„Russlands Niederlage wäre eine Demütigung“: Krim entscheidet über Putins Zukunft
VonPatrick Mayer
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Die Krim könnte über das politische Schicksal von Wladimir Putin entscheiden. Experten sehen die Halbinsel deshalb auch als Schlüssel.
Sewastopol – Die Bilder, die während des Ukraine-Krieges von der Krim aus dem russischen Regierungsapparat stammen, wirken oft etwas bizarr und geradezu sarkastisch.
Trotz der Tatsache, dass Hunderte oder sogar Tausende von Soldaten des Moskauer Regimes an den Frontlinien zwischen Charkiw, Donbass und Saporischschja in der Ukraine ihr Leben lassen, präsentiert der Kreml Bilder von Urlaubern auf der Halbinsel. Es sind junge Leute zu sehen, die inmitten von malerischen, violett blühenden Lavendelfeldern Fotos für soziale Medien schießen.
Auch Touristen, die an den Stränden der Krim entspannen, während nur wenige Kilometer entfernt in der vorangegangenen Nacht die extrem leistungsfähigen ATACMS-Raketen oder Storm-Shadow-Marschflugkörper der ukrainischen Streitkräfte in russische Militäreinrichtungen einschlugen, sind zu sehen. Könnte es sein, dass sich an den Schwarzmeerküsten der völkerrechtswidrig besetzten Krim das Schicksal des Autokraten Wladimir Putin entscheidet? Viele Experten glauben genau das auch im Sommer 2024.
Expertin sieht in Krim „Russlands Zugang zum Schwarzen Meer“
Olga Khvostunova vom Eurasien-Programm am Foreign Policy Research Institute (FPRI) erklärte laut Business Insider, „Russlands Niederlage auf der Krim wäre nicht nur eine Niederlage, sondern eine Demütigung“. Maria Snegovaya, Senior Fellow bei der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS), betonte gegenüber BI, dass die Krim „der Schlüssel für Russlands Zugang zum Schwarzen Meer und für seine (militärischen, d. Red.) Operationen“ sei. Sie fügte hinzu: „Die Krim ermöglicht eine Macht-Projektion über den Rest des Schwarzen Meeres. Dementsprechend ist die Abschreckung russischer Marine-Positionen auf der Krim für die Ukraine von entscheidender Bedeutung“.
Bereits in früheren Phasen des Ukraine-Krieges wurde die Vermutung geäußert, dass Putins Machterhalt eng mit der Krim verbunden ist. Die malerisch gelegene Halbinsel zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer sollte schließlich den vermeintlichen und angeblichen Wohlstand unter seiner Herrschaft veranschaulichen. Doch im Frühsommer 2024 gleicht auch diese besetzte ukrainische Region eher einem Schlachtfeld.
Historiker zu Krim: Wichtig für „imperiales Bewusstsein Russlands“
„Fällt die Halbinsel an die Ukraine, dürfte es vermutlich um Putins Macht im Kreml geschehen sein.“ Das sagte der Historiker und Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa von der Universität Tübingen äußerte im Sommer 2023 im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Er betonte, dass die Krim „für das aktuelle imperiale Bewusstsein Russlands eine wichtige Rolle“ spiele. Gestwa wies auf die hohe Bedeutung der Halbinsel in der subjektiven russischen Geschichtsschreibung hin, die Putin in seinen Argumentationen immer wieder nutzt.
„Der militärische Ruhm Sewastopols rührt daher, dass die Stadt im Krimkrieg elf Monate lang dem überlegenen Gegner Widerstand leistete. In der dem Hafen vorgelagerten sieben Kilometer langen Bucht versenkte die Schwarzmeerflotte ihre Schiffe, um die gegnerischen Flotte von der Stadt fernzuhalten“, erläuterte der Geschichtswissenschaftler, der in Moskau und St. Petersburg studiert hat und auch nach Kriegsausbruch informelle Kontakte in die Russische Föderation hielt. Im Krimkrieg hatten zwischen 1853 und 1856 Truppen des russischen Zarenreiches Angriffen einer Koalition aus Osmanischem Reich, Frankreich, Großbritannien und Piemont-Sardinien lange standgehalten.
Russland fürchtet ATACMS-Raketen – Ukraine greift ungehindert Stellungen an
Aber auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 war die russische Schwarzmeerflotte weiterhin in der Hafenstadt Sewastopol stationiert, nach einer eigens ausgehandelten Vereinbarung mit der Ukraine – was sich für diese bei der heimtückischen Besetzung der Halbinsel im Frühjahr 2014 bitter rächen sollte. Gestwa kritisierte im Sommer 2023 auch, dass die Sprengung des Kachowka-Staudamms, mutmaßlich durch die russische Armee, verheerende Folgen für Putins Truppen auf der Krim haben wird. Schließlich versorgt der Nord-Krim-Kanal, der sich aus dem Kachowka-Stausee speist, die Krim mit Wasser.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Doch ständiger Wassermangel ist bei Weitem nicht das einzige gravierende Problem für die Russen auf der ukrainischen Halbinsel. Die ATACMS-Mittelstreckenraketen (bis zu 300 Kilometer Reichweite) setzen den russischen Streitkräften auch dort seit Wochen schwer zu. So griff die ukrainische Armee etwa wiederholt den russischen Militär-Flugplatz Belbek am Stadtrand von Sewastopol an. Auch Kommandozentralen sowie große S-300- und S-400-Flugabwehrsysteme waren mehrmals das Ziel ukrainischer ATACMS-Attacken. Bislang haben Putins Soldaten wohl kein Mittel gefunden, um sich gegen die wuchtigen Raketen (vier Meter lang, 60 Zentimeter Durchmesser) zu verteidigen, die aus den HIMARS-Mehrfachraketenwerfern abgeschossen werden. Auch und gerade deshalb muss Putin wohl um die Krim bangen. Und um seine Macht? (pm)