Schutz vor Putins Attacken

„30 Windräder sind schwerer zu treffen“: Habeck will Ukraine klimaneutral machen

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Windkraft statt Akw: Wegen Russlands Angriffen will die Ukraine auf Erneuerbare umsteigen – und Habeck verspricht Hilfe beim Kiew-Besuch. Kann das klappen?

Kiew – Ob Atomkraft-, Wasser- oder Kohlekraftwerke: Die Energieinfrastruktur der Ukraine ist für Russland ein leichtes Ziel. Seit zweieinhalb Jahren attackiert die Armee von Präsident Wladimir Putin im Ukraine-Krieg Nacht für Nacht die Anlagen mit Raketen und Drohnen. Doch jetzt will das angegriffene Land umsteigen und die Strom- und Wärme-Versorgung dezentralisieren – mithilfe von Deutschland.

Bei seinem überraschenden Besuch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew wurde Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) von Vertretern der deutschen Energiewirtschaft begleitet. Die Mission: die Partnerschaft bei Windkraft und Solarenergie stärken. „Zur umfänglichen Unterstützung der Ukraine gehören auch die Unterstützung einer widerstandsfähigen Energieversorgung und des Wiederaufbaus“, betonte der deutsche Vizekanzler in einer Mitteilung.

Angriffe auf AKW Saporischschja: Ukraine will unabhängiger in Energieversorgung werden

Solarpaneele und Rotorblätter statt Panzer und Munition? Was wie ein schlechter Scherz klingt, hat durchaus einen ernsthaften Hintergrund. Durch die permanenten Angriffe aus Russland ist die Energieinfrastruktur der Ukraine durch den Krieg stark beschädigt. Mehr als 80 Prozent der Heizkraftwerke und 50 Prozent der Wasserkraftwerke erlitten seit Beginn des russischen Angriffskrieges bereits erhebliche Schäden. Auch das Atomkraftwerk in Saporischschja steht immer wieder im Zentrum der Kämpfe. Erst am Donnerstag (18. April) war von dort ein neuer Zwischenfall mit einer Kampfdrohne gemeldet worden, wie die Nachrichtenagentur dpa meldete.

Sprachen beim Kiew-Besuch auch über erneuerbare Energien: Präsident Wolodymyr Selenskyj Vizekanzler Robert Habeck.

Vor diesem Hintergrund sehen Fachleute in einem möglichst schnellen Umstieg auf erneuerbare Energien durchaus einen wichtigen Schritt für die Ukraine. „Wind- und Solarparks wären sicherlich nicht so einfach auszuschalten“, sagte Hans-Jürgen Wittman von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest dem Nachrichtenportal focus.de. Während sich die großen Kohle- und Atomkraftwerke auf wenige Anlagen konzentrieren, wäre eine grüne Energieversorgung dezentraler organisiert.

Solar und Windkraft: Ukraine plant Umstieg auf grüne Energie – auch wegen Russland

Denn Solaranlagen auf Hausdächern oder Windparks seien im Vergleich weniger leistungsfähig und müssten auf mehrere Standorte verteilt werden. Deren Zerstörung, so argumentiert auch Habeck, erfordere dann für mutmaßliche Angreifer einen größeren Aufwand. „Also ein großes Kraftwerk ist ein Ziel, aber 1000 Solardächer sind schwer zu treffen und 30 Windkraftanlagen sind eben auch schwer zu treffen“, sagte der Vizekanzler zum Abschluss seiner Reise der Nachrichtenagentur dpa.

Also ein großes Kraftwerk ist ein Ziel, aber 1000 Solardächer sind schwer zu treffen.

Robert Habeck (Grüne) beim Kiew-Besuch

Habeck in Kiew: Vizekanzler vereinbart Energie-Kooperation mit Ukraine

Habeck war überraschend am Donnerstag zu einem zweitägigen Besuch in Kiew eingetroffen. Auf dem Programm stand dabei auch ein Gespräch mit Präsident Wolodymyr Selenskyj. Neben den allgemeinen Rüstungsfragen redeten die beiden auch über die engere Energiepartnerschaft. Nachdem bereits bei vergangenen Besuchen von deutschen Regierungsvertretern einige Kooperationen angebahnt worden waren, weihte Habeck nun nach Informationen seiner Behörde eine Solaranlage bei Irpin ein. Als schnelle Soforthilfe sagte Habeck zudem die Lieferung von Notstromgeneratoren und Gasturbinen für beschädigte Kraftwerke zu.

Während es für die Ukraine der Umstieg auf erneuerbare Energien überlebenswichtig ist, steckt für deutsche Firmen durchaus ein großes Geschäft dahinter. Bis 2035 will die Ukraine dem Bericht von focus.de zufolge den Ausbau auf grüne Energieträger verdreifachen. Denn insgesamt wurde die Infrastruktur im Wert von zehn Milliarden Euro zerstört. Dies gilt es kurz- bis mittelfristig wieder schnell aufzubauen.

„Dezentral errichtete Photovoltaikanlagen sorgen dafür, die Energieversorgung weniger verwundbar zu machen. Erneuerbare Energien werden beim Wiederaufbau der Ukraine eine zentrale Rolle spielen“, sagte der Präsident vom Bundesverband der Solarwirtschaft (BSW), Jörg Ebel, dem PV-Magazin am Rande der Habeck-Reise.

Wiederaufbau der Ukraine nach Krieg: Habeck und Selenskyj planen Energiegipfel

In der Ukraine weiß man das deutsche Engagement für erneuerbare Energien durchaus zu schätzen. So bedankte sich Selenskyj nach dem Besuch von Habeck für die anhaltende Unterstützung Deutschlands im Verteidigungskrieg gegen Russland. „Wir schätzen Deutschlands Führungsrolle, die nicht nur uns in der Ukraine beim Schutz von Leben hilft, sondern ganz Europa selbst – eben jenes Europa zu bewahren, das friedlich zu leben weiß, das Recht kennt und weiß, wie man sich um Menschen kümmert“, sagte Selenskyj.

Zugleich kündigte er eine im Juni in Berlin geplante Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine an. Neben bilateralen Projekten zur Rüstung soll es auch um die Energiewirtschaft gehen. Denn: „Russland hat mit großer Gewalt noch mal Angriffe auf die Energieinfrastruktur des Landes unternommen und weil die Gewalt eben so brutal war, auch einige Wirkungstreffer erzielt“, gab Habeck zu bedenken.

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Wie brutal die Situation im Land ist, erlebte der Vizekanzler dabei hautnah. Morgens ertönte in Kiew Luftalarm, weswegen Habeck auf seiner Stippvisite Schutz im Keller seines Hotels suchen musste. Im Gegensatz zu vielen anderen Schutzräumen im Land gab es dort aber ausreichend Strom. (jkf)

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/Kay Nietfeld/dpa/Montage

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