Die Partisanen-Angriffe in Belgorod sorgen in Russland für großes Aufsehen. Prigoschin ätzt gegen die Beamten, andere fordern Putin zu entschlossenen Reaktionen auf.
Belgorod – „Die Freiheit ist nah!“ Mit diesen Worten richtete sich die sogenannte „Legion Freiheit für Russland“ an die Öffentlichkeit. Gleichzeitig griffen offenbar Verbände der Einheit die russische Grenz-Region Belgorod an. Damit trugen sie den Ukraine-Krieg wie nie zuvor nach Russland. Doch wie wird Russland weiter reagieren?
Der Kreml in Moskau zeigte sich „tief besorgt“ wegen der Lage in Belgorod. Kremlsprecher Dmitri Peskow nutzte den Anlass der „Sabotage ukrainischer Kämpfer gegen Russland“ aber auch, um einmal mehr Moskaus Krieg gegen die Ukraine zu verteidigen. „Es verlangt von Russland große Anstrengungen, die militärische Spezialoperation wird fortgesetzt, um solche Vorfälle nicht mehr zuzulassen“, sagte er. Zuvor hatte Peskow auch gesagt, dass die Ukraine mit der Operation von ihrer Niederlage in Bachmut ablenken wolle.
Kreml wegen Belgorod „zutiefst besorgt“: Partisanen wohl zurückgedrängt
Mittlerweile heißt es von russischer Seite, dass man die angreifenden Truppen in Belgorod „blockiert und zerschlagen“ habe. Dazu veröffentlichte das Ministerium ein Video, das Luftschläge gegen die Eindringlinge bei der so bezeichneten Anti-Terror-Operation zeigen soll. „Mehr als 70 ukrainische Terroristen, vier gepanzerte Fahrzeuge und fünf Geländewagen wurden vernichtet“, sagte Militärsprecher Igor Konaschenkow am Dienstag. Neben dem Grenzschutz seien auch Luftwaffe und Artillerieeinheiten zur Bekämpfung der Eindringlinge eingesetzt worden, sagte Konaschenkow in Moskau. Unabhängig lassen sich die Angaben nicht überprüfen.
Besonders betroffen war allerdings die Stadt Graiworon, die an das ukrainische Gebiet Sumy grenzt. Der Gouverneur von Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, sprach von zwölf verletzten Zivilisten durch den Beschuss. Viele Menschen seien geflohen. Ukrainische Kämpfer hätten auf Graiworon und andere Dörfer in der Nähe mit Granatwerfern und Artillerie gefeuert. „Schäden wurden an 29 Häusern festgestellt und an drei Autos“, sagte er.
Im Video: Russen greifen Russland an - wer sind die Belgorod-Partisanen?
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte stets betont, dass seine Truppen kein russisches Staatsgebiet angriffen, sondern lediglich besetzte Territorien befreiten. Das russische Verteidigungsministerium machte hingegen einmal mehr die Ukraine für die seit Kriegsbeginn vor 15 Monaten bisher beispiellosen Attacken verantwortlich, nannte aber keine Verluste in den eigenen Reihen.
Dagegen wies die Ukraine zurück, etwas mit den Angriffen zu tun zu haben. In Kiew wurde darauf hingewiesen, dass sich aus russischen Staatsbürgern bestehende Freiwilligenkorps zu den Angriffen bekannt hätten. Tatsächlich gibt es Russen, die auf der Seite der Ukraine kämpfen, es galt aber als unwahrscheinlich, dass sie in der Zahl und mit solcher Ausrüstung ohne Hilfe agieren könnten.
Belgorod-Angriff: Häme aus der Ukraine - Prigoschin ätzt gegen Russlands Führung
In Kiew reagierte der Berater des Präsidentenbüros, Mychajlo Podoljak, bei Twitter wie bei ähnlichen Zwischenfällen in Russland in der Vergangenheit mit Häme. Russland könne es ja als Sieg verkaufen, seine eigenen Staatsgebiete zu verteidigen, meinte er. Das „russische Regime“ solle mal über die Realität nachdenken: „Je eher sie alle Gebiete der Ukraine verlassen, desto weniger Katastrophe wird Russland am Ende selbst erleben“, schrieb er.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Mit neuer Kritik am russischen Machtapparat meldete sich zudem der Chef der russischen Privatarmee Wagner, Jewgeni Prigoschin, angesichts der Kämpfe in der Region Belgorod. Statt sich mit der Sicherheit des Staates und seiner Grenzen zu beschäftigen, verschleuderten die Beamten öffentliche Gelder. „Es gibt keine Führung, kein Verlangen und keine Persönlichkeiten, die bereit sind, unser Land zu schützen“, ätzte Prigoschin. Er habe schon mehrfach auf die Gefahrensituation in den Regionen hingewiesen und gefordert, mehr für die Grenzsicherung zu tun.
„Putin, es muss brutaler werden“: Wie reagiert Russland auf Belgorod?
Der ebenfalls für seine scharfen Ausfälle gegen die Moskauer Militärführung bekannte frühere russische Geheimdienstoffizier Igor Girkin sieht in den Angriffen auf russischem Gebiet vor allem ein „Ablenkungsmanöver des Gegners“, um die seit langem geplante Großoffensive zu beginnen. Ziel der Ukraine sei es, Russland dazu zu bringen, mehr Ressourcen zum Schutz des eigenen Staatsgebiets aufzuwenden, meinte der Ultranationalist, der auch unter seinem Kampfnamen Strelkow bekannt ist.
Der kremlnahe Politologe Sergej Markow meinte, dass nun der Druck auf die russische Führung weiter wachse, endlich richtig loszulegen mit dem Krieg gegen die Ukraine. Kremlchef Wladimir Putin selbst hatte einmal gesagt, dass Russland noch nicht einmal ernsthaft begonnen habe. Vor dem Hintergrund der Kämpfe im Gebiet Belgorod sei es jetzt auch leichter für Putin, eine neue Welle der Mobilmachung anzuordnen. „Putin, es muss härter werden, brutaler! Das wird nun die laute Forderung des Volkes“, meinte Markow. (dpa/rjs)