Gefechtsbereitschaft herstellen: Russische Soldaten bringen eine Jars-24-Interkontinentalrakete in Stellung. Das Verlegen der Einheiten und Tarnen der Batterien sind auch Inhalte der aktuellen Übung (Archivfoto).
Wieder rollen Jars-Interkontinentalraketen aus dem Hangar. Russland will im Ukraine-Krieg ein Zeichen setzen und setzt das atomare Säbelrasseln fort.
Nowosibirsk – „Erproben von Manövern auf den Routen der Kampfpatrouillen als Teil des Kampfeinsatzes sowie die Organisation von Tarnung und Kampfschutz“ – damit beschreibt die russische Nachrichtenagentur Tass die jüngsten Manöver von Russlands Nuklearstreitkräften. Obwohl die nukleare Komponente nur wie ein böser Schatten über dem Ukraine-Krieg hängt, folgt die Übung nur wenige Tage auf die Überarbeitung der russischen Atomdoktrin. Wladimir Putin hatte den eigenen Einsatz von Nuklearwaffen ausgeweitet auf die Zusammenarbeit eines nicht-nuklearen Staates mit einer Atommacht. Und jetzt zeigt er der Welt wieder ganz offensiv, was ihr im schlimmsten Falle blühen könnte.
Tass veröffentlichte auf Telegram ein Video, das zeigt, wie sich der Transporter einer Jars RS-24 aus einer Fahrzeughalle schiebt und entlang einer Straße rollt. Die Agentur teilte mit, dass die „Bereitschaft“ des Personals und der Ausrüstung für einen „längeren Einsatz vor Ort“ geprüft werde, wie das Nachrichtenmagazin Newsweek schreibt. Unter Analysten gilt als gesetzt, dass Russland keinesfalls Atomraketen einsetzen würde, weil damit die Büchse der Pandora geöffnet wäre und der globale Atomkrieg ausbräche.
Russlands Muskelspiel: Kreml muss die Glaubwürdigkeit seiner Abschreckung untermauern
„Viele ukrainische Regierungsvertreter und ukrainische Bürger betrachten die jüngsten Drohungen Russlands als nichts weiter als weiteres Säbelrasseln und weitere Mätzchen“, sagte gegenüber Newsweek Mark Temnycky, Analyst des Thinktanks Atlantic Council. Washington geht ebenfalls von einer gewissen Sicherheit aus, auch wenn sich der Kreml in der Ukraine am Rande einer Niederlage befände. Das Weiße Haus wolle seinen zurückhaltenden Kurs gegenüber Moskau beibehalten, „trotz ukrainischer Drohnen-Attacken gegen russische Radar-Stationen oder möglicherweise sogar einer Bedrohung des Kreml selbst“, schreibt Alexander Gabuev.
„Eine weitere Möglichkeit ist, dass Russland glaubt, frühere Abschreckungsversuche seien gescheitert, weil sie nicht ,groß‘ genug waren. Dies ist eine besonders gefährliche Überlegung, da es irgendwann internen und Reputationsdruck geben wird, eine rote Linie aufrechtzuerhalten.“
Die jüngste Demonstration der furchterregenden Waffen wird wahrscheinlich wieder wenig mehr bedeuten als ein Muskelspiel – die Nato soll sehen, mit wem sie es zu tun bekommen könnte. Russlands atomare Streitmacht sichert das Reich gegen jedwede tiefgreifende Intervention der Nato in den Ukraine-Krieg, schreibt der Analyst der in den USA ansässigen Carnegie Stiftung. Aber selbst unterhalb der sichtbaren Schwelle der Unterstützung durch Personal oder weitreichende Waffen wie den deutschen Taurus-Marschflugkörper hätte die die Ukraine in diesem Krieg schon kapitulieren müssen.
„Der Kreml steht vor der schwierigen Frage, wie er die Glaubwürdigkeit seiner Abschreckung untermauern kann“, schreibt Gabuev. Die demonstrative Manöver-Fahrt der Jars RS-24 ist an sich unspektakulär und gehört zum normalen Waffen-Drill, wie ihn jede Teilstreitkraft in jeder Armee überall auf der Welt tagtäglich auf dem Dienstplan findet. Die Jars RS-24 ist eine ballistische Interkontinentalrakete, die abgefeuert werden kann von einem mobilen Trägerfahrzeug oder aus einem Silo heraus. Ihre Gefährlichkeit resultiert daraus, dass sie mehrere unabhängig voneinander operierende Sprengköpfe über 12.000 Kilometer transportieren könnte.
Putins Atom-Übungen: „Offen gestanden, nicht so spannend, was da passiert“
Russland soll über etwas mehr als 300 Interkontinental-Raketen verfügen – das will der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments für 2019 zusammengetragen haben, wie die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht hat. An deren Einsatzfähigkeit bestehe grundsätzlich kein Zweifel, bestätigen verschiedene Wissenschaftler dem ZDF: „Fakt ist, dass Russland fast 6.000 Nuklearwaffen besitzt. Selbst wenn die Hälfte dieser Waffen nicht einsatzfähig wäre, hätte Russland noch immer genug Sprengkraft, um den gesamten Globus in Schutt und Asche zu legen“, sagt beispielsweise Ulrich Kühn.
Durch Ukraine-Krieg: Russland gezwungen, seine Abhängigkeit von Atomwaffen zu verstärken
Insofern ist die Rakete an sich eine altbekannte Drohung für die Nato. Offen ist spätestens seit dem Ukraine-Krieg die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Einsatz einer Atomwaffe durch Russland bevorsteht. Die bisherige Doktrin sah vor, dass sich Russland den Einsatz eines atomaren Schlages vorbehalte für den Fall, von einem atomar bewaffneten Land angegriffen zu werden. Wie Wladimir Putin Ende September angekündigt hatte, werde diese Verhaltensmaxime jetzt aktualisiert.
Der Zeitpunkt von Putins Äußerungen und die von ihm angekündigten Änderungen deuteten darauf hin, dass Russland seine Abhängigkeit von Atomwaffen verstärke, „um westliche Hilfe für die Ukraine abzuschrecken“, wie Heather Williams schreibt. „Der Zweck der neuen Doktrin könnte nicht nur Abschreckung sein, sondern auch ein Versuch, die europäischen Verbündeten auf der Grundlage dessen zu spalten, wie viel Risiko sie bereit sind, bei der Unterstützung der Ukraine einzugehen“, behauptet die Analystin des Center for Strategic and International Studies (CSIS).
Gefährliche Situation: Russland könnte glauben, frühere Abschreckungsversuche seien gescheitert
Demnach wäre die Waffe letztendlich lediglich eine Verschärfung des diplomatischen Gerangels. Und dieser Nadelstich in die politischen Lager triebe den Keil nicht nur zwischen die Lager der nationalen Regierungen, sondern auch in die entscheidenden Gremien der Nato. Die sind schon weitgehend überfordert damit, einen artilleristischen Konflikt bestehen zu können. In der Entwicklung von Drohnen und der Drohnen-Abwehr scheint die Ukraine das einzige westlich orientierte Land mit Kriegstüchtigkeit zu sein. Und jetzt stellt sich der Nato zusätzlich die Frage, inwieweit sie in der Lage wäre, einer atomaren Bedrohung adäquat zu begegnen. Frankreich und das Vereinigte Königreich behalten sich in der Nutzung von Atomwaffen trotz Nato-Mitgliedschaft absolute Autonomie vor.
Putin zeigt mit seinem erneuten Manöver offenbar, dass sein Regime gewillt und in der Lage ist, seine interkontinentalen Waffen klar zum Gefecht zu machen, bevor die Nato überhaupt mit einer Stimme entscheiden könnte, was atomar zu tun sei. Gleichzeitig scheint der russische Diktator mit dem neuerlichen Manöver und der Ausweitung seiner Atomdoktrin seine eigene Ausweglosigkeit zu demonstrieren: „Diese Änderungen der Nukleardoktrin deuten darauf hin, dass Russland seine Strategie, im anhaltenden Krieg in der Ukraine zu Zwangszwecken auf Atomwaffen zurückzugreifen, verdoppelt“, schreibt Heather Williams.
Was er sich sparen könnte, wenn die ersten Drohungen schon verfangen hätten. Insofern könnte die neue Verfahrensrichtlinie andeuten, dass sich der Kreml nicht Ernst genug genommen fühlt, wie Williams anführt: „Eine weitere Möglichkeit ist, dass Russland glaubt, frühere Abschreckungsversuche seien gescheitert, weil sie nicht ,groß‘ genug waren. Dies ist eine besonders gefährliche Überlegung, da es irgendwann internen und Reputationsdruck geben wird, eine rote Linie aufrechtzuerhalten.“
Nato sollte gewarnt sein: Jede nächste „rote Linie“ könnte die letzte sein
Übersetzt hieße das, jede nächste „rote Linie“ könnte die letzte sein. Allerdings hat Russland selbst verschuldet, der westlichen Welt keinen reinen Wein eingeschenkt und sich selbst immer wieder ad absurdum geführt zu haben: Williams verweist auf eine Studie der CSIS von Anfang 2024, nach der russische Politiker in mehr als 200 Fällen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine auf Atomwaffen verwiesen hätten. Mit der Eskalation des Konflikts in der Ukraine hätten auch die Drohungen an Schärfe gewonnen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine