Altgedient aber unverzichtbar: Der deutsche Schützenpanzer Marder ist auch in der Ukraine ein gefürchteter Gegner – wenn die Besatzung seine Stärken im Gefecht ausspielen kann (Archivbild).
Viele Ukrainer ziehen nicht als Soldaten in den Krieg. In Deutschland lernen manche, den Kampf gegen Russland zu überleben.
Berlin – Im Video heißt er Artur. Seit Februar 2022 kämpft Artur als Soldat in der Armee der Ukraine. Mit ruhiger Stimme erzählt der fronterfahrene Kämpfer von seiner Familie, seinen Sorgen und Ängsten, von seinem Pflichtgefühl und wie er zu dem Krieg in seiner Heimat steht. Kurz vor Weihnachten hat die Bundeswehr das Video auf ihrer Site bundeswehr.de veröffentlicht. In den fast sieben Minuten Laufzeit schaut die Kamera Artur über die Schulter, wie er Zielen übt, wie er sich im Gefecht bewegt, Minen findet, Verwundete vom Gefechtsfeld birgt. Artur ist Sturmpionier und kam nach seiner ersten Verwundung zur Ausbildung nach Deutschland.
Arturs Lernziele sind ganz simpel: überleben – möglichst lange – und darüberhinaus: töten – möglichst effektiv. Bis er oder seine Kameraden das Eine oder das Andere mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit beherrschen, vergehen fünf Tage, fünf Wochen, vielleicht sogar Monate. So verschieden lang währt die Ausbildung ukrainischer Soldaten durch die Bundeswehr und anderer Nato-Länder. Deutschland will in diesem Jahr nochmal 10.000 Soldaten aus der Ukraine schulen. Die deutsche Verteidigungsstaatssekretärin Siemtje Möller (SPD) sagte jetzt in Brüssel, für Deutschland sei klar, dass man weiter fest an der Seite der Ukraine stehe. Das Training erfolgt wie im vergangenen Jahr im Rahmen der europäischen Ausbildungsmission „Eumam UA“ (European Union Military Assistance Mission Ukraine).
Seit dem Angriffskrieg Russlands Anfang 2022 verteidigt sich die Ukraine erbittert gegen Wladimir Putins Truppen. Deutschland unterstützt mit teils komplexen Waffensystemen, die für den Ukraine-Krieg ohne Schulungen wertlos wären; neben den Waffenlieferungen übernimmt die Bundeswehr insofern eine zentrale Aufgabe bei der europäischen Ausbildungsmission „Eumam UA“. Sie ist am 17. Oktober 2022 beschlossen und am 15. November 2022 gestartet worden, um militärische Unterstützung während der andauernden russischen Invasion zu bieten. Das Hauptziel der Mission ist weiterhin die Ausbildung ukrainischer Streitkräfte auf dem Territorium von EU-Mitgliedstaaten – Polen und die Niederlande hatten sich darin besonders engagiert gezeigt.
Der Marder: Der Oldtimer wird Russland immer noch gefährlich
Die Ukraine hat neben vielen anderen komplexen Waffen beispielsweise 90 Schützenpanzer Marder erhalten und lernt insofern zwingend, das Fahrzeug im Gefecht zu bewegen. Daneben wird auch das Auf- und Absitzen der Infanteristen eingeübt. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte zu Beginn der „Eumam UA“-Lehrgänge offen gelegt, dass die Schulung auf dem Marder auf dem Truppenübungsplatz in Munster in Niedersachsen stattfinden würde. Dort sollte auch auf dem Kampfpanzer Leopard ausgebildet werden.
Die Ausbildung am Raketenabwehr-System Patriot läuft vermutlich auf dem US-Truppenübungsplatz im bayerischen Grafenwöhr, rund 70 Kilometer nordöstlich von Nürnberg. Das ist auch deswegen naheliegend, weil Grafenwöhr die vermutlich besten Bedingungen für das Training bietet – das vermutet der Nachrichtendienst t-online. Klare Aussagen dazu sind rar. „Verständnis wecken für das jeweilige Waffensystem“, nennt Oberst Heiko Diehl im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt den generellen Auftrag der Bundeswehr. Diehl ist Chef des Stabes des „Special Training Command“ im brandenburgischen Strausberg und koordiniert die Ausbildung aller ukrainischen Streitkräfte in Deutschland.
Um beispielsweise den Marder gefechts- und konkurrenzfähig zu machen, müssen neun Soldaten koordiniert werden – deutlich mehr Soldaten als in reinen Kampfpanzern oder selbstfahrenden Geschützen, wie der Panzerhaubitze 2000 oder dem Flugabwehrkanonen-Panzer Gepard. Zunächst ausgebildet werden der Kommandant, der Richtschütze sowie der Kraftfahrer. Diehl: „Das fängt an mit der Simulationsausbildung und geht weiter über die reine Fahrausbildung, darauf folgt das gefechtsmäßige Bewegen auf dem Gefechtsfeld; und allein das ist weit umfangreicher als eine Führerscheinausbildung, wie wir sie in Deutschland kennen; wir versuchen die speziellen Bedingungen auf dem ukrainischen Gefechtsfeld von Anfang an mit einzubeziehen.“
Die Soldaten: Nur im Team hat die Ukraine eine Chance gegen Russland
Die gleiche Intensität der Ausbildung erfährt nach Auskunft des Oberst auch die Besatzung – der Schützentrupp aus sechs Infanteristen, der die volle Leistungsfähigkeit des Marders erst erreichen lässt durch das gefechtsmäßige Auf- und Absitzen inklusive der Erfüllung des jeweiligen Auftrags sowie durch den geordneten Rückkehr zum Fahrzeug und dem abschließenden Wechsel der Stellung. Die Soldaten sollen beispielsweise lernen, welche taktischen Grundsätze beim Kampf in Ortschaften anzuwenden sind, wie ein Haus erstürmt wird, und dass eigene Bewegungen nur unter Feuerschutz gemacht werden sollen. Diehl: „Jede Marder-Besatzung verfügt über zwei militärische Führer, die ihre Aufgaben möglichst detailliert kombinieren müssen, um mit dem Waffensystem optimal auf den Gegner wirken zu können.“ Ein Paradoxon: „Deutsche Luftverteidigung schützt die Menschen in der Ukraine vor dem russischen Raketenterror. Marder- und Leopard-Panzer stärken die ukrainischen Streitkräfte. Hier offenbart sich eine Erkenntnis, die kognitive Überwindungskraft erfordert: Deutsche Waffen retten in der Ukraine Menschenleben“, schreibt der Grünen-Politiker Robin Wagener in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Das Einmaleins der Nato-Strategie ist das Gefecht der verbundenen Waffen, also der Militärdoktrin der Nato gegen die gepanzerten Kräfte des damaligen Warschauer Paktes. Ausgangspunkt war die Überlegung, dass eine hohe numerische Überzahl an gepanzerten Gefechtsfahrzeugen durch das Zusammenwirken verschiedener Waffengattungen in den Gefechtsarten Verzögerung oder Verteidigung, aber auch im Gegenangriff am effizientesten bekämpft werden kann. Dieses Vorgehen sei wichtig, weil Russlands Angriffe jeweils ohne Rücksicht auf Verluste geführt werden, wie auch Ralf Raths erklärt: „Die westliche Militär-Doktrin will den einzelnen Soldaten sowie das einzelne Fahrzeug bestmöglich schützen, Russlands militärische Führer denken immer im Verband – wenn ein Soldat oder ein Fahrzeug ausfällt, ist schließlich immer Ersatz vorhanden“, sagt der Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster.
Das „Eumam UA“-Projekt ist mit dem Ukraine-Krieg gewachsen: Bislang sind rund 40.000 ukrainische Soldatinnen und Soldaten in den Nato-Ländern ausgebildet worden, wie das im November 2022 von den Außenministern der EU-Mitgliedstaaten beschlossen worden war – damals wollten die Unterzeichner aber zunächst 15.000 ukrainische Soldaten in Deutschland, Polen und anderen Ländern ausbilden – beispielsweise 7.000 Soldaten in Frankreich. Später wurde das Ziel dann auf 30.000 und dann auf 40.000 hochgeschraubt. Die Bundeswehr hat davon anfangs etwa 10.000 trainiert. Immer noch sei vor allem der einzelne Soldat gefragt, die technische Überlegenheit westlicher Waffen auch gewinnbringend einzusetzen, sagt Brigadegeneral Björn Schulz, der Leiter der Panzertruppenschule der Bundeswehr im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. „Wichtig ist, dass sowohl der einzelne Soldat in einem Panzer das System richtig einsetzt, sowie der taktische Führer einer Gruppe seine technische Überlegenheit zu nutzen weiß.“
Die Mission: Mit vielen Unterstützern die Offensive der Ukraine vorantreiben
Die Aufgabe bleibt schwierig, die Gruppe der Auszubildenden könnte heterogener kaum sein. Artur war vorher Wachmann einer Sicherheitsfirma, bis er am 24. Februar 2022 auf seinem Arbeitsplatz die ersten Explosionen russischer Geschosse gehört hatte und ihm sein Chef sagte: „Artur, zieh Dich an, es ist Krieg.“ Seitdem ist er Soldat. Neben ihm kämpfen ehemalige Bäcker, Besitzer von Einzelhandelsgeschäften oder Veteranen, die schon seit 2014 gegen Russland unter Waffen stehen. Und Heranwachsende, die keine 20 Jahre zählen. Aus all denen werden in Westeuropa wehrhafte Männer – nachdem sie mittels vieler Sprachmittler die erste Hürde genommen haben: die der Verständigung mit ihren deutschen Kameraden.
Nach Angaben der Bundeswehr waren zuletzt durchschnittlich rund 1.500 Bundeswehrangehörige an der Ausbildungs-Mission beteiligt. Sie kamen demnach als Ausbilderinnen und Ausbilder, aber auch in der Versorgung der ukrainischen Kräfte sowie als Sprachmittlerinnen und Sprachmittler zum Einsatz. Ohne Letztere wäre die Ausbildung der Ukrainerinnen und Ukrainer zum Scheitern verurteilt gewesen. Sie dolmetschen. Sprachmittler übersetzen Schulungsunterlagen und Taschenkarten als Gedankenstütze für die wichtigsten Inhalte. Weit überwiegend sind die Frauen und Männer allerdings keine ausgebildeten Dolmetscher, sondern Bundeswehr-Soldatinnen und -Soldaten mit Ukrainisch- oder Russisch-Sprachkenntnissen. Die Sprachbarriere ist ohnehin eine der zähesten Hemmnisse der Waffenlieferungen gewesen: Alle technischen Unterlagen, alle Computerprogramme mussten beispielsweise zeitaufwändig ins Kyrillische übersetzt werden.
Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat
Ein Bundestagsmandat für den Einsatz deutscher Soldaten im Ukraine-Krieg auf heimatlichen Territorium fehlt, da er keinen Einsatz bewaffneter Streitkräfte im Sinne des Parlamentsbeteiligungsgesetzes darstellt. In seiner Rede vom 24. Februar 2023 betonte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) den existentiell wichtigen Einsatz aller unterstützenden Kräfte der Bundeswehr und sprach sie direkt an: Die Ukraine brauche sie, um in ihrem Kampf bestehen zu können. „Was auch immer von Ihnen noch gefordert sein wird, auf dem Übungsplatz, im Einsatz, bei der Ausbildung oder auch in den Büros: Sie sind die wahren Zeitenwenderinnen und Zeitenwender! Darauf können Sie stolz sein.“
Artur erzählt in dem Video, an Neujahr wäre er wieder zurück an der Front – und wird sich seitdem vermutlich besser gegen den Feind behaupten können. Vermutlich. Um Artur und seinen Kameraden mehr Sicherheit zu gewähren, fordert der Grünen-Politiker Robin Wagener eine höhere Risikobereitschaft in Berlin: „Auch ein neues Sondervermögen zur Verteidigung ist angesichts der russischen Rüstungsproduktion dringend nötig. Berlin sollte sich entschlossen den entsprechenden Initiativen anschließen. Unser Zögern hat massive Konsequenzen.“