Putin nutzt den Winter im Ukraine-Krieg als Waffe, doch auch die Ukraine kann ihn für sich nutzen. Das Zufrieren des Flusses Dnipro könnte ein großer Vorteil sein.
Saporischschja – So hart der Winter für die Soldaten und Bevölkerung im Ukraine-Krieg ist – für militärische Manöver kann er auch ein Vorteil sein. Denn: Die Überquerung von Gewässern ist für Truppen an der Front oft ein großes Problem, das zugefrorene Gewässer temporär aus der Welt schaffen können.
Im Fall des Dnipro – des größten Flusses der Ukraine und des viertlängsten Flusses Europas – könnte dies nun eintreten. Nahe der Frontlinie von Saporischschja könnte sich das Wasser des Flusses bald in eine Eisfläche verwandeln, heißt es in einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Tass. Die Ukraine könnte dies nutzen, um weiter vorzurücken – weshalb ein ranghoher russischer Beamter am Montag (9. Januar 2022) nun ausdrücklich vor einem solchen Manöver warnte.
Ukraine-News: Russischer Besatzungschef warnt vor Manöver der Ukraine
Laut der Nachrichtenagentur Tass zeigte sich der Chef der russischen Besatzung im Gebiet Saporischschja, Wladimir Rogow, im russischen TV alarmiert angesichts eines möglichen ukrainischen Coups. „Wir können sehen, dass es mehr Möglichkeiten gibt, den Dnipro zu überqueren“, wird Rogow zitiert. Russland müsse darauf vorbereitet sein.
Dnipro könnte bald zufrieren: Hat die Ukraine die Schleusen für Gegenoffensive manipuliert?
Dass der Dnipro in der Gegend um Saporischschja möglicherweise bald zufriert, ist angeblich kein Zufall – und hat wohl auch nicht ausschließlich etwas mit dem Frost zu tun. Besatzungschef Rogow behauptete laut Tass, dass die Ukraine den Wasserstand des Flusses absichtlich manipuliert habe, um ein Absinken des Fluss-Pegels zu bewirken. Die Ukraine habe dazu flussaufwärts des Dnipro einige hydraulische Schleusen an Wasserkraftwerken geschlossen, sodass der natürliche Wasserfluss unterbrochen worden sei, so Rogow.
Dnipro bildet Hindernis zwischen Truppen der Ukraine und Russland
Seit die ukrainische Armee im November erfolgreich die Stadt Cherson zurückerobert hat und sich die Russen auf das östliche Ufer des Dnipro zurückziehen mussten, bildet der bis zu 15 Kilometer breite Fluss ein natürliches Hindernis zwischen den gegnerischen Armeen. Die ukrainischen Soldaten haben sich auf der westlichen, die russischen auf der östlichen Uferseite positioniert.
Sollte der Fluss nun allerdings zufrieren, könnte die Ukraine im Gebiet Saporischschja tatsächlich einen neuen Offensivversuch starten, erklärte der ukrainische Ex-Kommandeur und heutige Politiker Roman Kostenko gegenüber dem US-Nachrichtenportal Newsweek. Die Ukrainer könnten den Fluss überqueren und dies als Basis nutzen, um von dort entlang des östlichen Dnipro-Ufers in Richtung Süden vorzurücken.
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Winter hat im Ukraine-Krieg neue Phase eingeläutet
Der Winter hat im Ukraine-Krieg insgesamt eine neue Phase eingeläutet und das könnte noch aus anderen Gründen einen massiven Einfluss auf das Geschehen an der Front haben, wie eine Analyse von IPPEN.MEDIA zeigt. Die US-Experten des „Institute for the Study on War“ (ISW) sehen dabei die Ukraine im Vorteil, wie sie im Dezember in einer Einschätzung schrieben: Die ukrainischen Truppen bereiteten sich „wahrscheinlich darauf vor, die Vorteile des gefrorenen Gebiets zu nutzen, um sich leichter bewegen zu können, als dies in den schlammigen Herbstmonaten möglich war“. Russland dagegen werde wohl den Winter überbrücken wollen, um eine Offensive im Frühjahr vorzubereiten.
Derzeit muss die Ukraine jedoch auch schwere Verluste hinnehmen: Am Dienstag (10. Januar) gewann Russland offenbar die Kontrolle über die Kleinstadt Soledar in der Ostukraine, auch die kürzlich erst zurückeroberte Stadt Bachmut könnte bald wieder in die Hände der russischen Armee fallen. (smu)