Attacke über Umwege

Putin hat es auf Ukraines mächtige „Storm Shadow“ abgesehen - bislang fast ohne Erfolg

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unterschreibt auf einem mutmaßlichen Scalp EG-Marschflugkörper, was als Beweis gedeutet wurde, dass die Lieferung aus Frankreich bereits erfolgte (Bild vom 6. August 2023).
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Die Storm-Shadow-Flugkörper lassen sich schwer entdecken. Russland hat der Waffe kaum etwas entgegenzusetzen - und wählt nun einen indirekten Ansatz.

Kiew – Die Suchoi Su-24-Bomber der Ukraine sind älter als viele ihrer Piloten und spielen dennoch eine entscheidende Rolle im Ukraine-Krieg. Das Kampfflugzeug schießt die reichweitenstarken britischen Storm-Shadow- und französischen Scalp-EG-Marschflugkörper ab, die Ziele in den von Russland besetzten Gebieten oft auf den Meter genau erreichen. Moskau will das Problem nun bekämpfen und attackiert die Basen, auf denen die Su-24 parken – zunächst offenbar ohne Erfolg.

„Storm Shadow“ der Ukraine: Russland will offenbar parkende Su-24-Flieger treffen

Im Mai erklärte der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow, die Trefferquote der Storm Shadow liege bei 100 Prozent. Die Angaben ließen sich zwar nicht verifizieren. Klar ist aber, dass plötzlich auch besetzte Gebiete wie die Krim dank der über 250 Kilometer weit fliegenden Marschflugkörper in Reichweite der Ukraine gelangten. Diese hatte Kiew zuvor lediglich mit Drohnen erreichen können. Hinzu kommt, dass die russischen Streitkräfte den präzisen und besonders tieffliegenden Storm Shadow und Scalp/EG momentan kaum etwas entgegenzusetzen haben.

Ein häufiges Ziel russischer Angriffe war in den vergangenen Wochen daher die kleine ukrainische Stadt Starokostjantyniw, die mehrere hundert Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt und auf den ersten Blick recht unbedeutend wirkt. Der Schein trügt allerdings: In der 30.000 Einwohner-Stadt befindet sich der Luftwaffenstützpunkt der 7. taktischen Luftfahrtbrigade der ukrainischen Streitkräfte – und damit auch eine große Zahl an Su-24-Flugzeugen.

Storm Shadow reduziert ukrainische Verluste – und ermöglicht Treffer in besetzten Gebieten

Russlands Präsident Wladimir Putin wollte den Krieg in wenigen Tagen gewinnen und Kiew schnell einnehmen. Damit scheiterte er bekanntlich – auch aufgrund des Einsatzes der Su-24 gegen russische Fallschirmjäger bei einem Flughafen nahe Kiew kurz nach Kriegsbeginn. Nun haben die Flugzeuge eine weitere wichtige Aufgabe. Im Mai kündigte London die Lieferung von gemeinsam mit Frankreich produzierten Storm-Shadow-Marschflugkörpern an. Dank einer Umrüstung lassen sich die präzisen Geschosse des Typs Storm Shadow - und der französischen Bezeichnung Scalp/EG - von diesen Flugzeugen aus abfeuern.

Wegen der hohen Reichweite können die Piloten die Marschflugkörper bereits über von der Ukraine kontrolliertem Luftraum ausklinken, was den Einsatz für Mensch und Maschine weniger gefährlich macht. Das belegen auch Zahlen: Daten des Magazins Forbes zufolge gelang es Russland im vergangenen Jahr pro Monat ein oder zwei der Su-24 zu zerstören. Im Jahr 2023 gab es indes kaum Treffer auf das Modell, wodurch sich die Gesamtzahl der Verluste dieses Flugzeugtyps auf 17 belaufe, hieß es. Auf der von Russland völkerrechtswidrig besetzten Halbinsel Krim gelangen der 7. Brigade der Ukraine zuletzt zudem wichtige Angriffe auf logistische Knotenpunkte, ein Depot der russischen Armee sowie zwei von vier Brücken, die Cherson mit der Krim verbinden.

Ukraine-Krieg: Kiew verlegt Flieger schnell, um russischem Angriff zu entgehen

Die meisten der russischen Drohnen Ende Juli hätten auf den Militärflugplatz in Starokostjantyniw gezielt, bestätigte der Sprecher der Luftwaffe, Juri Ignat. Die Schahed-Drohnen konnten der Luftwaffe zufolge zerstört werden. Auch am Sonntag (6. August) wurde der Stützpunkt der 7. Brigade erneut mit dutzenden Drohnen beschossen. Dass die Flugzeuge dennoch nicht getroffen wurden, ist neben dem Einsatz von Flugabwehrsystemen wie Patriot oder Iris-T offenbar auch der Geheimdienstarbeit zu verdanken.

Die Piloten seien rechtzeitig informiert worden und hätten die Flugzeuge auf andere Flugfelder in Sicherheit geflogen, hieß es vonseiten der Ukraine. Man sei „ziemlich mobil“ sagte Ignat laut Kyiv Post zu den zahlreichen Angriffen auf den Militärflughafen. „Wir haben viele einsatzbereite Flugplätze im ganzen Land“, so der Sprecher. Deshalb werde es Russland nicht gelingen, die ukrainischen Kampfflugzeuge so einfach auszuschalten. Russlands Taktik, die Su-24 bereits vor ihrem Einsatz zu zerstören, geht bislang offenbar nicht auf.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges hatte Kiew Berichten zufolge viele eingelagerte Su-24 wieder flugfähig gemacht. Experten schätzen laut einem Forbes-Bericht vom November, dass die Ukraine über 51 dieser Flugzeuge verfüge. (bme)

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