VonStefan Schollschließen
Nach Verteidigungsminister Schoigu folgen weitere Wechsel in der russischen Militärführung.
Generalmajor Suchrab Achmedow ist glimpflich davongekommen. Ihm wurde am Donnerstag das Kommando über die 20. Armee entzogen. Noch ist unklar, ob ihm Schlimmeres droht. Er hatte „nur“ Negativschlagzeilen als Befehlshaber gemacht, der seine Soldaten gern verheizt.
Sein Generalskollege Wadim Schamarin wurde schon einen Tag früher einem Garnisonshaftrichter vorgeführt. Der stellvertretende Generalstabschef soll umgerechnet gut 360 000 Euro Schmiergeld von einer Permer Traktorenfabrik kassiert haben. Und am Donnerstag ging Wladimir Wertelezkij in U-Haft, im Verteidigungsministerium Leiter der korruptionsträchtigen Abteilung für Staatsaufträge.
Er soll fiktive Bauarbeiten bezahlt haben, für umgerechnet 700 000 Euro. Der oberste Kaderchef des Ministeriums, Generalleutnant Jurij Kusnezow, landete ebenfalls kürzlich wegen Korruption hinter Gittern. General Timur Iwanow, stellvertretender Verteidigungsminister, sitzt seit April.
Mitte Mai wurde auch Generalleutnant Iwan Popow verhaftet, wegen Betrugs. Aber kommenden Montag könnte das Gericht Popow aus der U-Haft in Hausarrest entlassen – auf Antrag der Ermittler. Vielleicht, weil der Frontgeneral Popow, früher Armeekommandeur in der ukrainischen Region Saporischschja, kein Spezi von Ex-Verteidigungsminister Sergei Schoigu gewesen ist.
Schoigu im Mai überraschend ersetzt
Wladimir Putin hatte Schoigu Mitte Mai überraschend durch Vizepremier Andrej Beloussow ersetzt, einen zivilen Wirtschaftsexperten. Putin machte seinen alten Freund Schoigu dafür zum Sekretär des Sicherheitsrates. Seitdem wird spekuliert, ob das kein Vorruheposten ist. Und ob bald auch Generalstabschef Waleri Gerassimow gehen muss. Das Tandem war bei der Truppe unbeliebt.
Die „Financial Times“ aber zitiert kremlnahe Quellen, Putin selbst betreibe die Entmachtung Schoigus und seines Clans. Der sei ihm nach der Vereinnahme von Prigoschins privater Wagner-Armee zu stark geworden, Putin fürchte um seine eigene Macht.
Kremlsprecher Dmitrij Peskow bezeichnete die Säuberungswelle als konsequenten Kampf der Staatsorgane gegen die Korruption. „Aber diese Verhaftungswelle hat andere Gründe. Die zwei Manager der Permer Traktorenfabrik etwa, die Generalleutnant Schamarin geschmiert haben sollen, sitzen schon seit vergangenem Jahr in U-Haft, ausgerechnet jetzt haben sie angeblich gegen ihn ausgesagt“, so ein russischer Militärexperte anonym. „Es geht auch darum, die Stimmung an der Front zu heben, indem man zeigt, dass der Zivilist Beloussow korrupte Sofa-Offiziere beseitigt und auf der Seite der einfachen Frontsoldaten steht.“ Der neue Minister Beloussow verkündete in einer Ansprache: „Man darf Fehler machen, lügen darf man nicht“. In den sozialen Netzwerken tauchten reihenweise Fotos von Frontkriegern auf, die Kartons mit dieser Parole hochhalten. Der Flashmob mag befohlen worden sein. Aber man glaubt wohl wirklich in der Armee, dass es nach Schoigu nur besser werden kann.
