Soldaten des nach Achmat Kadyrow benannten tschetschenischen Sonderpolizeiregiments im Juli in der Stadt Lyssytschansk. Nun werden die tschetschenischen Einheiten offenbar zunehmend nach Cherson verlegt (Archivbild, Juli 2022).
Russland hat womöglich ein Problem mit Deserteuren. In der Region Cherson sollen nun tschetschenische Einheiten für Ordnung sorgen und russische Soldaten von einer Fahnenflucht abhalten.
Cherson - Die Schwerpunkte der Kämpfe im Ukraine-Krieg liegen derzeit im Donbass und im Süden in den Regionen Cherson und Saporischschja. Aktuell verlegt Moskau offenbar tschetschenische Einheiten in die Oblast Cherson, um die russischen Truppen am Desertieren zu hindern. Das geht aus einem Bericht der Kriegsforscher der US-Denkfabrik „Institute for the Study of War“ (ISW) hervor. Die Einheiten unter Ramsan Kadyrow, dem Republikchef von Tschetschenien im Nordkaukasus, gelten dabei als besonders brutal.
Ukraine-News: Russland verlegt offenbar gefürchtete „Bluthunde“ nach Cherson
Die Ukraine kündigte kürzlich eine Gegenoffensive in der südlichen Region Cherson an. Der Kreml behandelt dies offenbar sehr ernst und verlegte russische Truppen vermehrt in den Süden. Erstmals seit Beginn des Krieges habe die Ukraine die strategische Initiative inne, stellten die ISW-Kriegsforscher kürzlich fest. Russland sei demnach gezwungen zu reagieren und Kräfte umzuverteilen. Anscheinend hat Russland allerdings ein Problem, seine eigenen Truppen am Rückzug zu hindern, betonte ein entsprechender Bericht des ISW.
Dmytro Pletenchuk, der Pressesprecher der Militärverwaltung der Oblasst Mykolajiw teilte demnach mit, dass die russischen Streitkräfte zunehmend auch tschetschenische Einheiten in die Oblast Cherson verlegen würden, um russische Truppen am Desertieren zu hindern. Pletenchuks Aussage ließen sich zwar nicht unabhängig überprüfen. Die Kriegsforscher des ISW stellten aber fest, dass die Angaben mit früheren Berichten ukrainischer Nachrichtendienste übereinstimmen. So soll Moskau die russische Nationalgarde und tschetschenische Einheiten am linken Ufer des Flusses Dnipro stationieren, um russische Truppen am Rückzug aus dem nördlichen Teil der Oblast Cherson zu hindern.
Immer wieder war seit Beginn des Ukraine-Krieges von fehlender Moral unter den russischen Soldaten die Rede. Unklar ist jedoch, inwiefern es sich hierbei um westliches Wunschdenken handelt oder ob einzelne Erfahrungsberichte von Ex-Soldaten tatsächlich die Mehrheitsmeinung in den russischen Truppen widerspiegeln. Neben den Deserteuren soll Russland zudem offenbar Probleme haben, Reservisten und Freiwillige für seinen Krieg zu finden. Und das selbst für sehr angesehene Militäreinheiten oder für Positionen, die nicht direkt an der Front liegen, wie das „Institute of the Study of War“ weiter mitteilte.
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung
Wie wirkungsvoll ist die Gegenoffensive im Ukraine-Krieg wirklich? Während Kiew von Erfolgen spricht, erklärt Russland diese schon jetzt für gescheitert. Das Land spricht von einer „Illusion für den Westen“.
Ukraine-News: Putins „Bluthund“ Kadyrow bestätigt, weitere Truppen in die Ukraine zu entsenden
Der Kreml-Verbündete Ramsan Kadyrow ist auch als Wladimir Putins „Bluthund“ bekannt. Die Ukraine wirft den tschetschenischen Einheiten immer wieder besondere Brutalität vor. Am vergangenen Wochenende bestätigte Kadyrow, für den Kampf in der Ukraine neue Truppen mit „Freiwilligen“ auf den Weg geschickt zu haben, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete. In einem Video, das Einheiten auf dem Flughafen der tschetschenischen Hauptstadt Grosny zeigen soll, wurden die Uniformierten auf die „Vernichtung“ ukrainischer Nationalisten eingeschworen. Überprüfbar von unabhängiger Seite waren diese Aufnahmen nicht - stimmen jedoch mit dem ISW-Bericht überein.
Russland konnte die Region Cherson nach Beginn des Angriffskriegs am 24. Februar binnen weniger Tage unter seine Kontrolle bringen. Nun versucht die Ukraine, Ortschaften zurückzuerobern. Die Seehafenstadt Cherson liegt nördlich der Halbinsel Krim und die Angriffe auf russische Stellungen auf der und um die Halbinsel sind offenbar Teil der ukrainischen Gegenoffensive, um die Kontrolle über das Westufer des Flusses Dnipro zurückzugewinnen, analysierten die ISW-Experten.
Auf der von Russland annektierten Krim war es innerhalb von einer Woche zweimal zu Explosionen gekommen. Russland sprach von einem Sabotageakt, Kiew übernahm zunächst keine Verantwortung. Die New York Times hatte unter Berufung auf eine Militärquelle allerdings angegeben, dass ukrainische Streitkräfte hinter den Angriffen stecken würden. Sollte sich dies bewahrheiten, wäre dies ein signifikanter militärischer Erfolg für die Ukraine (dpa/bme).