die Kämpfe andauern: mehr Material und mehr Soldaten.
Diesen Umstand spielte Putins Armee bereits bei der langwierigen Eroberung von Mariupol aus. Erst vor wenigen Tagen war die ukrainische Hafenstadt am Schwarzen Meer gefallen. Bis zuletzt hatten ukrainische Kämpfer auf dem Fabrikgelände von Asovstal ausgeharrt und gegen die russischen Aggressoren gekämpft. Auch tausend Elite-Kämpfer des Asow-Bataillons sollen in die Kämpfe involviert gewesen sein. Doch am Ende siegte die Taktik Russlands und nahezu die gesamte Stadt wurde bei den Kämpfen massiv zerstört. Das gleiche Schicksal könnte nun auch die umkämpfte ostukrainische Großstadt Sjewjerodonezk ereilen.
Sjewjerodonezk gleicht Mariupol: Putins Armee setzt auf starke Zerstörung
Denn ähnlich wie in Mariupol setzt die russische Armee auf heftige Artillerieangriffe, die den Vormarsch der eigenen Truppen begleiten. Das Ziel ist es offenbar, kritische Infrastruktur zu zerstören und sie nicht zu erhalten. Wie lange oder ob die ukrainischen Verteidiger den russischen Angriffen standhalten können, ist derzeit ungewiss. Das britische Verteidigungsministerium spricht gegenwärtig von örtlichen Geländegewinnen. Am Vormittag des 2. Juni war die Hauptstraße in die Stadt Sjewjerodonezk hinein vermutlich noch unter Kontrolle der Ukraine. Sollte es allerdings Putins Armee gelingen, die Stadt einzunehmen, könnte sie das Gebiet Luhansk sichern und sich stärker auf das angrenzende Gebiet Donezk konzentrieren.
Karte von Sjewjerodonezk: Tag 99 des Ukraine-Kriegs bringt viel Zerstörung in der Ostukraine
Dass es erst über drei Monate nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs zu einer möglichen Eroberung der Stadt Sjewjerodonezk kommt, könnte einen einfachen Grund haben: Die Taktik von Russland setzt auf Zermürbung. Unter großen Aufgebot von Truppen und Material schickt Kremlherrscher Putin seine Truppen seit Wochen in die Ukraine. Die Kosten – rein wirtschaftlich betrachtet – sollen immens sein. Doch am Ende scheint sich Masse auszuzahlen.
Wladimir Putins Truppen könnten erneut Fluss bei Sjewjerodonezk überqueren: Auswirkung für Ukraine-Krieg ungewiss
Um die Region um Sjewjerodonezk zu sichern, wird derzeit vermutet, dass Russland erneut versuchen könnte, den Fluss Siwerski Donez zu überqueren, der eine natürliche Verteidigungslinie der ukrainischen Truppen darstellt. Dadurch würde der russischen Armee das Gebiet Luhansk nahezu offen stehen. Wie aus Informationen des britischen Verteidigungsministeriums hervorgeht, über die auch die Deutsche Presse-Agentur berichtet, würden sich zwei potenzielle Stellen zur Flussüberquerung derzeit anbieten. Diese liegen Sjewjerodonezk und der Nachbarstadt Lyssytschansk sowie nahe der kürzlich eroberten Stadt Lyman. Um den Vormarsch von Putins Truppen auszubremsen, hätten ukrainische Kämpfer mehrere Brücken zerstört.
Indem die ukrainischen Einheiten mögliche taktische Pausen der russischen Streitkräfte ausnutzen und Verteidigungspositionen vorbereiten, könnte der Vormarsch Russlands verlangsamt werden. Doch es ist anzunehmen, dass Putins Armee auch in den kommenden Tagen die eigenen Bemühungen weiter auf Sjewjerodonezk konzentrieren könnte. Sollte es schließlich gelingen, die Region einzunehmen, hätte Russlands Präsident Wladimir Putin zumindest einen Teilerfolg im Ukraine-Krieg erzielt: Die Eroberung des östlichen Landesteils der Ukraine zählt zu seinem erklärten Ziel und rückt damit in greifbare Nähe.
Luhansk und Donezk für Putin: Westen versucht, mit Sanktionen gegen Kremlherrscher vorzugehen
Ob sich Putin gar mit den Regionen Luhansk und Donezk zufriedengeben könnte, ist indes ungewiss. Doch während der Westen immer schärfere Sanktionen gegen Putin und seine Oligarchen beschließt, um so ein Ende der Kämpfe herbeizuführen, ist in der westlichen Politik derzeit wohl die Angst groß, dass die russische Invasion durch mögliche Erfolge in der Ostukraine wieder an Fahrt gewinnen könnte. Nicht von ungefähr werden etwa die USA vor wenigen Tagen eine Lieferung von Mehrfachraketenwerfern an die Ukraine bestätigt haben. Und auch Deutschland hatte angekündigt, Verteidigungssysteme von Typ Iris-T liefern zu wollen.
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung
Neben den amerikanischen Raketenwerfern vom Typ Himars will auch Deutschland Systeme vom Typ Mars II liefern. Beide Systeme gelten als modern und könnten in Kombination mit weiteren Waffen, wie das Verteidigungssystem Iris-T, der Ukraine zu deutlich mehr Schlagkraft bei den Kämpfen im östlichen Landesteil verhelfen. Ein Problem gibt es allerdings: Zwar konnten die USA in der jüngsten Vergangenheit schnell Lieferungen an die Ukraine realisieren, doch insbesondere Deutschland hinkt seinen Versprechen nach wie vor hinterher. Von den schweren Waffen, die die Bundesregierung von Olaf Scholz ankündigte, sind bisher noch keine geliefert worden.
Ukraine-Krieg: Westen will Kiew im Kampf gegen Putin unterstützen – Zeitfenster für Sjewjerodonezk könnte sich schließen
Dabei ist Zeit der entscheidende Faktor im jetzigen Verlauf des Ukraine-Kriegs. Wladimir Putin kann bei seinen Ressourcen weiter aus dem Vollen schöpfen und seine Truppen in die Kämpfe schicken. Die Ukraine hält noch dagegen, doch benötigt dringend die Unterstützung der westlichen Welt, um in Sjewjerodonezk gegen den Aggressor bestehen zu können. Sollte sich das Zeitfenster schließen und Luhansk an Putin fallen, sind die Auswirkungen für den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs kaum vorhersehbar.