Russischer Offizier mit ungeheurer These zu Selenskyj - deutsche Zeitung als angebliche Quelle
VonStephanie Munk
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Methoden, die Putin nachgesagt werden, unterstellt ein Offizier Russlands dem Westen. Im Ukraine-Krieg habe man einen mörderischen Plan mit Selenskyj.
Moskau - Absurde Thesen zu dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dessen politischer Zukunft hat jetzt der russische Offizier Oleg Ivannikow in einem Interview in einer russischen Zeitung präsentiert. Ivannikow ist Oberleutnant im russischen Militär und seine politische Vergangenheit hat es in sich: Laut einer Recherche der PlattformBellingcat soll er ab 2014 von Russland in der selbst ernannten Volksrepublik Luhansk installiert worden sein, wo er die militärischen Aktivitäten der russischen Armee und der privaten Wagner-Gruppe koordiniert haben soll. Außerdem wird er verdächtigt, unter einem Decknamen am Absturz des Flugs MH17 beteiligt gewesen zu sein, die mit einer russischen Luftabwehrrakete über der Ostukraine abgeschossen worden sein soll.
Seine eigenen zwielichtigen Vorgehensweisen scheint Ivannikow gerne auf andere zu übertragen. Zumindest präsentiert er in dem Interview in der russischen Wochenzeitung Argumenty i Fakti ein Weltbild, das von Intrigen und Mord geprägt ist. Die steile These des Offiziers lautet: Der Westen arbeite insgeheim an der „sanften Absetzung“ des ukrainischen Präsidenten. „Sanft“ bedeutet für den Russen: Der Westen wolle Selenskyj dazu bringen, Selbstmord zu begehen oder bewirken, dass er an den „Folgen des Konsums psychotroper Substanzen“ sterbe.
These zum Ukraine-Krieg: Westen wolle Selenskyj loswerden - Bild-Artikel als Beleg
Ausgerechnet einen deutschen Zeitungsartikel verwendet Ivannikow als Beleg für diese absurde Theorie. Es geht um einen Artikel des Vize-Chefredakteurs der Bild-Zeitung, Paul Ronzheimer. Dieser führte Anfang Juni ein Interview mit Selenskyj in Kiew und verfasste dazu im Nachgang einen Text, in dem er seine Eindrücke von Selenskyj beschreibt. In dem Artikel mit der Überschrift: „So habe ich Selenskyj noch nie erlebt“ schreibt Ronzheimer beispielsweise: „Selenskyj ist am Limit“, „auf wohl keinem Präsidenten lastet derzeit größerer Druck, mehr Erwartungen“, und er schlafe nachts teilweise nur zwei Stunden. „Selenskyj wirkt auf mich im einen Moment völlig geschafft, im nächsten dann wieder wach, sogar witzig.“
Für einen Staatschef, dessen Land sich seit fast eineinhalb Jahren im Krieg gegen ein übermächtiges Russland befindet, ist das keine große Überraschung. Und auch Ronzheimer führt den Zustand Selenskyjs auf die Belastungen durch den Ukraine-Krieg und die permanenten Angriffe Russlands zurück, das sich offensichtlich in den Kopf gesetzt hat, die Ukraine zu zerstören. Der Bild-Journalist schreibt: „Ständige nächtliche Drohnen-Angriffe, die eigene Gefahr für sich und die Familie, die von der Welt erwartete Gegenoffensive. Und jetzt auch noch die Staudamm-Katastrophe. Auf wohl keinem Präsidenten lastet derzeit größerer Druck, mehr Erwartungen.“
Selenskyj leide nicht unter Aggression Russlands - sondern unter Methoden des Westens
Doch Ivannikow interpretiert das anders: Hinter Selenskyjs Zustand steckt für ihn nicht die Belastungen durch den Krieg. Er behauptet stattdessen, dass der Westen bei Selenskyj dabei sei, Methoden anzuwenden, wie sie eigentlich regelmäßig dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nachgesagt werden: Die Liquidation unliebsamer Personen durch Vergiftung, Killerkommandos oder ähnlichem. „Selenskyj ist psychisch wirklich überfordert durch den langfristigen Konsum psychotroper und narkotischer Substanzen, die ihm seine ausländischen Partner eingeflößt haben, um seine Leistung zu unterstützen. Jetzt wirkt es sich auf die negativste Weise aus“, so Ivannokow.
Selenskyj schlechter Zustand sei vom Westen beabsichtigt, so der russische Offizier: Man wolle ihn loswerden, denn der Westen wolle Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland. „Aber Selenskyj passt nicht in diese Verhandlungen“, er sei zu renitent. Deshalb bereiteten westliche Partner nun „die sanfte Absetzung Selenskyjs“ vor und gestalteten die Situation so, „dass er entweder selbst Selbstmord begehen oder an den Folgen des Konsums psychotroper Substanzen sterben kann“.
Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands
Neuer Präsident der Ukraine? Westen hat angeblich schon Ersatz für Selenskyj im Auge
Auch einen Wunsch-Nachfolger als ukrainischen Präsidenten habe der Westen angeblich bereits parat: Den ukrainischen Geheimdienstchef Kyrylo Budanow. „Er ist jung, kreativ, kommuniziert gut mit den Medien, erklärte sich zum Kämpfer gegen die russische Bedrohung und verfügt über Charisma“, so Ivannikow im Interview. Und noch wichtiger, so der Offizier: „Budanow ist als Soldat daran gewöhnt, immer Befehle zu befolgen. Wenn die Kuratoren von jenseits des Ozeans einen Befehl erteilen, wird er ihn genauso gewissenhaft ausführen, wie er den Befehlen Selenskyjs und anderer Nazi-Führungskräfte in Kiew gefolgt ist.“
Selenskyj sei sich durchaus bewusst, dass der Westen ihn durch Budanow ersetzen will, so Ivannikow. Er tue alles, „um Budanow aus dem Informationsraum zu streichen“, behauptet er. Dazu passt jedoch nicht die Tatsache, dass Selenskyj erst vor einigen Wochen Budanow als neuen ukrainischen Verteidigungsminister ins Spiel brachte. Vor wenigen Tagen stellte die Ukraine auf seiner offiziellen Homepage außerdem ein eindrucksvolles Video von Budanow online, in dem dieser schweigend vor einer Kamera sitzt, um zu demonstrieren soll, dass die Ukraine nicht ihre Pläne zur Gegenoffensive öffentlich ausbreiten will.
Nicht an die Fakten hält Ivannikow sich auch an anderen Stellen des Interviews: Der Westen habe „kürzlich bereits eine völlige Rezession der Wirtschaft bestätigt“, stellt er beispielsweise in den Raum - deswegen wolle er nun auch unbedingt Verhandlungen mit Russland. (smu)