Journalist hörte mit

Putin-Telefonat publik: Kremlchef würgte Macron ab - „ich will jetzt Eishockey spielen“

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Der russische Präsident Wladimir Putin telefoniert öfter mit Emmanuel Macron. Nun wurde der Inhalt eines Gesprächs öffentlich. (Symbolbild)
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Wladimir Putin und Emmanuel Macron telefonieren häufig miteinander. Bei einem Gespräch durfte ein Journalist Mäuschen spielen. Er veröffentlichte das Gesprächsprotokoll.

Paris - Seltene Einblicke in den Charakter Wladimir Putins. Kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs telefonierte der russische Präsident mit seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron. Was Putin offenbar nicht wusste: der französische Journalist Guy Lagache nahm das gesamte Gespräch unter Erlaubnis Macrons mit seiner Videokamera auf. Die Inhalte des Gesprächs werden am 30. Juni in einer Doku im französischen Fernsehen gezeigt. Vorab veröffentlichten französische Medien das Gesprächsprotokoll.

Gespräch zwischen Putin und Macron: „Du siehst doch selbst, was passiert“

Am 20. Februar, vier Tage vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine, telefonierte Putin mit Macron. „Wladimir, zunächst mal eine Sache“, sagt Macron zu Beginn des Gesprächs. Putin unterbricht, versucht die Gesprächsführung an sich zu reißen: „Hören Sie zu, Emmanuel.“ Macron wiederum fordert von seinem Gegenüber, „ganz direkt die russischen Absichten“ zu schildern.

„Was soll ich sagen? Du siehst doch selbst, was passiert“, entgegnete Putin und beschuldigte die Ukraine, Verträge wie das Minsker Abkommen zu brechen: ein nach der Krimannexion unterzeichnetes Friedensabkommen, das die Lage in der Ostukraine verbessern sollte. „Du und Kanzler Scholz, ihr habt mir gesagt, Präsident Selenskyj sei bereit zu einer Geste guten Willens (...) Aber unser lieber Kollege Selenskyj macht nichts. Er lügt.“ Macron widerspricht laut Gesprächsprotokoll, doch Putin scheint nicht näher darauf einzugehen. Beide dutzen sich in dem Gespräch.

Spekulationen um Gesundheit: So hat sich Putin in drei Jahrzehnten verändert

So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Diese Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er vom Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister 1994 wurde Wladimir Putin hier in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russischen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin im Jahr 2007 im Alter von 55 Jahren bei einem Treffen mit dem Chef des Federal Security Service in der Residenz Nowo-Ogarjowo in Moskau.
Wladimir Putin im Jahr 2007 im Alter von 55 Jahren in der Residenz Nowo-Ogarjowo in Moskau. Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine wird vermehrt darüber spekuliert, ob der russische Präsident unter Parkinson leidet. Die im Volksmund genannte „Schüttelkrankheit“ kündigt sich meist Jahre zuvor mit Symptomen an. © ITAR-TASS/IMAGO
Wladimir Putin im Jahr 2008 während der Ostermesse in Moskau.
Im Jahr 2008 zeigt sich Wladimir Putin während der Ostermesse in Moskau. Zwei Jahre später soll er sich angeblich einer kosmetischen Gesichtsoperation unterzogen haben. Weitere Schönheitsoperationen wurden vermutet, jedoch nie offiziell bestätigt. © UPI Photo/IMAGO
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Wladimir Putin im Jahr 2013 bei einem Treffen mit dem damaligen Verkehrsminister Maxim Sokolow in der Novo Ogaryovo Residenz.
Im Jahr 2012 kamen laut dem „Spiegel“ bereits Spekulationen um Putins Gesundheitszustand auf. Zwei Monate lang hatte der Staatschef damals keine Auslandsreisen unternommen. Das Foto zeigt Wladimir Putin im Jahr 2013 im Alter von 60 Jahren bei einem Treffen mit dem damaligen Verkehrsminister Maxim Sokolow in der Novo Ogaryovo Residenz. © ITAR-TASS/IMAGO
Wladimir Putin während der Ostermesse 2014 in Moskau mit Sergei Sobyanin in der Christ-Erlöser-Kathedrale.
Auf diesem Foto sieht man Wladimir Putin während der Ostermesse 2014 in Moskau mit dem heutigen Bürgermeister von Moskau, Sergei Sobyanin. Beobachter vermuten derzeit, dass der Kreml-Chef unter Schilddrüsenkrebs leiden könne. Hierzu recherchierte ein Investigativteam und stieß auf Hinweise zu gehäuften Arztbesuchen Putins im Jahr 2017. © ITAR-TASS/IMAGO
Wladimir Putin im Jahr 2017 mit 65 Jahren bei einem Telefonat mit Donetsk People s Republic head Alexander Zakharchenko and Lugansk People s Republic head Igor Plotnitsky.
Laut Informationen des Investigativteams „Proekt“ soll Wladimir Putin im Jahr 2017, als er längere Zeit von der Bildschirmfläche verschwand, häufigen Besuch des onkologischen Chirurgen Ewgeny Seliwanow erhalten haben. Der Mediziner soll angeblich 35 Mal zu Putin geflogen sein und 166 Tage in seinem Umfeld verbracht haben. Das Foto zeigt Putin 2017 mit 65 Jahren bei einem Telefonat. © Alexei Druzhinin/IMAGO
Wladimir Putin während der Ostermesse 2022 in Moskau
In den vergangenen Jahren hat sich der russische Präsident äußerlich stark verändert. Das Foto zeigt Wladimir Putin während der Ostermesse 2022 in Moskau. Aufgrund seines aufgedunsenen Gesichts vermuten Experten die Einnahme von Kortison. Bei seinem Auftritt soll er kaum gesprochen, auf seiner Lippe gekaut und „unsicher“ gewirkt haben, was Beobachter als Anzeichen einer möglichen Parkinson-Erkrankung werteten. © Sergey Guneev/IMAGO
April 21, 2022. - Russia, Moscow. - Russian President Vladimir Putin during a meeting with Russian Defence Minister Serg
Bei einem Gespräch mit dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu im April 2022 hielt sich Wladimir Putin außerdem mit einer Hand am Tisch fest. Die linke Hand des 69-Jährigen lag die ganze Zeit über unter dem Tisch auf seinem Schoß. So wurde spekuliert, ob Putin mit dieser Geste möglicherweise ein Zittern der Hand – ein typisches Symptom von Parkinson – verstecken wolle. © IMAGO/Kremlin Pool
Wladimir Putin bei einem Gespräch mit Presidential Commissioner for the Protection of Entrepreneurs Rights Boris Titov im Kreml.
Die Jahre und das Alter hinterließen Spuren bei Putin. Doch ist auch eine Krankheit an der Veränderung schuld? Auf aktuellen Fotos des Kreml-Chefs, wie hier bei einem Gespräch im Jahr 2022 mit dem russischen Unternehmer Boris Titov im Kreml, sieht man den äußerlichen Wandel von Putin. © Mikhail Metzel/IMAGO
Wladimir Putin bei einem Interview für den TV-Sender Russia-1 im Jahr 2022.
Die Gerüchte und Spekulationen rund um eine angebliche schwere Erkrankung Putins, der hier bei einem Interview für den TV-Sender Russia-1 im Jahr 2022 zu sehen ist, wurden von offizieller Seite nie bestätigt. Wie es um seine Gesundheit bestellt ist, das weiß vermutlich nur Wladimir Putin selbst und sein engster Kreis. © Mikhail Klimentyev/IMAGO

Macron platzt der Kragen: „Ich weiß nicht, wo dein Jurist studiert hat“

Stattdessen verteidigt Putin die von Russland unterstützten Separatisten in der Ostukraine. „Ich verstehe euer Problem mit den Separatisten nicht. Sie haben wenigstens getan, was wir ihnen gesagt haben und haben einen konstruktiven Dialog mit der ukrainischen Seite begonnen.“ Macron schimpft daraufhin: „Ich weiß nicht, wo dein Jurist studiert hat. (...) Ich weiß nicht, welcher Jurist sich zu der Behauptung versteigt, dass Gesetzestexte in einem souveränen Land von Separatisten ausgearbeitet werden und nicht von einer demokratisch gewählten Regierung.“

Putin spricht erneut von den politischen Vorschlägen der Separatisten. Dabei geht es wohl um die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Macron entgegnet: „Die Vorschläge der Separatisten interessieren uns nicht.“

Putin geht daraufhin auf die Aussagen Macrons ein. „Es handelt sich nicht um eine demokratisch gewählte Regierung“, sagt der Kremlchef mit Blick auf die Ukraine und attackiert dann Präsident Wolodymyr Selenskyj: „Sie ist über einen Staatsstreich an die Macht gelangt, es gab Leute, die lebendigen Leibes verbrannt wurden, es war ein Blutbad und Selenskyj ist einer der Verantwortlichen.“

Putin-Macron-Telefonat: „Ich möchte jetzt Eishockey spielen“

Zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs scheint der Ton rauer. Letztlich bemüht sich Macron allerdings auch um eine Vermittlerrolle. Es gehe darum, „alle zu beruhigen“, Putin solle sich „in den kommenden Stunden und Tagen nicht zu Provokationen hinreißen“ lassen. Macron schlägt daraufhin ein gemeinsames Treffen mit US-Präsident Joe Biden vor. Ein Datum nennt Macron nicht, spricht stattdessen von den „kommenden Tagen“.

Putin scheint nicht abgeneigt. „Es ist ein Vorschlag, der es verdient hat, beachtet zu werden“. Macron hakt nach, schlägt vor, dass sich die Präsidialberater um die Formalien kümmern. Putin weicht aus. „Um dir nichts zu verbergen, ich will jetzt Eishockey spielen, ich spreche mit dir aus meiner Sporthalle, wo ich mit dem Training beginne. Ich rufe erst mal meine Berater an“.

Putin spielt regelmäßig Eishockey. Mit Schlittschuhen wirkt der Kremlchef durchaus sattelfest. In staatlichen Medien werden die Qualitäten des 69-Jährigen allerdings auch vollkommen überinszeniert. Bei einem Freundschafts-Eishockey-Spiel in Sotschi 2019 erzielte der Präsident acht Tore. Auf Youtube gibt es die Highlights der Partie, in der es Putin nicht sonderlich schwer gemacht wird, ins Tor zu treffen. Kommentatorenduo, Mitspieler und Stadionbesucher feiern dennoch. Ein Treffen mit Biden kam übrigens nicht zustande. Vier Tage nach dem Gespräch begann der Ukraine-Krieg. (as)

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