VonRobert Wagnerschließen
Russland muss die Lücken in seiner Armee auffüllen. In einer ersten Region kommen nun auch Frauen zum Einsatz, wenn auch nur an der Grenze zur Ukraine.
Moskau - Russland erfährt im Ukraine-Krieg massive Verluste. Das war ein Teil der Kritik an der Armeeführung, die der russische Generalmajor Iwan Popow Mitte Juli in einer internen Audionachricht äußerte. Die Botschaft wurde an die Öffentlichkeit lanciert, Popow, Befehlshaber der im Süden der Ukraine stationierten 58. Armee, daraufhin vom Kreml entlassen. Manche sehen in diesem harten Vorgehen Russlands gegen verdiente Generäle bereits erste Auflösungserscheinungen der Armee.
Popow beklagte in seiner geleakten Rede einen „massenhaften Untergang“ russischer Soldaten durch ukrainisches Artilleriefeuer. Russland hat das nicht offiziell bestätigt, wie es grundsätzlich keine Angaben zu militärischen Verlusten macht. Es deutet jedoch vieles darauf hin, dass Popows Kritik glaubwürdig ist und Russland einen enormen Bedarf an neuen Kämpfern hat. Wie das US-Magazin Newsweek berichtet, verstärkt der Kreml mittlerweile sogar seine Bemühungen, Frauen für den Kriegsdienst in der Ukraine zu gewinnen.
Russland: Frauen werden für Verteidigung der Grenze zur Ukraine trainiert
Am Donnerstag (20. Juli) meldete der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte, dass Russland im Ukraine-Krieg bisher über 240.000 Soldaten verloren hat. Unabhängige russische Medien kommen in ihren Berechnungen immerhin auf mindestens 47.000 getötete russische Soldaten. Diese Lücken muss Wladimir Putin auffüllen, soll Russland diesen Krieg gewinnen.
Am selben Tag berichtete The Moscow Times, dass sich die Behörden in der Region Belgorod auf die Rekrutierung von Frauen konzentrieren, um die Grenze zur Ukraine zu verteidigen. Die Region im Südwesten Russlands war zuletzt häufiger Schauplatz von Angriffen gegen russisches Territorium, für die Moskau die Ukraine verantwortlich macht, was Kiew bestreitet.
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Mehrere Sender des russischen Staatsfernsehens sendeten kurz zuvor Bilder einer rein weiblichen Kampfeinheit im westlichen Teil Belgorods. Sie zeigen laut The Moscow Times „Lehrerinnen und Bibliothekarinnen“, wie sie den Umgang mit Gewehren und die Erstversorung verletzter Soldaten üben. Parallel veröffentlichte eine dieser Kämpferinnen eine Online-Rekrutierungsanzeige, die sich speziell an Frauen richtete.
Der unabhängige russische Nachrichtendienst Verstka sprach mit der ortsansässigen Friseurin. Sie sagte, dass neue weibliche Rekruten in Belgorod einen Kurs in militärischer Grundausbildung absolvieren und lernen werden, wie man Drohnen fliegt. „Ich kann [...] den Mädchen mit gutem Beispiel vorangehen und ihnen zeigen, dass auch Frauen hier ihren Platz haben.“ Die Anzeige wurde inzwischen ohne Erklärung von Gründen gelöscht.
Frauen in Kampfeinsätzen nur „letztes Mittel“
Frauen für Kampfeinsätze im unmittelbaren Kriegsgebiet heranzuziehen, wäre für russische Verhältnisse ein ungewöhnlicher Schritt. Im Herbst 2022 erklärte der Kreml, er habe nicht die Absicht, Frauen zu rekrutieren. Ein Duma-Abgeordneter nannte diesen Schritt damals das „letzte Mittel“. Um die geringe Rolle von Frauen in den russischen Streitkräften zu betonen, gab Verteidigungsminister Sergei Schoigu im März 2023 bekannt, dass die Streitkräfte Russlands insgesamt 39.000 Frauen in ihren Reihen haben. Diese Zahl stelle nur einen Bruchteil der 1,15 Millionen aktiven Soldaten dar, sagte er.
Das Weltbild hinter dieser Haltung machte damals die Duma-Abgeordnete Tatjana Butskaja, stellvertretende Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Familie, Frauen und Kinder, deutlich. Sie sagte einem russischen Medium, sie glaube nicht, dass Frauen zum Dienst einberufen werden sollten. „Das hat absolut nichts mit unserer Geschichte zu tun [...] Es gibt immer einen männlichen Krieger und eine Frau, die auf ihn wartet und den Herd bewacht“, sagte sie. „Im Großen und Ganzen ist der Krieg nichts für Frauen. Und Frauen würden nur als letzter Ausweg eingezogen werden.“
Russland plant Rekrutierung von 400.000 männlichen Freiwilligen
Statt Frauen einzuziehen, versucht Russlands seine Lücken offenbar mit anderen, teils drastischen Maßnahmen zu füllen. So wurde am Dienstag (18. Juli) das Maximalalter für den Kriegsdienst per Gesetz auf 70 Jahre angehoben. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums plane Moskau eine „große militärische Rekrutierungskampagne“, deren Ziel bei 400.000 Freiwilligen liege. Das Ministerium erklärte jedoch, Russland werde dieses Ziel nicht erreichen und fügte hinzu, dass „die regionalen Behörden versuchen werden, die ihnen zugewiesenen Rekrutierungsziele zu erreichen, indem sie Männer dazu zwingen, sich zu melden“. (rowa)
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