Rostow wohl von Söldnern belagert

Überblick am Morgen: Wagner-Chef Prigoschin macht Jagd auf Putins Minister Schoigu

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Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin. (Archivbild)
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Wagner-Chef Prigoschin macht das Verteidigungsministerium für einen Angriff auf seine Söldner verantwortlich. Moskau dementiert und wirft Prigoschin „Provokation“ vor. Die Ereignisse einer turbulenten Nacht in Russland.

Moskau – Monatelang wurde der Konflikt zwischen Moskau, dabei in erster Linie dem russischen Verteidigungsministerium, und der Wagner-Söldnertruppe von Jewgeni Prigoschin im Hintergrund des Ukraine-Kriegs ausgetragen. Die Auseinandersetzung beschränkte sich jedenfalls nur auf einen verbalen Streit, wenn auch sehr intensiv. Prigoschin warf dem Ministerium immer wieder vor, die Aktivitäten von Wagner an der Front zu sabotieren und nicht Munitionsnachschub zu liefern. Dabei fielen schwerste Beleidigungen gegen Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Walerij Gerassimow. Zuletzt ging Prigoschin dermaßen weit, dass er die gesamte Begründung des Angriffskrieges gegen die Ukraine infrage stellte.

Für viele war es somit nur noch eine Frage der Zeit, bis der Konflikt in die nächste Stufe gehen würde. Die Erwartungen erfüllten sich schließlich am Freitagabend (23. Juni). Die Lage eskalierte vollkommen. Nun droht in Russland ein interner bewaffneter Konflikt zwischen Wagner und den regulären russischen Truppen.

Ukraine-Krieg: Wagner behauptet Angriff auf Lager durch Verteidigungsministerium

In den Abendstunden wurden russische Quellen im Kurznachrichtendienst Telegram plötzlich unruhig. Hintergrund: Es habe einen Raketenangriff auf ein militärisches Lager von Wagner gegeben. Schnell verbreiteten sich die Gerüchte im Netz. Brisant dabei: Die Berichte basierten auf angeblichen Aussagen von Wagner-Chef Prigoschin höchstpersönlich. Schnell schaltete sich das russische Verteidigungsministerium ein und gab an, es handle sich um eine „Provokation“. Die im Namen von Prigoschin veröffentlichten Erklärungen seien ohne Wahrheitsgehalt.

Allerdings: Die Audioaufnahmen stammten von dem Telegram-Kanal der sogenannten Concord-Gruppe, die als Pressesprecher von Prigoschin bekannt ist. Im Laufe des Ukraine-Krieges wurden fast alle offiziellen Erklärungen von Prigoschin über diese Quelle verbreitet. Auch diesmal war es der Fall. Die Audioansprachen des Wagner-Chefs hatten es in sich und sind die bislang härtesten Erklärungen.

Schoigu-Prigoschin-Konflikt eskaliert: Wagner-Chef kündigt Antwort auf Lager-Angriff an

„Sie haben uns wie eine Schlange hereingelegt“, sagte er laut dem US-Sender CNN und ergänzte: „Sie haben uns der Möglichkeit beraubt, unser Mutterland zu verteidigen und haben Wagner verfolgt.“ Man sei bereit gewesen, einen Kompromiss mit dem Verteidigungsministerium einzugehen. „Doch diese Feiglinge wollten sich nicht beruhigen“, so Prigoschin. Das Ministerium habe gesehen, dass es Wagner nicht brechen könne und sei daher zum Angriff übergegangen. Auf Telegram tauchten Aufnahmen des angeblich zerstörten Wagner-Lagers zwischen Bäumen auf.

„Viele Kämpfer, viele unserer Kameraden sind gestorben und wir werden nun entscheiden, wie wir auf diese Grausamkeit antworten werden“, betonte der Söldner-Chef weiter und drohte: „Der nächste Schritt kommt von uns, wir werden sie bestrafen.“ Er rief russische Soldaten dazu auf, keinen Widerstand zu leisten: „Diejenigen, die Widerstand leisten, werden wir als Bedrohung sehen und vernichten. Dazu gehören alle Straßensperren und Flugzeuge über unseren Köpfen.“

Der Wagner-Chef gab außerdem an, „nachdem wir beendet haben, womit wir angefangen haben“, werde man an die Front zurückkehren und Russland weiter „verteidigen“. Er habe rund 25.000 Kämpfer – offenbar nicht genug für seine Pläne. Er appellierte an jeden Einzelnen, sich Wagner anzuschließen: „Ich rufe alle dazu auf, Wagner beizutreten, damit wir diesen Schlamassel beenden können.“ Es handle sich nicht um einen „Putsch“ – wie es in vielen russischen Quellen hieß – sondern vielmehr um einen „Marsch zur Gerechtigkeit“.

Interner Konflikt in Russland außer Kontrolle: Strafverfahren gegen Wagner-Chef Prigoschin

Als die Aussagen von Prigoschin immer weiter verbreitet und vor allem immer härter wurden, kam plötzlich die entscheidende Meldung aus Moskau: Die russische Generalstaatsanwaltschaft startete ein Strafverfahren gegen Prigoschin wegen „Anstiftung zum bewaffneten Aufstand“, wie die staatliche Agentur Tass meldete. Die Strafe für dieses Verbrechen: 12 bis 20 Jahre Haft.

Das russische Komitee zur Terrorbekämpfung leitete ebenfalls eine Untersuchung ein und rief die Söldner dazu auf, „alle illegalen Aktivitäten“ zu stoppen. Kurz darauf schaltete sich Kreml-Sprecher Dimitri Peskow ein und gab an, Kreml-Chef Wladimir Putin sei über die Situation rund um Prigoschin informiert worden. „Wir treffen die nötigen Maßnahmen“, berichtete er. Später wurde Putin von Generalstaatsanwalt Igor Krasnow auch über das Strafverfahren informiert. Putin ließ sich trotz all des Chaos nirgends blicken. Der Kreml veröffentlichte lediglich eine Videobotschaft des Präsidenten anlässlich des Jugendtages.

Indes meldete sich der Wagner-Chef erneut zu Wort. „Echte Patrioten Russlands“ müssten zu ihren Waffen greifen und auf die Straßen gehen, zitierten ihn mehrere russische Nachrichtenportale aus seinen Audionachrichten, die ein ambitioniertes Ziel enthielten: „Schoigu wird am Roten Platz gehängt werden.“ Prigoschin behauptete laut dem Oppositionsportal Meduza außerdem, ein Großteil des Militärs unterstütze sie und man werde endlich „Gerechtigkeit“ im Militär schaffen: „Endlich werden wir sicherstellen, dass sie Munition liefern und Soldaten nicht mehr nur als Fleischstücke sehen.“

Inmitten des Ukraine-Krieges: Sicherheitsvorkehrungen in Moskau wegen Prigoschin erhöht

Inmitten aller Pressemitteilungen und Erklärungen machte sich die Eskalation auch auf den Straßen und in den Kasernen in Rostow und der Hauptstadt Moskau bemerkbar. Doch weshalb Rostow? Die Region mit der Hauptstadt Rostow am Don liegt an der Grenze zu den ostukrainischen Gebieten Donezk und Luhansk, die seit 2014 großteils von pro-russischen Milizen besetzt sind. Dazu gehört auch die Wagner-Gruppe, die dort an den härtesten Fronten präsent ist. Heißt: Die Wagner-Gruppe würde in erster Linie über Rostow in Russland einmarschieren.

Gegenüber dem lokalen Nachrichtenportal 161ru meldete eine Quelle mit Nähe zu den Sicherheitskräften, die Einheiten des Innenministeriums und der Nationalgarde seien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Man habe Befehle erhalten, Grenzstützpunkte zu verstärken. Kurz darauf tauchten Videos aus Rostow am Don auf: Panzerfahrzeuge der russischen Nationalgarde fuhren durch das Zentrum der Stadt.

Moskau in Alarmbereitschaft: Konflikt mit Prigoschin eskaliert

Auch aus Moskau kamen dutzende Aufnahmen von Kolonnen aus militärischen Fahrzeugen und gepanzerten Truppenträgern, unter anderem vor dem Verteidigungsministerium und der Staatsduma. Eingänge zur Präsidialverwaltung und zum Roten Platz wurden wohl ebenfalls versperrt. Spekuliert wurde im Netz besonders von Telegram-Kanälen mit Nähe zu Sicherheitskräften über die Aktivierung des sogenannten „Festung“-Plans, wonach wichtige Gebäude offenbar den Sicherheitskräften überlassen werden.

Und tatsächlich: Gegenüber der russischen Ausgabe des britischen Senders BBC bestätigten zwei Quellen mit Nähe zu den Sicherheitskräften, sowohl der Inlandsgeheimdienst FSB als auch restliche Sicherheitseinheiten seien in der Hauptstadt Moskau in Alarmbereitschaft. In den Kasernen gebe es ebenfalls Vorbereitungen, hieß es. Den Soldaten seien Befehle erteilt worden, im Gefahrenfall das Feuer zu eröffnen.

Wenig später kamen ähnliche Berichte auch von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass. In Moskau seien Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden, teilte die Agentur mit. Die OMON und SOBR-Spezialeinheiten der Nationalgarde seien in Alarmbereitschaft. In wichtigen Infrastruktur- und Staatsgebäuden habe man die Sicherheitsstufe erhöht. Sergej Sobjanin, der Bürgermeister der Hauptstadt, kündigte verstärkte Kontrollen an.

Prigoschin und sein „bewaffneter Aufstand“: General appelliert an Wagner-Truppen

Aus Moskau kamen währenddessen ständig neue Stimmen, um die Wagner-Milizen von Prigoschin umzustimmen. So auch vom Geheimdienst FSB. „Die Aussagen von Jewgeni Prigoschin sind eine Forderung nach einem bewaffneten Bürgerkrieg auf russischem Territorium“, meldete der Geheimdienst laut russischen Medien. Weiter hieß es, Wagner-Kämpfer sollten den „illegalen und verräterischen Befehlen“ von Prigoschin nicht gehorchen und in verhaften. „Macht keine Fehler, bei denen es kein Zurück gibt“, warnte der Geheimdienst und bezeichnete die Meuterei Wagners als einen „Stich in den Rücken russischer Soldaten, die gegen die pro-faschistische ukrainische Armee kämpfen“.

Zu Wort meldete sich auch General Sergej Surowikin, der im Ukraine-Krieg mehrere Monate als Befehlshaber russischer Truppen im Nachbarland diente. „Gemeinsam mit Ihnen haben wir einen schwierigen, schwierigen Weg zurückgelegt, wir haben gemeinsam mit Ihnen gekämpft, Risiken eingegangen, Verluste erlitten, wir haben gemeinsam gewonnen. Wir sind vom gleichen Blut, wir sind Krieger“, appellierte er an Wagner-Milizen dem Verteidigungsministerium zufolge. „Der Feind wartet nur darauf, dass sich die innenpolitische Lage in unserem Land verschlechtert“, betonte er und rief sie dazu auf, dem „Willen“ von Putin zu gehorchen. Man dürfe dem „Feind“ nicht in die Hände spielen, so Surowikin.

Bei mehreren Telegram-Kanälen, die als inoffizielle Medienportale der Wagner-Miliz gelten, stieß dies auf Ablehnung. Man werde Prigoschin treu bleiben und sowohl Schoigu als auch Gerassimow „bestrafen“. Für einen Aufschrei bei Wagner-Quellen sorgte auch der Auftritt von Surowikin an sich. Denn in dem Video, das später auch vom russischen Verteidigungsministerium verbreitet wurde, hielt der General seine Maschinenpistole sichtbar auf dem Schoß, die rechte Hand auf der Waffe. Das wurde als eine verdeckte Drohung empfunden.

Wagner-Chef Prigoschin attackiert erneut Verteidigungsminister und Generalstabschef

Prigoschin ließ nicht locker und veröffentlichte ein weiteres Mal Erklärungen. Man habe die russische Staatsgrenze überschritten und sei in Rostow einmarschiert, lautete seine neue Behauptung. Die russischen Grenzschützer, die er als Kinder bezeichnete, hätten kein Widerstand geleistet. „Wir kämpfen nicht mit Kindern und töten sie nicht“, zitierten russische Medien den Wagner-Chef.

Er lieferte weitere Details zum angeblichen Angriff auf seine Milizen. Die Attacke sei zuerst mit Raketen, dann mit Helikoptern und schließlich mit Artillerie erfolgt. Der Befehl sei nach einem Treffen mit Schoigu vom Generalstabschef Gerassimow gekommen. Der Verteidigungsminister habe den Angriff von Rostow aus verfolgt und sei später geflohen. Die Angaben von Prigoschin lassen sich nicht unabhängig verifizieren.

Später behauptete er auch, Gerassimow habe russischen Kampfjets und Helikoptern befohlen, auf Konvois von Wagner zu schießen. Zwar gab er an, die Piloten würden diesen Befehlen nicht folgen. Später meldete er aber auch, ein Kampfhubschrauber sei von Wagner abgeschossen worden, da er Zivilisten bedroht habe. Auch das ließ sich nicht verifizieren.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Prigoschins Milizen besetzen Rostow: Wagner-Chef kommt in der Stadt an

Aus der Region Rostow tauchten im Anschluss darauf neue Videos auf, die angeblich die Einfahrt von Wagner-Milizen zeigen sollen. Gleichzeitig berichteten lokale russische Medien wie die Portale Baza und Mash, die russische Nationalgarde habe die Ein- und Ausgänge der Stadt Rostow am Don versperrt. Derweil bemühten sich staatliche Medien Russlands darum, die Darstellung zu kontrollieren. Im Laufe der Nacht wurden Videos aus Rostow und Moskau veröffentlicht, die eine ruhige Lage belegen sollen.

Doch dann tauchten in den ersten Morgenstunden spektakuläre Videos aus Rostow am Don auf. Panzer und gepanzerte Truppenträger fuhren mit voller Geschwindigkeit in das Stadtzentrum ein und umzingelten das Gebäude des Südlichen Militärdistrikts des Verteidigungsministeriums. Zunächst bestand Unklarheit darüber, wem die Panzer nun tatsächlich zuzuordnen sind. „Das sind eindeutig keine Wagnerianer“, schrieb Ruslan Leviev von der unabhängigen russischen Ermittlungsorganisation Conflict Intelligence Team.

Doch später wurden Aufnahmen veröffentlicht, die kein Zweifel mehr ließen: Wagner-Chef Prigoschin zeigte sich samt voller Montur in Rostow und betrat das Gelände des Hauptquartiers des Ministeriums. Dem lokalen Nachrichtenportal 161ru zufolge belagerten die Wagner-Milizen auch das Hauptquartier des Innenministeriums, die FSB-Abteilung, eine Polizeidienststelle sowie das Hauptverwaltungsgebäude. Damit ist Rostow de-facto unter der Kontrolle von Wagner. Prigoschin meldete indes in einer weiteren Botschaft laut Militärbloggern: „Das russische Volk muss befreit werden.“

Die erste ausländische Reaktion zur Eskalation in Russland kam dabei vom ukrainischen Verteidigungsministerium. „Wir schauen zu“, schrieb das Ministerium auf Twitter. Mikhailo Podolyak, der Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, meldete sich ebenfalls auf Twitter: „Turbulente Zeiten kommen.“ Auch aus den USA kam eine Reaktion. Adam Hodge, Sprecher des nationalen Sicherheitsrats, betonte, man verfolge die Entwicklungen und berate mit Verbündeten sowie Partnern.

Die Stadt Woronesch, die hunderte Kilometer im Norden von Rostow liegt, könnte bereits der nächste Schauplatz der Eskalation sein. Die ukrainische Nachrichtenagentur Unian berichtete, russische Hubschrauber würden dort Wagner-Konvois beschießen. Prigoschin behauptete dort die Zerstörung eines weiteren Helikopters. Man habe „Ziele“ und sei „bereit zu sterben“: „Alle 25.000 von uns.“ Dabei würden sich russische Soldaten Wagner nicht widersetzen. 60-70 Soldaten seien bereits zu Wagner gewechselt, so Prigoschin laut Unian. Die Nationalgarde, Polizei und Soldaten würden Wagner „freudig zuwinken“. (bb)

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