VonStefan Schollschließen
Moskauer Offizielle drohen inzwischen regelmäßig mit nuklearer Vernichtung. Das Säbelrasseln gilt als Antwort auf die Debatte über ukrainische Angriffe auf russisches Territorium.
Moskau – Die F-16-Düsenjets seien lange die Hauptbeförderungsmittel im Rahmen der Atomwaffen-Missionen der Nato gewesen. „Deshalb können wir die Lieferung dieser Waffensysteme nicht anders betrachten als eine bewusste Signalhandlung der Nato im Atombereich“, erklärte Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag. „Man versucht, uns zu verstehen zu geben, die Nato sei buchstäblich zu allem bereit.“
Kurz zuvor hatte Wladimir Putin vor allem die kleinen Nato-Staaten gewarnt, sie spielten mit dem Feuer. Diesmal drohte der russische Präsident nicht ausdrücklich mit einem Atomschlag. Aber er und sein verbales Gefolge reden jetzt immer häufiger von Krieg gegen die Nato – konventionell oder atomar.
„Nahe der russischen Grenze trainiert die Nato Kampfhandlungen gegen die Russische Föderation, einschließlich der Ausführung nuklearer Schläge auf unser Gebiet“, beschwerte sich FSB-General Wladimir Kulischow jüngst. Und am 21. Mai startete Russland ein laut angekündigtes Manöver mit taktischen Atomwaffen, am 27. Mai schaltete sich Belarus ein, wo der Kreml auch taktische Nuklearraketen stationiert hat. Die gemeinsame Alarmübung soll bis Freitag dauern, noch ist unklar, wann das russische Manöver enden wird.
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Russlands Säbelrasseln gilt als Antwort auf die ebenso dröhnende Entscheidungsfindung in der Nato, ob man der Ukraine erlauben soll, mit westlichen Waffen russisches Territorium anzugreifen. Damit wären Versorgungslager und Kommandostellen, die die russischen Streitkräfte mit Vorliebe in Grenznähe einrichten, auch von französischen und britischen Raketen erreichbar. Und die westliche Rhetorik wird offensiver. Etwa Donalds Trumps Behauptung, er hätte Moskau schon im Februar 2022 bombardiert.
Putins Drohung wegen der Verwundbarkeit der „kleinen“ Nato-Mitglieder wird als Antwort auf Polens Chefdiplomat Radoslaw Sikorski gewertet. Der hatte gesagt, die USA würden alle russischen Positionen in der ukrainischen Konfliktzone vernichten, falls Moskau wirklich eine Atombombe zündet. Putins Gefolgsmann Dmitrij Medwedew drohte sodann, Warschau werde dann „mit Sicherheit seinen Teil radioaktiver Asche“ abbekommen.
Russland: Kaum Waffensysteme in Reserve?
In Fachkreisen hält man solche Drohungen eher für Propagandasprüche. „Das ist praktisch kompletter Bluff, um die westliche Gemeinschaft zu spalten“, sagt ein liberaler Moskauer Politologe anonym, „Oder genauer gesagt, um die schon vorhandene Spaltung in der Frage der Ukraine-Hilfe zu vertiefen.“
Nach Ansicht westlicher Fachleute hat Russland militärisch kaum Waffensysteme in Reserve, mit der es F-16-Kampfbomber oder anglo-französische Mittelstreckenraketen kontern könnte. Als Drohpotenzial bleibe deshalb praktisch nur das nukleare Arsenal. Aber der exilierte Militärexperte Juri Fjodorow bestätigte dem Portal meduza.io, auch er glaube nicht, dass Russland dieses gegen die Ukraine einsetze. Der Westen werde dann selbst Atomwaffen anwenden oder einen vernichtenden konventionellen Schlag gegen russische Militärobjekte vor allem in der Ukraine führen, aber vielleicht auch in Russland. Abgesehen davon riskiert Russland bei einem realen Atomschlag auch den Bruch mit China.
Vorige Woche attackierten ukrainischen Drohnen zwei russische Radarstationen bei Woronesch und Orsk, die zum Frühwarnsystem für nukleare Interkontinentalraketen gehören. Sie beschädigten zumindest eines.
„Laut der russischen Atomdoktrin sind Schläge gegen die strategischen Abschreckungskräfte, zu denen dieses Frühwarnsystem gehört, fast automatisch mit einem Einsatz eigener Kernwaffen zu beantworten“, sagt Militärexperte Fjodorow. Aber Moskau ignoriere diese Schläge praktisch. (Stefan Scholl)
