„Abschlachtung droht“

Russland mit „Munition auf Jahre“, Ukraine im „logistischen Albtraum“ – wie kann der Westen richtig helfen?

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Panzer sind Teil der Waffenlieferungen, die der Westen an die Ukraine bewerkstelligt. (Symbolbild)
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Russlands Angriff in der Ukraine tobt weiter. Ein Experte sieht einen „Zermürbungskampf“ - und erklärt, worauf es bei einer möglichen Rückeroberung von Gebieten ankomme.

Kiew/München - Der russische Vormarsch im Donbass setzt sich, wie es scheint, fort. Nach Eroberung der ukrainischen Region Luhansk, konzentrieren sich die Truppen von Kremlchef Wladimir Putin auf den Donezk. Auch ein neues Ziel steht laut Geheimdienst-Bericht im Fokus während Moskau offenbar eine große Truppenbewegung startet.

Wie kann der Westen unterstützen – und mit welchem Ziel? SPD-Außenexperte Michael Roth sah zuletzt eine Chance für ukrainische Rückeroberungen. Einen „Zermürbungskampf“ auf lange Sicht sagt hingegen der Militärexperte Jack Watling in einem Interview mit dem Spiegel voraus. Hoffnungen auf Rückeroberungen ukrainischer Gebiete im eskalierten Ukraine-Konflikt - wie es beispielsweise mit der Schlangeninsel gelungen ist - bewertet der Experte zurückhaltend. Aus dem angegriffenen Land dringen unterdessen noch etwas alarmierende Warnungen nach Deutschland.

Ukraine-News: Trend könne „Russland auf lange Sicht begünstigen“

Für „sehr unwahrscheinlich“ halte er, dass die Russen in der Lage seien, die Ukraine militärisch zu besiegen, sagte Watling in dem Interview. „Das heißt aber nicht, dass Kiew in der Lage ist, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern“, wandte er ein. „Das erklärte Ziel der Rückeroberung des ukrainischen Territoriums ist nicht das, worauf wir zusteuern.“ Das heiße zwar nicht, „dass ein russischer Erfolg unvermeidlich ist“, doch der sich in den letzten Wochen abzeichnende Trend könne - bei einer Fortsetzung - „Russland auf lange Sicht begünstigen“, so der Experte.

Im Falle eines langen Zermürbungskampfes sei Russland in Sachen Personal und Waffen der Ukraine nämlich voraus. „Russlands Truppen haben ungelenkte Artilleriemunition auf Jahre hinaus. Das Risiko liegt in ihrer Logistik“, erklärte er dem Spiegel. Insbesondere „hochqualifizierte leichte Infanterie“ benötige die Ukraine, um Rückeroberungen erfolgreich durchführen zu können. Doch hier geben es einige Lücken. Um den „russischen Artillerievorteil“ zunichtezumachen, benötigt die Ukraine laut Watling:

  • Mehrfachraketenwerfer-Systeme und Artillerie von großer Reichweite,
  • Lenkwaffen mit Radarsuchern.

Ähnliche Ansichten hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. In einer Videobotschaft vom Mittwoch (6. Juli) sprach er von einer kraftvollen Verstärkung der ukrainischen Armee durch westliche Waffensysteme. Mit treffgenauer Artillerie zerstöre die Ukraine Depots und andere Ziele, die für die Logistik der russischen Truppen wichtig seien. „Und das reduziert das Offensivpotenzial der russischen Armee erheblich. Die Verluste der Besatzer werden mit jeder Woche zunehmen“, meinte er.

Eindringliche Rufe nach Waffenlieferungen bleiben weiterhin Bestandteil der Videobotschaften. „Je größer die Verteidigungshilfe für die Ukraine jetzt ist, desto eher wird der Krieg mit unserem Sieg enden und desto geringer werden die Verluste aller Länder der Welt sein“, sagte Selenskyj am Donnerstag. Der ukrainische Publizist Jurko Prochasko griff in einem aktuellen Gastbeitrag für die Zeit zu noch deutlicheren Worten: „Bleiben die Waffenlieferungen aus, droht der Ukraine die Abschlachtung“, schrieb er. Zugleich wäre eine Niederlage des Landes „geradezu eine Garantie für weitere Kriege Russlands“.

Ukraine-News: Waffenlieferungen aus dem Westen laut Experte ein „logistischer Albtraum“

Experte Watling erkannte im Gespräch mit dem Spiegel eine kritische Mindestmenge von Lieferungen. Erst „der Aufbau von größeren Artilleriekontingenten“ versetze die Ukrainer in die Lage, Gegenangriffe durchzuführen. Doch auch Monate nach dem Einmarsch Russlands seien die Lieferungen für die Ukraine aus dem Westen nicht ausreichend. Zwar hatten die USA und die Europäer in den vergangenen Wochen ihre Waffenlieferungen an die ukrainische Armee verstärkt, nach Ansicht Watlings jedoch nicht genug. Kanzler Olaf Scholz (SPD) kündigte am Donnerstag „mehrere Ringtäusche“ an - erteilte sofortigen Panzerlieferungen aber unter Verweis auf koordiniertes Handeln mit den Verbündeten eine Absage.

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„Was wir außer von einigen wenigen Ländern nicht gesehen haben, ist die Bereitstellung einer einzigen militärischen Fähigkeit in kritischer Größenordnung“, erklärte Watling gegenüber der Zeitung. Es würden „Geschütze in Batteriestärke bereitgestellt“. Erst „Geschütze in Bataillonsstärke“ würden jedoch einen Unterschied ausmachen. Hintergrund sei die dann mögliche Rotation der Waffen zwischen Nutzung und Wartung. Die Waffenlieferungen aus dem Westen seien ein „logistischer Albtraum“, bestehend aus verschiedenen Systemen, mit unterschiedlichen Munitionsarten, Schulungen und Wartungsverfahren.

Indes gibt es keinerlei Anzeichen für ein Ende des russischen Angriffskrieges. Ganz im Gegenteil: Erst am Donnerstag traf Putin Aussagen, die nichts Gutes erahnen lassen: „Jeder sollte wissen, dass wir noch nicht ernsthaft begonnen haben.“ (mbr/fn)

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